Den Ekel schaut man sich bei den Eltern ab

Ekel ist eine ganz grundlegende Emotion. Dennoch müssen wir erst von unseren Eltern lernen, wovor wir uns ekeln sollen.

Der Ekel vor bestimmten Objekten ist anscheinend nicht angeboren, sondern muss in den ersten Lebensjahren gelernt werden. Es gibt keinen Hinweis auf angeborene Unterschiede in der Reaktion auf Ekelobjekte (Rozin & Fallon, 1987). Die ersten Ekelreaktionen treten im Alter von zwei Jahren auf. Zunächst (Rozin et al., 2000), im Alter von zwei bis drei Jahren, wird der Ekel vor Körperausscheidungen und verwesendem organischen Material erworben. Diese Ekelauslöser können Krankheitskeime übertragen. Später wird auch Ekel vor dem Tod, schlechter Hygiene, unangemessenem Sexualverhalten und Störungen des Körperbildes bei anderen Personen (Missbildungen, extremes Übergewicht) gezeigt. Im weiteren Entwicklungsverlauf kommt es auch zu Ekel im zwischenmenschlichen Bereich, z. B. Ekel vor dem direkten Kontakt mit Fremden. Zuletzt erwirbt man den moralischen Ekel, z. B. vor Kinderschändern und Mord. Die zuletzt erworbenen Ekelkategorien setzen ein zunehmend höheres Maß an Abstraktion voraus (und sind auch von Kultur zu Kultur unterschiedlich – z. B. ist der Ekel vor Männer, die sich innig küssen, in verschiedenen Kulturen verschieden stark verbreitet).

Ekel wird wohl auch durch das Beobachten der Reaktion der Eltern auf bestimmte Reize erworben. So konnte gezeigt werden, dass die Gehirnregionen, die beteiligt sind, wenn man sich selbst ekelt, fast identisch sind mit denen, die dann beteiligt sind, wenn man jemanden beobachtet, der sich ekelt (Wicker et al., 2003). Das Beobachten des Gesichtsausdrucks einer Person, die sich ekelt, führt beim Beobachter dazu, dass er sich selbst ekelt. Neben dem Gesichtsausdruck spielen auch verbale („Widerlich!“) und lautliche Äußerungen („Iiih!“) sowie Gesten eine Rolle.

Oaten et al. (2014) nutzten Videoaufzeichnungen einer früheren Studie (Stevenson et al., 2010), in denen Eltern und ihre Kinder auf verschiedene Ekel-Auslöser reagierten. An der Studie nahmen 96 Eltern-Kind-Paare teil. Die Kinder wurden drei Altersgruppen zugeordnet, die im Schnitt, 2,5 Jahre, 4,5 Jahre, 6,8 Jahre, 10,1 Jahre und 14,3 Jahre alt waren. Die Kinder sollten bei den Ekelauslösern angeben, wie sehr sie sich davor ekelten (die kleineren Kinder wurden befragt, die älteren füllten einen Fragebogen aus). Zunächst wurden die Kinder mit den Objekten allein konfrontiert. Die Kinder wurden gebeten, Kontakt zu den Objekten aufzunehmen. Dabei wurde registriert, wie viel Kontakt die Kinder zum Objekt hatten und welche verbalen und nonverbalen Ekelsignale sie zeigten. Bei den Objekten handelte es sich um:

  • Eiscreme mit Tomatensoße gemischt
  • Eine getragene Socke
  • Zwei Geruchsproben, eine mit dem Geruch von Kot und eine mit dem Geruch von fermentierter Shrimps-Paste (die nach Urin riecht)
  • Maden
  • Ein Glasauge

Daneben wurden auch mögliche „moralische“ Ekelauslöser präsentiert, z. B.

  • Eine Geschichte von jemandem, der einen behinderten Mann bestiehlt.
  • Ein Bild von einem jungen Mann, der eine alte Frau heiratet.
  • Das Bild eines mit Unrat verschmutzten Parks.
  • Ein Bild von einem Ku-Klux-Klan-Treffen.

In der nächsten Phase des Experiments sollten die Eltern (Mutter oder Vater) die Objekte kontaktieren und beurteilen. Dabei wurden sie von ihren Kindern beobachtet. Zuletzt wurden die Kinder wieder in Gegenwart ihrer Eltern mit den Objekten konfrontiert. Dabei wurde beobachtet, ob und wie die Eltern darauf reagierten und ob sie z. B. die Kinder aufforderten, sich die Hände zu waschen.

Oaten et al. (2014) fanden einen signifikanten Zusammenhang zwischen den Ekelreaktionen der Kinder und den (später beobachteten) Ekelreaktionen der Eltern. Bei den kleineren Kindern waren es vor allem die lautlichen und mimischen Ekeläußerungen, die hoch korrelierten. Dies bestätigt die Vermutung, dass es das Verhalten der Eltern ist, durch das die Kinder die Ekelreaktionen erlernen.

Je älter die Kinder waren, desto häufiger lachten die Eltern in ihrer Gegenwart, wenn sie mit den Ekelreizen konfrontiert wurden. Auch die Kinder lachten bei der Konfrontation mit dem Ekelreiz mit zunehmendem Alter häufiger. Das Lachen aufgrund von Ekelreizen soll darauf zurückzuführen sein, dass der Ekelreiz zwar eine negative Emotion auslöst, dies jedoch in einer sicheren Umgebung geschieht (Rozin, 1990; McCauley, 1998).

Insgesamt konnten durch die Ekeläußerungen der Eltern sowohl der geäußerte Ekel der Kinder als auch deren Angaben in der Befragung (wie sehr sie sich ekelten, d. h. den „gefühlte Ekel“) vorhergesagt werden. Dabei war der Zusammenhang beim gezeigten Ekel stärker als beim gefühlten Ekel. Das legt nahe, dass zuerst der gezeigte Ekel übernommen wird, erst danach entwickelt sich der gefühlte Ekel.

Je mehr Ekelreaktionen die Kinder zeigten, wenn sie alleine konfrontiert wurden, desto häufiger gaben ihre Eltern (in der letzten Phase des Experiments, wenn sie zugegen waren) Hygiene-Instruktionen („Wasch dir bitte danach die Hände). Dies spricht dafür, dass die Hygiene-Instruktionen der Eltern sich auf die Ausprägung des Ekels der Kinder auswirken. Eltern gaben bei den jüngsten Kindern die meisten Instruktionen, bei den etwas älteren fast keine und wieder mehr Instruktionen bei den Teenagern.

Literatur

McCauley, C. (1998). When screen violence is not attractive. In J. Goldstein (Ed.), Why we watch: The attractions of violent entertainment (pp. 144-162). New York: Oxford University Press.

Oaten, Megan; Stevenson, Richard J.; Wagland, Paul; Case, Trevor I. & Repacholi, Betty M. (2014). Parent-Child transmission of disgust and hand hygiene. The role of vocalizations, gestures and other parental responses. The Psychological Record, 64(4), 803-811. DOI 10.1007/s40732-014-0044-9

Rozin, Paul. (1990). Getting to like the burn of chili pepper: Biological, psychological and cultural perspectives. In B. G. Green, J. R. Mason, & M. R. Kare (Eds.), Chemical senses, Volume 2: Irritation (Vol. 2, pp. 231-269). New York: Marcel Dekker.

Rozin, Paul & Fallon, April E. (1987). A perspective on disgust. Psychological Review, 94(1), 23-41. http://dx.doi.org/10.1037/0033-295X.94.1.23

Rozin, Paul; Haidt, J. & McCauley, C. (2000). Disgust. In M. Lewis & J. M. Haviland-Jones (Eds.), Handbook of emotion (pp. 637-653). New York: Guilford Press.

Stevenson, Richard J.; Oaten, Megan; Case, Trevor I.; Repacholi, Betty M. & Wagland, Paul (2010). Children’s response to adult disgust elicitors: age-related changes and their correlates. Developmental Psychology, 46(1), 165-177. http://dx.doi.org/10.1037/a0016692

Wicker, Bruno; Keysers, Christian; Plailly, Jane; Royet, Jean-Pierre; Gallese, Vittorio & Rizzolatti, Giacomo. (2003). Both of us are disgusted in my insula: the common neural basis of seeing and feeling disgust. Neuron, 40(3), 655-664. http://dx.doi.org/10.1016/S0896-6273(03)00679-2

 

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Eingeordnet unter Entwicklung, Imitation, Psychologie, Verhaltensanalyse

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