Nachahmung von Mord-Selbstmorden – Bei Piloten

Piloten, die sich umbringen und dabei ihre Passagiere in den Tod mitnehmen, sind gar nicht so selten. Eine Rolle dabei spielt das Lernen am Modell: Die Berichterstattung über solche Geschichten inspiriert Nachahmungstäter. Dazu lag schon 1980 eine interessante Studie vor.

Phillips (1980) zeigt Zusammenhänge zwischen der Publikation von Fällen, in denen Mord und Selbstmord unmittelbar aufeinander folgten, in den Massenmedien und der Rate von Flugzeugabstürzen in den Vereinigten Staaten für den Zeitraum von 1968 bis 1973 (für nicht-kommerzielle Flüge) bzw. von 1950 bis 1973 (für kommerzielle Flüge) auf.

In vorhergehenden Studien gelang Phillips (1974, 1977, 1978, 1979) der Nachweis eines Zusammenhangs zwischen der Veröffentlichung von spektakulären Fällen von Selbstmord und Selbstmorden sowie Autounfällen, insbesondere solchen Autounfällen, an denen nur ein Fahrzeug und nur der Fahrer desselben beteiligt war. Die Rate solcher Selbstmorde und Auto-unfälle war u. a. abhängig von der Bekanntheit dieser Berichte, der geographischen Verbreitung (d. h. Fälle über die v. a. in bestimmten Regionen berichtet wurde korrelierten mit einem Anstieg der Selbstmorde bzw. Autounfälle in diesen Regionen) und dem Alter der Person, über die in den Fällen berichtet wurde (d. h. die “Nachahmer” waren in etwa genauso alt).

Selbigen Nachweis führt Philipps (1980) auch für den Zusammenhang von Mord-Selbstmord-Geschichten und Flugzeugabstürzen (und zwar sowohl solchen mit Privatmaschinen als auch solchen mit Maschinen von Fluggesellschaften). Beobachtet wurde ein Zeitraum von 14 Tagen, unmittelbar vor und nach der Veröffentlichung dieser Geschichten in Zeitungen und im Fernsehen. Dabei zeigte sich ein signifikanter Anstieg der Flugzeugabstürze drei bis vier Tage nach der Veröffentlichung. Zehn Tage nach der Veröffentlichung sank die Rate wieder auf das Niveau vor der Veröffentlichung. Ebenso konnte ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung solcher Geschichten und der Häufigkeit von Flugzeugabstürzen gefunden werden, d. h. je mehr über die Mord-Selbstmord-Geschichte berichtet wurde, um so stärker stieg die Rate der Flugzeugabstürze. Bemerkenswert ist weiterhin, dass die Verbreitung in Tageszeitungen schon allein als Prädiktor für die Zahl der Flugzeugabstürze genügt, die Verbreitung im Fernsehen trägt nichts zur Vorhersage bei. Auch der geographische Zusammenhang konnte nachgewiesen werden: Wurde über eine Geschichte nur in bestimmten Bundesstaaten berichtet, so stieg die Rate der Flugzeugabstürze auch nur in diesen Staaten an.

Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Piloten von den veröffentlichten Geschichten “inspirieren” ließen und ihre Selbstmorde als Flugzeugabstürze tarnten – obwohl es in den Mord-Selbstmord-Geschichten nicht um Flugzeugabstürze ging. Es ist also von einer starken, ge-neralisierten Modellwirkung solcher Geschichten auszugehen: “In short, I will show that the impact of suggestion is at once more general and more grave than was previously suspected” (1003). Spezifisch dagegen ist die Kombination von Mord und Selbstmord bei den “Nachahmern”: Die Rate der Flugzeugabstürze, bei denen nur eine Person (nur der Pilot) ums Leben kam, nahm nicht zu.

Literatur

Phillips, D. P. (1974). The influence of suggestion on suicide: Substantive and theoretical implications of the Werther effect. American Sociological Review, 39, 340-354.
Phillips, D. P. (1977). Motor vehicle fatalities increase just after publicized suicide stories. Science, 296, 1464-1465.
Phillips, D. P. (1978). Airplane accident fatalities increase just after newspaper stories about murder and suicide. Science, 201, 748-750.
Phillips, D. P. (1979). Suicide, motor vehicle fatalities and the mass media: Evidence toward a theory of suggestion. American Journal of Sociology, 84, 1150-1174.

Phillips, D. P. (1980). Airplane accidents, murder, and the mass media: Towards a theory of imitation and suggestion. Social forces, 58(4), 1001-1024. DOI: 10.1093/sf/58.4.1001

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Eingeordnet unter Imitation, Psychologie

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