Der kleine Albert war ein gesundes Kind

Ich muss hier widerrufen und bedauere zugleich, durch meinen Artikel Die Wahrheit über den “kleinen Albert” – einem der am häufigsten gelesenen Artikel dieses Blogs – zur Verbreitung einer weiteren Legende und einer Verleumdung beigetragen zu haben. Watson und Rayner (1920) haben sich bei weitem nicht so unethisch verhalten, wie uns Fridlund et al. (2012) glauben machen wollen. Im Gegenteil, die ganze Geschichte ist eher ein Beleg dafür, wie schlampig Fridlund und seine Kollegen gearbeitet haben.

Beck et al. (2009) behaupteten die wahre Identität von „Little Albert“ – der Versuchsperson aus Watson und Rayners (1920) Studie zur experimentellen Erzeugung der Emotion Angst – aufgedeckt zu haben. Es handle sich um einen gewissen Douglas Merritte, der, wie Fridlund et al. (2012) berichten, seit seiner Geburt an einer schweren Behinderung (Hydrocephalus) litt und früh verstarb. Diese „Entdeckungen“ wurden in der Psychologie als Sensation gehandelt (z. B. DeAngelis, 2012). Vor allem das – demnach – extrem unethische Verhalten von John B. Watson, einer der Gründergestalten des Behaviorismus, wurde herausgestrichen.

„Douglas M.“ oder „Albert B.“?

Digdon et al. (2014) legen nun neue Belege vor. Es gab nach den Aufzeichnungen der Klinik zur selben Zeit, als sich Douglas Merritte im John-Hopkins-Hospital aufhielt, ein anderes Kind, auf das die Aussagen von Watson und Rayner (1920) zum kleinen Albert mindestens genauso gut passen: Albert Barger. Albert war am selben Tag wie Douglas geboren. Seine Mutter war ebenfalls eine Amme am Hospital. Doch Albert Barger erfüllt die Beschreibung von Watson und Rayner (1920) noch besser als Douglas: Watson und Rayner (1920) schreiben von einem „Albert B.“, der ihre Versuchsperson gewesen sei. Albert war tatsächlich (wie Watson und Rayner, 1920, schreiben) gesund und gut entwickelt, wie aus seiner Patientenakte hervorgeht. Albert Barger verließ das Hospital in genau dem gleichen Alter, das Watson und Rayner (1920) von „Albert B.“ berichten (ein Jahr und 21 Tage). Sein Gewicht im Alter von acht Monaten und 25 Tagen betrug 21 Pfund und 15 Unzen. „Albert B.“ wog laut Watson und Rayner (1920) im Alter von 9 Monaten 21 Pfund. In der Tat ist das relativ viel für ein Kind dieses Alters. Douglas Merritte dagegen wog laut seiner Akte in diesem Alter gerade einmal 14 Pfund und 15 Unzen. Das ist weit unterhalb des für dieses Alter als Minimum betrachteten Gewichts von 16 Pfund. Das Kind, das in Watsons Film zum Experiment gezeigt wird, ist ein relativ gut genährtes, nicht unterernährt, wie es Douglas zweifelsohne war.

Zweifelhafte Auswertung des Albert-Films durch Fridlund et al. (2012)

Douglas Merritte hatte zweifelsohne eine schwere Beeinträchtigung. Fridlund et al. (2012) wollen uns glauben machen, dass das im Film von Watson (1923) gezeigte Kind ebenfalls an einer schweren Beeinträchtigung litt (und folglich, dass Douglas mit „Albert B.“ identisch ist). Digdon et al. (2014) unterziehen die Indizien von Fridlund et al. (2012) einer kritischen Prüfung. Zunächst ist anzumerken, dass Albert selbst im Film nur für insgesamt knapp fünf Minuten zu sehen ist. Watson fertigte den Film an, um den Vorgang der Konditionierung zu demonstrieren, es handelt sich also nicht um das „typische“ Verhalten von Albert, z. B. in einer freien Spielsituation. Fridlund et al. (2012) bemerken, dass Albert ungewöhnlich stark auf die dargebotenen Reize fixiert ist („stimulus bond“), er sieht kaum umher und geht nicht auf die anderen Personen ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Watson den Film anfertigte (und entsprechend schnitt), um Alberts Reaktion auf die Stimuli zu zeigen. Fridlund et al. (2012) verweisen darauf, dass Albert motorische Defizite aufweise. Er könne in einigen Filmausschnitten Objekte anscheinend nicht richtig greifen. Fridlund et al. (2012) verschweigen allerdings, dass im Film auch zu sehen ist, wie Albert altersgemäßes Verhalten zeigt, u. a. greift er zielsicher nach einer kleinen Murmel. In einer anderen Szene krabbelt Albert auf Händen und Füßen. – Albert war zum Zeitpunkt der Aufnahmen anscheinend kurz davor, das Laufen zu lernen! Fridlund et al. (2012) dagegen berichten, dass Douglas Merritte nie gelaufen ist. Weiterhin schließen Fridlund et al. (2012) aus den Filmaufnahmen, dass Albert in seiner Sprachentwicklung erheblich verzögert gewesen sei, da man zu keinem Zeitpunkt sehen könne, wie er spreche. Der Film von Watson ist ein Stummfilm. Ob und was Albert in diesem Film von sich gegeben hat, ist also eher zweifelhaft. Zudem ging es in Watson und Rayners (1920) Studie nicht um die Sprachentwicklung: Längere Aufnahmen, in denen Albert brabbelt oder anderes altersgemäßes sprachliches Verhalten zeigt, lagen nicht im Fokus der Forscher. Auch scheinen Fridlund et al.s (2012) Vorstellungen davon, wie häufig sich ein Kind dieses Alters äußern sollte, etwas überzogen, wenn man sie mit den Angaben in zeitgenössischen Lehrbüchern zur Entwicklung von Kindern vergleicht.

Voreingenommene Auswertung durch einen Neurologen

Fridlund ließ seinen Ko-Autor Goldie den Film zunächst auswerten, ohne dass dieser wusste, um wen es sich handelte. Der Neurologe Goldie erhielt die Information, es handle sich um ein Kind, dessen kognitiver und neurologischer Status unbekannt ist. Goldie fand, dass Albert ungewöhnlich passiv sei. Doch lebte Albert seit seiner Geburt in einem Hospital. Watson und Watson (1921) berichten, dass alle Kinder in diesem Hospital ungewöhnlich uninteressiert an neuen Objekten und Tieren waren. Powell et al. (2014) stellen fest, dass es von Goldie etwas gewagt ist, aufgrund so unzureichender Informationen wie den kurzen, unscharfen Filmausschnitten, ohne Informationen über Alberts bisheriges Leben in einem Hospital, zu einer Diagnose zu kommen. Hinzu kommt, dass Fridlunds Vorab-Informationen (er fragt einen Neurologen, was er zu einem Kind sagen könne, über dessen neurologischen Status nichts bekannt sei) nicht gerade nahe legen, dass dieses Kind völlig gesund sein könnte.

Watson log nicht über Alberts Zustand

Fridlund et al. (2012) unterstellen, das Watson der (von ihnen angenommene) schlechte Gesundheitszustand von Albert bekannt gewesen sein muss und dass Watson in bewusst verfälschender Absicht berichtete, dass es sich um einen gesunden und gut entwickelten Jungen handle. Es sei unglaubwürdig, dass Watson die neurologischen Defizite nicht bemerkt habe. Digdon et al. (2004) bemerken, dass es noch viel unglaubwürdiger sei, dass Watson bei seinen Zeitgenossen mit einer derartigen Lüge davon gekommen wäre. Im John-Hopkins-Hospital arbeiteten zu diesem Zeitpunkt mehrere Experten für die kindliche Entwicklung, zum Teil Watsons direkte Konkurrenten, die sowohl Albert Barger als auch Douglas Meritte kannten. Auch Watson und Watson (1921) berichten, dass ihr Labor ständig von Ärzten überwacht wurde. Es ist aber nirgends belegt, dass Watson von einem Kollegen für diese Fehlinformation kritisiert worden wäre. Keine derartige Kritik findet sich in zeitgenössischen Dokumenten. Dabei wäre ein solches wissenschaftliches Fehlverhalten für Adolf Meyer, dem Chef der Philipps Clinic, ein willkommener Anlass gewesen, Watson bloß zu stellen. Meyer deckte schließlich auch Watsons außereheliche Beziehung zu Rayner auf, die schließlich zu Watsons Entlassung und dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere führte.

Douglas Merrittes Entlassung aus der Klink fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt

Fridlund et al. (2012) unterstellen, dass Douglas‘ Mutter Arvilla sich den Experimenten an ihrem Sohn nicht widersetzen konnte. Watson habe also eine arme, uneheliche Mutter erpresst. Dem ist entgegenzuhalten, dass Arvilla ihren Sohn entgegen ärztlichen Rat im Alter von 12 Monaten und 15 Tagen aus der Klinik herausnahm. Dies steht im Widerspruch zu Fridlunds Darstellung, dass sie ein passives Opfer gewesen sei. Der Zeitpunkt von Douglas‘ Entlassung aus der Klinik ist noch in anderer Hinsicht problematisch: Er fand eine Woche vor dem Ende der Studie mit dem kleinen Albert statt! Im Übrigen brachte Arvilla ihren Sohn einige Monate später zurück in die Klinik. Dies legt nahe, dass Arvilla und Douglas eher die Empfänger der Wohltätigkeit des Hospitals waren als die Opfer einer Ausbeutung.

Doch es bleibt immer was hängen…

Fridlund et al.s (2012) Behauptung, der kleine Albert sei ein neurologisch schwer geschädigtes Kind gewesen, hat mittlerweile schon Eingang in Lehrbücher der Psychologie gefunden (z. B. Kalat, 2014). Sie trägt zu den vielen Mythen bei, die über Albert und die Studie von Watson und Rayner (1920) verbreitet werden (vgl. Gilovich, 1991; Harris, 1979). Dabei sind die Belege, die Fridlund et al. (2012) vorlegen, ausgesprochen schwach. Digdon et al. (2014) fragen sich, wie die Schwächen der Studien von Fridlund et al. (2012) übersehen werden konnten. Sie vermuten, dass ethische Erwägungen von den Schwächen der Belege abgelenkt haben. Fridlund et al.s (2012) Geschichte über Albert legt erhebliche ethische Verstöße bei Watson und Rayner (1920) nahe. Dies passt zu der gegenwärtigen Skepsis gegenüber Wissenschaftlern und ihren Methoden. Der Leser fühlt sich genötigt, der Version von Fridlund et al. (2012) zuzustimmen, um nicht als herzlos gegenüber der Misshandlung eines Säuglings dazustehen. Letztlich sind Fridlund et al. (2012) das Opfer der Bestätigungstendenz. Nachdem sie einmal die Hypothese gefasst hatten, dass Albert mit Douglas identisch ist, sammelten sie nur noch Belege für diese Annahme und interpretierten widersprechende Belege um. Fridlund hat (laut DeAngelis, 2012, S. 12) geäußert, dass uns Alberts Geschichte mit verstörendem Frauenhass in der Medizin, dem fehlenden Schutz von Behinderten und der Häufigkeit von wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiere. Solche Kommentare beschädigen zu Unrecht Watsons Ruf als Wissenschaftler. Sie schädigen zudem das öffentliche Vertrauen in die Psychologie als Wissenschaft. Digdon et al. (2014) befürchten, dass dies längst geschehen ist.

Die Studie von Watson und Rayner (1920) weist viele Fehler auf. Auch mag es aus heutiger Sicht zu kritisieren sein, dass sie ein Kind einem solchen Experiment aussetzten. Doch all dies all dies rechtfertigt nicht die moralische Hysterie, die durch die Arbeit von Fridlund et al. (2012) verursacht wurde.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

DeAngelis, Tori. (2012, March). Was “Little Albert” ill during the famed conditioning study? Monitor on Psychology, 43(3), 12-13.

Digdon, Nancy; Powell, Russell A. & Harris, Ben. (2014). Little Albert’s alleged neurological impairment. History of Psychology, 17(4), 312-324. http://dx.doi.org/10.1037/a0037325

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2),151-160.

Kalat, James W. (2014). Introduction to psychology (10th ed.). Stamford, CT: Cengage Learning. ISBN: 978-1133956594

Powell, Russell A., Digdon, Nancy., Harris, Ben & Smithson, Christopher. (2014). Correcting the record on Watson, Rayner and Little Albert: Albert Barger as ‘Psychology’s lost boy’. American Psychologist, 69(6), 600-611. http://dx.doi.org/10.1037/a0036854

Watson, John B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

Watson, John B. & Watson, Rosalie R. (1921). Studies in infant psychology. Scientific Monthly, New York, 13, 493-515.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte, Kritik, Psychologie, Skepsis

5 Antworten zu “Der kleine Albert war ein gesundes Kind

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  2. Frage

    Ich finde schon, dass man auch skeptisch gegenüber der wissenschaftlichen Psychologie und Wissenschaft im Allgemeinen bleiben sollte. Grade als aufgeklärter Mensch, der sich seines eigenen Verstandes bemüht und nicht einfach anderen in ihrer Einschätzung folgt, muss man auch bereit sein intellektuelle Autoritäten zu kritisieren.
    Es ist auch keine Schade, Kritik zu üben. Die meisten großen wissenschaftlichen Ideen wurden anfangs kritisiert und ich halte es für eine große Doppelmoral, einerseits einen skeptischen, selbst urteilsfähigen Menschen zu fordern und andererseits werden die tatsächlichen historischen Kritiker einer Theorie oft irgendwie als die „Bösen“ dargestellt. Nehmen wir nur das Beispiel der Debatte zwischen Huxley und Wilberforce, in der letzterer durchaus wissenschaftlichn gegen Darwin zu argumentieren versuchte. Naja…

    In diesem Zusammenhang: Was hälst du eigentlich von der Studie von John Hattie? Ist der Hype vielleicht etwas zu groß? Wie ist sein Ergebnis wissenschaftlich-behavioristisch zu interpretieren?
    Dass Schüler Feedback über ihr (Lern-)Verhalten brauchen, scheint mir sehr mit der Idee der Konditionierung komform zu gehen. Nur wird das sicherlich in einer Art vermittelt, die bei Pädagogen sehr gut ankommt. (Insbesondere die vermeintliche Betonung der Persönlichkeit des Lehrers, die der Professor selbst relativiert (auch mit Hinweis auf das selektive Schulystem Deutschlands), kommt wohl gut an.) Im Gegensatz zum Behaviorismus, der nur ein schleches Image hat.
    Es ist vielleicht sehr schade, dass solche außerwissenschaftlichen Sichtweisen immer noch großen Einfluss auf die Beurteilung wissenschaftlicher Hypothesen haben.

    • Naja, es ging mir ja nur darum, eine Behauptung (über Watson), die eindeutig falsch ist, richtigzustellen. Es muss nicht sein, noch eine Fehlinformation über ihn und das Albert-Experiment zu verbreiten.

      Die Pädagogik scheint mir tatsächlich kaum eine Wissenschaft zu sein. Skandalös ist etwa, dass die Ergebnisse von Project Follow Through (bei dem der Direkte Unterricht und andere verhaltensanalytisch begründete Unterrichtsmethoden am besten abschnitten) zurechtgebogen wurden, damit nicht die bösen Behavioristen gut aussehen. Die „Hattie-Studie“ hebt die Ergebnisse von Project Follow Through nicht auf.

      • Frage

        Die “Hattie-Studie” hebt die Ergebnisse von Project Follow Through nicht auf.

        Wenn ich mir die „Forderungen“ aus der Studie so durchlese, dann würde ich da sogar einen Einspruch erheben:
        Die Hattie-(Meta-)Studie steht nicht im Widerspruch zur PFT-Studie!
        Im Gegenteil, viele Empfehlungen, die daraus abgeleitet werden, scheinen sich mit der Sicht der Verhaltensanalyse zu decken:
        – Klar strukturierter Unterricht und unmittelbares Feedback an die Schüler.
        – Selbst-Verbalisierung durch die Schüler.

        Dass der Fokus so sehr auf den Lehrer gelegt wird, überrascht angesichts der anderen Faktoren.

        Nun, Lehrer haben in den meisten Schulsystemen der Welt sehr viele Freiheiten, es überrascht nur wenig, wenn der Umgang mit diesen Freiheiten selbstverständlich die Umwelt formt, denen Kindern beim Lernen ausgesetzt sind. Eigentlich eine triviale Erkenntnis.

        Ich bin allerdings noch etwas verwirrt in Bezug auf die Studie: Ist es nun eine Meta-Analyse oder schon eine Meta-Meta-Analyse?
        Was die Statistik dahinter angeht, muss ich mich wohl gründlich einlesen – oder einen guten Lehrer finden, je nachdem…

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