Neues vom Dodo-Bird: Nicht alle Psychotherapien sind gleich wirksam

Die Dodo-Bird-Hypothese in der Psychotherapieforschung geht auf eine Literaturübersicht von Luborsky et al. (1975) zurück. Dort wurde festgestellt, dass es zwischen den verschiedenen Psychotherapieverfahren keine Unterschiede hinsichtlich deren Wirksamkeit gibt. Die Bezeichnung „Dodo-Bird-Hypothese“ (oder “-Verdikt“) geht auf eine Figur in Lewis Carrolls Geschichte „Alice im Wunderland“ zurück. Dort äußerte der Dodo nach einem Wettkampf „Alle haben gewonnen und alle müssen einen Preis bekommen“. Gleiches gälte auch für die verschiedenen Psychotherapieverfahren, sei es Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie oder irgendein anderes Verfahren: Alle haben gewonnen, alle helfen den Patienten mehr oder weniger gut. Zuletzt bekräftigte eine Metaanalyse von Wampold et al. (1997) die Dodo-Bird-Hypothese (vgl. auch hier).

Marcus et al. (2014) kritisieren die Arbeiten zur Dodo-Bird-Hypothese. Sie berücksichtigten nicht, dass nicht alle Therapien für alle Krankheiten gleichermaßen wirksam sind. Sie ziehen folgenden Vergleich: Angenommen es gäbe eine Dodo-Bird-Hypothese im Bereich der Pharmakologie. Demnach würden alle Medikamente gleich gut wirken. Ihre Wirkung sei allein auf allen Medikamenten gemeinsame Faktoren zurückzuführen (z. B. das Schlucken einer Pille, die Verschreibung durch den Arzt). In der Forschung würde man nun die Anwendung verschiedenster Medikamente zur Behandlung verschiedener Krankheiten und Symptomen studieren, z. B. von Antibiotika und Chemotherapie bei Krebs, von Antidepressiva und Antihistaminen bei Husten usw. Über alle Studien käme heraus, dass es keine Unterschiede zwischen der Wirkung der Medikamente gibt. Dieser Null-Effekt kann darauf zurückgeführt werden, dass beide Behandlungsmethoden gleichermaßen unwirksam sind (Antibiotika und Antidepressiva bei Lungenkrebs) oder dass sie gleichermaßen effektiv sind. Diese Untersuchung würde nicht die schon augenscheinlich absurde Frage klären, ob Antibiotika oder Antihistamine („an sich“) besser sind. Es ist nicht nötig, dass Antibiotika immer besser wirken als andere Medikamente, damit man diese Dodo-Bird-Hypothese der Pharmakologie zurückweisen kann. Ebenso müssen verhaltensorientierte Psychotherapien nicht immer besser abschneiden als psychodynamische, damit man die Dodo-Bird-Hypothese im Bereich der Psychotherapieforschung widerlegen kann.

Marcus et al.s (2014) nunmehr vorgelegte Metaanalyse berücksichtigt 51 seit der Metaanalyse von Wampold et al. (1997) erschienenen Studien zur Wirksamkeit von Psychotherapien. Die Autoren fanden deutliche Belege für die unterschiedliche Wirksamkeit verschiedener Therapieverfahren. Dies galt vor allem für die primäre Wirksamkeit (den Erfolg der Therapie unmittelbar nach der Therapie), weniger für die Follow-Up-Untersuchungen. Insgesamt erwiesen sich kognitiv-verhaltensorientierte Therapien als wirksamer als die anderen Verfahren. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich die kognitiv-verhaltensorientierten Therapien nur den psychodynamischen (u. ä.) Therapien als wirklich überlegen. Im Vergleich mit der „reinen“ Verhaltenstherapie (und der Akzeptanztherapie ACT) schnitten die kognitiv-verhaltensorientierten Verfahren nicht nennenswert und nicht signifikant besser ab. Interessant ist eine Betrachtung der Wirksamkeit bei verschiedenen Störungsbildern. Insbesondere bei Angststörungen sind die kognitiv-verhaltensorientierten Therapien den „anderen“ Verfahren (insgesamt) nur wenig überlegen. Dies liegt vermutlich daran, dass reine Verhaltenstherapien (die hier mit den psychodynamischen und allen anderen Verfahren zu den „anderen“ gezählt werden) bei Angststörungen nachgewiesen wirksam sind (Barlow, 2004). Eine frühere Metaanalyse (Tolin, 2010) hatte die kognitive und die reine Verhaltenstherapie zusammen mit den anderen Therapien verglichen und eine deutlich höhere Wirksamkeit von (kognitiv-)verhaltensorientierten Verfahren im Gegensatz zu den „anderen“ Verfahren festgestellt.

Literatur

Barlow, D. H. (2004a). Anxiety and its disorders: The nature and treatment of anxiety and panic (2nd ed.). New York: Guilford Press.

Luborsky, L.; Singer, B. & Luborsky, L. (1975). Comparative studies of psychotherapies: Is it true that “Everyone has won and all must have prizes?”. Archives of General Psychiatry, 32, 995-1008.

Marcus, David K.; O’Connell, Bebra; Norris, Alyssa L. & Sawaqdeh, Abere. (2014). Is the Dodo bird endangered in the 21st century? A meta-analysis of treatment comparison studies. Clinical Psychology Review, 34, 519-530. http://dx.doi.org/10.1016/j.cpr.2014.08.001

Tolin, David F. (2010). Is cognitive-behavioral therapy more effective than other therapies? A meta-analytic review. Clinical Psychology Review, 30(6), 710-720. doi:10.1016/j.cpr.2010.05.003

Wampold, B. E.; Mondin, G.W.; Moody, M.; Stich, F.; Benson, K. & Ahn, H. (1997). A metaanalysis of outcome studies comparing bona fide psychotherapies: Empirically, ‘all must have prizes’. Psychological Bulletin, 122, 203-215.

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9 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik, Psychologie, Therapie

9 Antworten zu “Neues vom Dodo-Bird: Nicht alle Psychotherapien sind gleich wirksam

  1. Wirksam sind die psychotherapeutischen Techniken, die dem Menschenbild von Therapeut und Klient entsprechen, also von beiden Seiten für wirksam gehalten werden. Als solche sind diese höchstwahrscheinlich dem Wandel der Zeit unterworfen.

    • Interessante Meinung. Kannst du das auch belegen? M. E. sind die psychotherapeutischen Techniken wirksam, deren Wirksamkeit (in Studien wie dieser) beelegt sind.

      • Ich bin kein Wissenschaftler, aber auch ich glaube an wissenschaftliche Studien. Die können aber nur erfassen, wonach sie fragen. Hier könnte ein wesentlicher Grund (für die Wirksamkeit) noch „nicht auf dem Radar“ sein. Meiner Überzeugung nach ist die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit sowohl des Therapeuten als auch des Verfahrens von Bedeutung. Und Vertrauenswürdigkeit hat neben Wohlwollen und Zuverlässigkeit entscheidend etwas mit der Kompetenz zu tun, wie sie der Klient wahrnimmt. Glaubt ein Therapeut aus tiefstem Inneren, dass ein bestimmtes Verfahren zielführend ist, strahlt er das auch (als Kongruenz) aus. Und das was davon beim Klienten ankommt, entscheidet wahrschenlich über den Therapieerfolg. Darum ist es auch gute Praxis, den Klienten über die Funktionsweise des eingesetzten Verfahrens vorab zu informieren und seine grundsätzliche Übereinstimmung hierzu zu erfragen. Letztlich sind die Hintergründe auch in der Psychotherapie wesentlich sozialpsychologischer (und auf abgeleiteter Ebene manchmal banal verkaufstechnischer) Natur.

      • Ancheinend erhöht es den Therapieerfolg, wenn man die Patienten die Behandlungsform frei wählen lässt, vgl. hier.

      • Ja, für mich ist das plausibel. Es müssen beide Seiten daran glauben können. Allerdings setzt, offen nach der präferierten Behandlungsform zu fragen, eine entsprechende Vorbildung des Klienten voraus. Und weiterhin muss sich der Behandler mit diesem identifizieren können, um selbstsicher-kompetent aufzutreten. Besser ist es m.E. dem Klienten eine Palette an (zwei bis drei) Alternativen vorzustellen und ihn aus dieser wählen zu lassen, oder auf einen Kollegen zu verweisen, wenn nichts Passendes für ihn dabei ist.

      • Es wird in der nächsten Ausgabe des Skeptiker den zweiten Teil eines Artikels von Robert Mestel geben, in dem das Thema Psychotherapieevaluation ausführlich behandelt wird. Das dürfte dich interessieren.

      • Ja, sehr. Danke für den Hinweis. — Habe mir gerade sein Video über Wirkfaktoren angesehen. Ich glaube schon, dass es Gemeinsamkeiten bei wirksamen Psychotherapien gibt, und wenn es „nur“ die Beziehungsqualität ist. Wie z.B. diese zustande kommt, lässt sich ja weiter erforschen. Ich hoffe (in diesem Fall) nur, dass das Verhaltensweisen sind, die sich auch tatsächlich weitervermitteln lassen. Sonst müsste man annehmen, dass gute Psychotherapeuten als solche „geboren“ werden, d.h. dass genetische Faktoren ausschlaggebend sind.

  2. Sinnbefreit

    Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, war es ja so:
    Die Verhaltenstheorpie bleibt genauso wirksam, wenn man das „kognitive“ weglässt. Bei der Psychoanalyse gibt es aogar den Verdacht, dass die „natürlichen“ Verdrängungsmechanismen der Psyche gestört werden.

    Man muss natürlich Berücksichtigen: Wenn eine Person psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe aufsucht, ist seine Sitation ausgesprochen schlecht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich seine Situation wieder verbessert, egal was er tut. Das ist die normale „Regression zur Mitte“. Wichtig ist vor allen Dingen, dass man solches Verhalten nicht noch verstärkt und damit das Leiden der Betroffenen erhöht.

    Frage: Was sagen die Verhaltensanalytiker zum Them Zwangsstörung?

    • Verhaltenstherapie auch ohne „Kognitives“ wirksam, vgl. hier.
      Mit der Regression zur Mitte gebe ich dir recht, meine Rede.
      Zwangsstörungen, Therapie: die Methode der Wahl ist Exposure & Response Prevention, vgl. z. B. Huppert, Johnathan D. & Roth, Deborah A. (2003). Treating obsessive-compulsive disorder with exposure and response prevention. The Behavior Analyst Today, 4(1), 66-70. PDF der Zeitschrift, 1,42 MB

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