Anmerkung zu Manfred Spitzer: Lernen

Das zu lesen, habe ich nicht lange ausgehalten, daher nur ein kurzer Blick auf das, was für Verhaltensanalytiker relevant ist

In der Einleitung seines Kapitels „Motivation“ (S.175ff) erwähnt Manfred Spitzer kurz das operanten Konditionieren (und offenbart die übliche, in Bezug auf dieses Thema endemische Halbbildung), nur um sich sogleich vehement davon zu distanzieren. Es sei zu einfach gedacht, wenn man dies denke: „Man belohnt, was sein soll und bestraft, was nicht sein soll“ (175). Das funktioniere nicht, „[w]eil Menschen keine Ratten sind!“ (S. 175).

Kurz darauf aber fasst er die Erkenntnisse der Hirnforschung dazu, wie Lernen funktioniere, wie folgt zusammen: „Gelernt wird nicht einfach alles, was auf uns einstürmt, sondern das, was positive Konsequenzen hat“ (S. 177).

Ach? – Demnach ist die vielgelobte Hirnforschung trotz allen Detailwissens noch nicht mal soweit, wie Thorndike (1898) oder Skinner anno 1938 (der sah das nämlich etwas differenzierter – Was es Verhaltensanalytikern erlaubt, Verhalten wirklich vorauszusagen und zu verändern, nicht nur schlau darüber zu reden…).

In diesem Zusammenhang legt Spitzer auch noch nahe, dass sich Skinner um seine, Spitzers, Freundschaft bemüht habe, als dieser sich in Harvard aufgehalten hat. Ich halte das rundweg für Aufschneiderei von Herrn Spitzer…

Spitzer ist aber nur ein weiteres Beispiel für einen dieser „Geisterjäger mit Geigerzählern“ (Faux, 2002).

Literatur

Faux, S. F. (2002). Cognitive neuroscience from a behavioral perspective. A critique of chasing ghosts with geiger counters. The Behavior Analyst, 25(2), 161-173.

Skinner, B. F. (1938). The Behavior of Organisms. New York: Appleton-Century-Crofts.

Thorndike, E. L. (1898). Animal intelligence : An experimental study of the associative process in animals. Psychological Review Monograph Supplement, 2(8).

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik, Meinung, Verhaltensanalyse

4 Antworten zu “Anmerkung zu Manfred Spitzer: Lernen

  1. Theodor Ickler

    Ich halte Spitzer für einen Scharlatan. Er äußert sich zu allem und jedem „als Hirnforscher“, auch wenn die Hirnforschung dazu gar nichts sagen kann. Aber er kommt sehr gut an damit, und gerade das kann einen trübsinnig stimmen.
    Ich habe meine Lesefrüchte und Kommentare hier eingestreut:
    http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106

    • Ein paar bunte Bildchen von Hirnscans machen halt noch keine Naturwissenschaft aus. Ich frage mich, ob es nur die unseriösen unter den Hirnforschern sind, die sich so bemerkbar machen oder ob es überhaupt etwas wirklich Berichtenswertes aus der kognitiven Neuropsychologie gibt? Was sind die wirklich wichtigen Erkenntnisse, die sie zutage gefördert hat, was sind die auf ihr basierenden Interventionen? Die Humanisten, denen ich nahe stehe, können sich m. E. machchmal gar nicht genug freuen über die nächste „Erkenntnis“ der „Hirnfoscher“. Die Programme der jährlichen Tagungen des (durch mich via HVD mitfinanzierten) „Turms der Sinne“ sind jedesmal voll davon. Freuen sich die Atheisten einfach, dass die Hirnforscher zeigen, dass wir nicht mit der immateriellen Seele denken, fühlen usw., sondern mit dem Gehirn? Nun, das wussten wir vorher auch schon. Was wissen wir jetzt wirklich mehr?

    • Ver

      Man muss eben zwischen Feuilleton, populärwissenschaftlicher Arbeit und wissenschaftlichen Arbeiten unterscheiden:
      – Feuilleton darf schon mal Thesen vorbringen, die vielleicht (noch) nicht nach allen Regeln der wissenschaftlichen Kunst haltbar sind. Insbesondere darf sie gesellschaftspolitische Themen anschneiden und diese ausführlich diskutieren.
      – populärwissenschaftliche Arbeiten haben eigentlich den Anspruch, den Leser – gedacht ist ein Laienpublikum, oft sind es dann aber Experten eines leicht anderen Fachgebietes oder angehendende Studente, meiner Erfahrung nach – über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zu informieren.
      Hierbei nimmt der Autor oft individuelle Perspektiven an. Favorisiert mal diese, mal jene These aufgrund eigener Vorlieben. Denn die These, zu der man selbst arbeitet, kennt man eben auch besser.
      Jenseits dieser „Unsauberkeiten“ sollte der Autor sich aber wegen der beschriebenen motivation um Objektivität bemühen. Wenn also die Mehrheit der Experten glaubt, dass X ist, aber der Autor das ablehnt, dann sollte er das gefälligst auch so darstellen und X nicht verschweigen.
      – Wissenschaftliche Beiträge richten sich an ein Fachpublikum für ein bestimmtes Thema. Das kann im Gegensatz zum Feuilleton ein extremes Nieschenthema sein, z. B. irgendwelche Helligkeitsabweichung von Sternen. Dabei wird dann aber auf einen Niveau diskutiert, dass nur entstehen kann, wenn alle wesentlichen Argumente allen Seiten bekannt sein.
      Wissenschaft entspricht nicht immer diese Ideal, soweit ich es beurteilen kann, sollte es aber.

      Das Problem ist, dass die Verführung groß ist, gegenüber den Publikum als wissenschaftlicher Experte aufzutreten und die volle Autorität dieser Rolle einzufordern (wie der populärwissenschaftliche Autor), dabei aber Feuilleton zu machen.

  2. Vielen Dank für den Link auf Ihre Seite, ich konnte mich fast nicht mehr losreißen. Ein schönes Fundstück, das ich mir merken muss: „Ich weiß jetzt, wie ein Computer funktioniert. Ich habe nämlich festgestellt, daß sich mein Notebook an verschiedenen Stellen verschieden stark erwärmt. Absurd? Aber es entspricht doch genau dem Niveau unserer Neurosophen. Mit ihren Gehirn-Scans stellen sie fest, daß das Gehirn bei verschiedenen Aufgaben verschieden stark durchblutet wird.“

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