Politiker verhalten sich nach Plan

Der Verhaltensanalytiker Joseph V. Brady hatte bereits 1958 darauf hingewiesen, dass das Arbeitsverhalten des US-Kongresses an Verhalten unter einem festen Interfallplan erinnere, bei dem das Ende der Sitzungsperiode und der dann mögliche Kontakt zum Wahlvolk den Verstärker darstelle. Ganz besonders dürfte sich das alle zwei Jahre zeigen, wenn Wahlen anstehen. Nicht nur Zyniker sehen das hauptsächliche Anliegen der Abgeordneten im Streben nach Wiederwahl, so dass diese Annahme nicht ganz abwegig erscheint. Schon eine Arbeit von Weisberg und Waldrop (1972) zeigte, dass die Menge an Gesetzen, die (in den Jahren 1947-1968) vom Kongress verabschiedet wurden, gegen Ende der Sitzungsperiode immer rasant anstieg, um mit Beginn der neuen Sitzungen erst einmal zu ruhen. In einer Grafik (mit den kumulierten Häufigkeiten der verabschiedeten Gesetze) dargestellt, zeigte sich dasselbe treppenförmige Muster, wie wir es von Laborexperimenten kennen, bei denen das Versuchstier auf einem fixen Intervallplan für sein Verhalten verstärkt wird.

Kongress der Vereinigten Staaten

Einer Skinner-Box nicht unähnlich: Der Kongress der Vereinigten Staaten

Critchfield und andere (2003) wiesen nach, dass dies auch für den Zeitrum von 1948 bis 2000 gilt. Sie prüften dabei auch einige Voraussagen, die aus der Hypothese, dass das Arbeitsverhalten der Volksvertreter (in verabschiedeten Gesetzen gemessen) einem festen Intervallplan folge, abgeleitet werden können. Unter anderem kann man aus dieser Hypothese ableiten, dass die Rate des Verhaltens desto schneller wieder ansteigt, je größer der Verstärker ist. Auf die Gesetzgebung übertragen heißt das, dass die Rate der verabschiedeten Gesetze um so schneller ansteigt, je länger die vorausgehende Sitzungspause war (was voraussetzt, dass längere Sitzungspausen größere Verstärker sind, da sie den Abgeordneten mehr Zeit in ihrem Wahlkreis und damit mehr Kontakt zum Wahlvolk ermöglichen). Diese und die drei anderen Voraussagen konnten in einer statistischen Analyse der Daten bestätigt werden.Critchfield und seine Kollegen prüften auch einige Alternativhypothesen, so z. B. ob es nicht einfach die Arbeitslast während der Sitzungsperiode sei, die zur hektischen Aktivität gegen Ende der Sitzungsperiode führe oder ob die Gesetze einfach nur so lange Vorbereitung benötigten, um letztendlich gegen Ende der Sitzungsperiode verabschiedet werden zu können. Für diese und einige andere Alternativerklärungen für das treppenförmige Muster der Anzahl der verabschiedeten Gesetze ergaben sich keine Belege. Zum Beispiel fanden Critchfield et al., dass die Menge an Vorbereitung für die Gesetze (gemessen über die Aktivität von Ausschüssen und Unterausschüssen) sogar in negativer Beziehung zum Ausmaß der „Torschlussaktivitäten“ standen, d. h., je mehr während der Sitzungsperiode in den Ausschüssen gearbeitet wurde, desto geringer war die Anzahl der kurz vor Schluss verabschiedeten Gesetze. Es scheint, dass die Volksvertreter ihre Zeit zu Beginn der Sitzungsperioden eher mit anderen als Gesetzgebungsaktivitäten (und deren Vorbereitung) verbrachten, z. B. mit innerparteilicher Profilierung (wofür Critchfield et al. einige Anhaltspunkte fanden).Alles in allem scheint die Annahme, das Verhalten der Abgeordneten unterläge einen fixen Intervallplan mit der Sitzungspause (und den Wahlen) als Verstärker, der Realität recht nahe zu kommen. Allerdings erreicht das Muster, das die Gesetzgebungsaktivitäten zeigen, nicht die Regelmäßigkeit, die wir aus den Laborexperimenten kennen. Wie immer gibt es in der Realität viele verschiedene Kontingenzen, die auf das Verhalten der Abgeordneten einwirken. Auch für einen Volksvertreter gibt es andere Verstärker als die Wiederwahl und andere Verhaltensweisen als die Verabschiedung von Gesetzen.Literatur:

Critchfield, Thomas S.; Haley, Rebecca; Sabo, Benjamin; Colbert, Jorie & Macropoulis, Georgette. (2003). A half century of scalloping in the work habits of the United States Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 36(4), 465-486. DOI: 10.1901/jaba.2003.36-465 PDF 178 KB

Weisberg, Paul & Waldrop, Phillip B. (1972). Fixed-interval work habits of Congress. Journal of Applied Behavior Analysis, 5(1), 93-97. DOI: 10.1901/jaba.1972.5-93 PDF 516 KB

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

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