Halte die Küche sauber und ordentlich!

Hinweise und Zeichen, sogenannte Prompts, sollen ein Verhalten auslösen, sie wirken aber selten lange anhaltend. Rubio und Sigurdsson (2014) testen die Wirkung verschiedener Hinweisschilder auf die Ordnung in der Teeküche der Angestellten einer Klinik. Die 23 Mitarbeiter hatten in der Teeküche eine Spüle, in der sie benutztes Geschirr säubern konnten. Eigentlich sollte jeder Beschäftigte sein Geschirr selbst spülen, abtrocknen und dann in den Schrank räumen. Oft aber stellten die Mitarbeiter ihr dreckiges Geschirr nur in die Spüle, oft spülten sie es nur und ließen es neben der Spüle stehen, manchmal war dabei dreckiges und gespültes Geschirr gemischt (was besonders ärgerlich ist).

Die Forscher beobachteten zunächst über neun Tage hinweg (zu zufällig ausgewählten Zeitpunkten), wie viele Geschirrteile falsch einsortiert waren (also nicht sauber im Schrank standen). Dies waren im Schnitt 18 Teile. Anschließend befestigten sie ein Schild (ein „witziges“ Schild) direkt an der Wand bei der Spüle in Augenhöhe (sodass es von jedem, der sein Geschirr dort abstellte, gesehen werden musste). Auf dem Schild stand „Würde deine Mutter es gut finden, wenn du so eine Unordnung hinterlässt? Bitte denk daran, dein Geschirr wegzuräumen!“. Zusätzlich war auf dem Bild eine Frau abgebildet, die mit dem Finger auf den Betrachter zeigte. In den folgenden vier Tagen sank die Zahl der falsch einsortierten Geschirrteile auf durchschnittlich 1,8. Danach wurde das Schild vier Tage lang entfernt, im Schnitt standen wieder 17 Geschirrteile falsch. Das „witzige“ Schild wurde wieder für sechs Tage angebracht, die Zahl der fehlsortierten Teile sank wieder auf 3,2. Erneut wurde das Schild entfernt, sieben Tage lang standen im Schnitt 20,7 Teile an der Spüle statt im Schrank. Nun brachten die Forscher für fünf Tage ein „neutrales“ Schild an. Auf dem Schild stand schlicht „Bitte denke daran, dein Geschirr zu waschen und in den Schrank zu stellen. Danke!“. Nun standen im Schnitt 4,4 Teile falsch. Das Entfernen des Schildes für sechs Tage führte zu einem Anstieg der falsch stehenden Geschirrteile auf 15,2. Das neutrale Schild wurde wieder angebracht. In den folgenden 15 Tagen zählte man im Schnitt 5,5 Teile, die an oder in der Spüle statt im Schrank standen. Das neutrale Schild blieb nun hängen. Vier Monate später zählten die Forscher für drei Tage das Geschirr an der Spüle. Im Schnitt waren 3,6 Teile falsch einsortiert.

Rubio und Sigurdsson (2014) fragten anschließend die Mitarbeiter, wie sie die Schilder fanden. Die Mitarbeiter fanden die Schilder an sich in Ordnung, bevorzugten aber das neutrale Schild. Das „witzige“ Schild wurde als „bevormundend“ und „herablassend“ empfunden. Sie äußerten dabei auch, dass keines der Schilder ihnen dabei geholfen habe, ordentlicher zu sein (die Zahlen aus den Beobachtungen sprechen eine andere Sprache!).

Bemerkenswert ist die anscheinend lang anhaltende Wirkung des zuletzt aufgehängten neutralen Schildes. Solche Prompts verlieren normalerweise mit der Zeit an Wirkung, wenn sie nicht mit einer Konsequenz verbunden sind. Verbotsschilder im Straßenverkehr, die nicht mit gelegentlichen Kontrollen der Polizei verbunden sind, werden über kurz oder lang nicht beachtet. Rubio und Sigurdsson (2014) vermuten, dass negative Verstärkung am Werk war: Die Mitarbeiter räumten schließlich das Geschirr auf, weil sie aufgrund der Schilder vermuteten, dass ihnen jemand negatives Feedback geben würde, wenn sie es nicht täten. Ich vermute eher, dass die durch das Prompt angestoßene Verhaltensänderung zu einer natürlichen Verstärkung führte, die das Verhalten langfristig aufrechterhielt. Der Anblick einer aufgeräumten Küche kann m. E. tatsächlich die Qualität eines Verstärkers annehmen. Schließlich profitierten alle Mitarbeiter davon, dass das Geschirr aufgeräumt und sauber im Schrank stand. Das Verhalten des Spülens und Aufräumens wurde so, nachdem es einmal von fast allen Mitarbeitern fast immer gezeigt wurde, aufgrund seiner natürlichen Konsequenzen aufrechterhalten.

Literatur

Rubio, Emily K. & Sigurdsson, Sigurdur O. (2014). Sustained effects of a visual prompt on dish storage in a hospital unit. Journal of Applied Behavior Analysis, 47(4), 845-849. doi: 10.1002/jaba.161

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4 Kommentare

Eingeordnet unter leichte Kost, Verhaltensanalyse

4 Antworten zu “Halte die Küche sauber und ordentlich!

  1. Frage

    Interessant ist vor allem die Diskripanz zwischen dem, was gesagt wird auf der einen, und den messbaren Verhalten auf der anderen Seite. Viele Leute fallen ja bis heute darauf herein…

    @Offtopic: Gibt es eigentlich wissenschaftlich glaubhafte Studien zum sog. „Talent“?

    • Die Gründe, die Leute angeben, warum sie etwas tun sind oft nicht die Ursachen, weswegen sie es tatsächlich tun.

      Mit dem Thema „Talent“ habe ich mich bislang nicht eingehend beschäftigt. Menschen sind von Natur aus verschieden. Bestimmte Varianten als „Talent“ zu bezeichnen ist m. E. nicht hilfreich.

  2. Frage

    Wie kann man eigentlich solche Behavioristischen Studien am Besten im Internet finden?

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