Auch Tauben können lügen

Epstein et al. (1980) trainierten Tauben, miteinander zu kommunizieren. Zwei Tauben saßen in Käfigen nebeneinander, so dass sie jeweils sehen konnten, was die Taube im anderen Käfig tat. Die Taube im linken Käfig („Jack“, der „Zuhörer“) hatte mehrere Schalter vor sich, auf die sie picken konnte. Ein Schalter war mit der Aufschrift „Welche Farbe?“ versehen, darunter befanden sich Schalter in den Farben Rot, Grün und Gelb, daneben ein Schalter mit der Aufschrift „Danke“. Die Taube im rechten Käfig („Jill“, die „Sprecherin“) hatte drei schwarze Schalter vor sich, die mit „R“ (für Rot), „G“ (für Grün) und „Y“ (für Gelb) beschriftet waren. In Jills Käfig befand sich zudem ein mit einem Vorhang verdecktes kleines Fenster, hinter dem jeweils vom Versuchsleiter eine Farbscheibe gezeigt wurde. Wenn Jill ihren Kopf durch diesen Vorhang steckte, konnte nur sie (nicht aber Jack) erkennen, welche Farbe gezeigt wurde.

Jack wurde nun trainiert, zunächst den Schalter mit der Aufschrift „Welche Farbe?“ zu drücken. Daraufhin sah Jill hinter den Vorhang und drückte den schwarzen Schalter mit der entsprechenden Aufschrift (R, G. oder Y). Daraufhin drückte Jack den Schalter mit der Aufschrift „Danke“. Dies ermöglichte Jill für 3,8 Sekunden den Zugang zum Futtermagazin. Wenn Jack dann auch noch den richtigen Farbschalter in seinem Käfig drückte, hatte auch er für kurze Zeit Zugang zu einem Futtermagazin in seinem Käfig. Über mehrere Wochen hinweg wurden beide Tauben trainiert, sowohl die Rolle des „Zuhörers“ als auch die des „Sprechers“ einzunehmen.

Lanza et al. (1982) führten eine Variante ein, die dazu führte, dass der Sprecher „log“. Der Sprecher hatte nun nur noch dann für 3,8 Sekunden Zugang zum Futtermagazin, wenn die Farbe Rot angezeigt wurde. Bei den Farben Grün und Gelb war das Futtermagazin des Sprechers nur noch von dem Zeitpunkt, wenn der Zuhörer den Schalter „Danke“ drückte, bis zu dem Zeitpunkt, wenn dieser den entsprechenden Farbschalter drückte, freigegeben. Dieser Zeitraum war deutlich kürzer, nämlich im Schnitt nur 0,7 bis 1,3 Sekunden, je nachdem wie schnell der Zuhörer pickte. Beide Tauben gaben als Sprecher nun fast zu 100 % korrekt an, ob die Farbe hinter dem Vorhang Rot war. Wenn die Farbe Grün oder Gelb war, sank die Korrektheit der Angaben des Sprechers deutlich. In bis zu 60 % der Fälle gab der Sprecher nun fälschlicherweise an, er habe die Farbe Rot hinter dem Vorhang gesehen. Das wäre jetzt nicht weiter überraschend, wenn man nicht folgenden Umstand kennt: Die falschen Angaben des Sprechers wurden nie verstärkt. Wenn der Zuhörer nach der falschen Aussage des Sprechers, dieser habe Rot gesehen, die Taste mit der Aufschrift „Danke“ betätigte, öffnete sich für den Sprecher nicht das Futtermagazin. Nach fünfzehn weiteren Tagen hörten die Tauben wieder auf, bei den Farben Grün oder Gelb zu lügen, sie hätten Rot gesehen.

Literatur

Epstein, R.; Lanza, Robert P. & Skinner, B. F. (1980). Symbolic communications between two pigeons (Columbia livia domestica). Science, 207, 543-545.

Lanza, R. P.; Starr, J. & Skinner, B. F. (1982). “Lying” in the pigeon. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 38(2), 201-203.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Tiere, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s