Nochmal der kleine Albert

Powell et al. (2014) gingen der Identität des „Kleinen Albert“ nach. Sie fanden in den Aufzeichnungen des John-Hopkins-Hospitals von 1920 Hinweise auf eine damals 16jährige Pearl Barger, die einen Sohn namens William Albert hatte, der exakt am richtigen Tag geboren war, um als Watson und Rayners (1920) „Little Albert“ gelten zu können. William Albert Martin (die Mutter heiratete nach der Geburt den Vater des Kindes, einen Mr. Martinek, später Martin) starb 2007. Er wurde nach Auskunft seiner Nichte von allen immer nur Albert genannt. Powell et al. (2014) stellen fest, dass Albert Barger und der „kleine Albert“ (so wie Watson und Rayner ihn beschrieben) etliche Gemeinsamkeiten aufweisen:

  • Den Name: Watson und Rayner berichten von einem „Albert B.“. Es war damals nicht üblich, dass Forscher größere Bemühungen unternahmen, die Identität ihrer Versuchspersonen zu verschleiern. Auch Watson benutzte nie Pseudonyme, allenfalls ersetzte er die echten Namen durch Ziffern oder Buchstaben („Versuchsperson 1“ oder „Teilnehmer A“).
  • Seine Mutter war eine Amme (wet nurse), genau wie die Mutter von Little Albert.
  • Sein Geburtsdatum passt perfekt zu den Angaben von Watson und Rayner.
  • Sein Gewicht zu verschiedenen Zeitpunkten (wie es in den erhaltenen medizinischen Aufzeichnungen vermerkt ist) stimmt mit den Angaben von Watson und Rayner und seiner in den Filmaufnahmen eher pummeligen Erscheinung sehr gut überein.
  • In den Zeiträumen, in denen Albert Barger laut der Aufzeichnungen krank war (die damals üblichen Kinderkrankheiten durchlief), fanden laut Watson und Rayner keine Versuche mit dem kleinen Albert statt. Eine Filmaufnahme fand statt, als Albert Barger gerade erkältet war. Auf der Aufnahme vom kleinen Albert ist zu sehen, dass das Kind anscheinend immer wieder mal hustet.
  • Albert Barger war ein ausgesprochen gesundes, gut genährtes und psychisch stabiles Kind, so wie es Watson und Rayner vom kleinen Albert berichten.
  • Das Kind im Film weist einige Ähnlichkeiten zu dem auf, was wir über das Aussehen von Albert Barger wissen. Unter anderem hatten sowohl der kleine Albert als auch Albert Barger angewachsene Ohrläppchen, ein Merkmal, das 20 % bis 35 % der Bevölkerung aufweisen.
  • Das Datum zu dem Albert Barger das John-Hopkins-Hospital verließ, deckt sich exakt mit dem Datum, zu dem Watson und Rayner ihre Experimente beenden mussten, weil der Kleine Albert und seine Mutter das Hospital verließen.

Beck et al. (2009) führten an, dass es sich bei „Albert B.“ um Douglas Merritte handle, ein Kind, das einige Jahre später an den Folgen einer neurologischen Störung verstarb (Fridlund et al., 2012). Die Gemeinsamkeiten von Douglas Merritte und Little Albert sind weniger zahlreich:

  • Auch Douglas‘ Mutter war eine Amme am John-Hopkins-Hospital.
  • Douglas war fast genau am selben Tag geboren wie der kleine Albert (genauer gesagt, einen Tag früher).

Demgegenüber stehen etliche Unterschiede:

  • Der Name.
  • Sein Alter bei der Entlassung aus dem Hospital. Douglas verließ John-Hopkins einige Tage ehe die Versuche mit dem kleinen Albert endeten.
  • Sein extrem geringes Körpergewicht, das im Widerspruch zu den Angeben bei Watson und Rayner und den Filmaufnahmen, die ein eher properes Kind zeigen, steht.
  • Die Ähnlichkeiten zwischen Douglas und dem kleinen Albert der Filmaufnahmen sind eher zufälliger Natur, sie beziehen sich auf Merkmale, die fast jedes Kleinkind aufweist.
  • Seine schwerwiegende Erkrankung. Douglas dürfte kaum in der Lage gewesen sein, das Verhalten zu zeigen, das der kleine Albert im Film zeigt, darunter den Pinzettengriff und das Krabbeln, das fast schon in Laufen übergeht.

Die Analyse des Films durch den bei Fridlund et al. (2012) beteiligten Neurologen ist fehlerbehaftet (vgl. Digdon et al., 2014). Sie sollte vor dem Hintergrund der Studien von Werner et al. (2000) gesehen werden. Werner et al. (2000) hatte Kinderärzten, die auf Entwicklungsverzögerungen spezialisiert waren, Filmaufnahmen von Kindern im Alter von acht bis zehn Monaten gezeigt und darum gebeten, anzugeben, ob das Kind autistisch sei. Die Kinderärzte attestierten 14 von 15 gezeigten autistischen Kindern, dass diese autistisch seien – aber auch 8 von 15 völlig gesunden Kindern.

Watsons Ruf ist verschiedentlich in Zweifel gezogen worden (vgl. auch Malone & García-Penagos, 2014). Ihm zu unterstellen, er habe wissentlich ein schwer behindertes Kind für seine Experimente missbraucht, ist jedoch mehr, als man hinnehmen kann. Watson wurde von seinen Zeitgenossen – von denen einige sonst kein gutes Haar an ihm ließen – nie, zu keinem Zeitpunkt, wissenschaftliches Fehlverhalten unterstellt. Watson hatte die Ergebnisse des Little-Albert-Experiments gelegentlich übertrieben dargestellt. Tatsächlich scheinen die erreichten Konditionierungseffekte deutlich schwächer gewesen zu sein, als Watson es gelegentlich darstellte.

Die wissenschaftliche Fehlleistung liegt bei Beck et al. (2009) und Fridlund et al. (2012). Sie müssen sich vorwerfen lassen, durch schlampige Arbeit den Ruf zweier Wissenschaftler geschädigt zu haben, indem er Watson und Ranyer als rücksichtlose, unethisch handelnde Kinderquäler darstellte.

William Albert Martin hat nie erfahren, dass er höchstwahrscheinlich der kleine Albert war. Seine Erbin und Nichte äußerte, er hätte dies wahrscheinlich sehr faszinierend gefunden. Albert Martin galt als ausgeglichener und umgänglicher Mensch, der über gute soziale Fertigkeiten verfügte. Er arbeitete als Verkäufer und liebte Musik und Literatur, er sang gerne. Seine Nichte berichtete, dass er Hunde und Tiere im Allgemeinen nicht sehr mochte. Von einer Phobie kann allerdings nicht die Rede sein. Wenn er zu Besuch war, musste der Hund in ein anderes Zimmer gesperrt werden. Doch als Kind hat er wohl einen eigenen Hund gehabt. Die Abneigung gegen Hunde scheint eher darauf zurückzuführen sein, dass er als Kind mit ansehen musste, wie sein Hund überfahren wurde.

Von Albert Martin gibt es keine Bilder aus Kleinkindertagen. Bei Powell et al. (2014) sieht man eine Reihe von Fotos, die den Kleinen Albert neben Bildern des erwachsenen Albert Martin zeigen. Eine gewisse Ähnlichkeit kann man nicht leugnen.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614. DOI: 10.1037/a0017234

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. DOI: 10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327. DOI: 10.1037/a0026720

Malone, John C. & García-Penagos, Andrés. (2014). When a clear strong voice was needed. A retrospective review of Watson’s (1924/1930) Behaviorism. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 102(2), 267-287. DOI: 10.1002/jeab.98

Powell, Russell A.; Digdon, Nancy; Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner, and Little Albert. Albert Barger as “Psychology’s lost boy”. American Psychologist, 69(6), 600-611. DOI: 10.1037/a0036854

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Werner, Emily; Dawson, Geraldine; Osterling, Julie & Dinno, Nuhad. (2000). Brief report. Recognition of autism spectrum disorder before one year of age. A retrospective study based on home videos. Journal of Autism and Developmental Disorders, 30(2), 157-162. DOI: 10.1023/A:1005463707029

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Ein Kommentar

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