Wenn man miteinander redet, verhält man sich verantwortlicher

Ob sich Menschen egoistisch oder altruistisch entscheiden, hängt weniger davon ab, ob andere ihre Entscheidung mitbekommen, sondern davon, ob sie mit den anderen Menschen in Kontakt treten.

Borba et al. (2014) ließen ihre Versuchspersonen an einer Aufgabe arbeiten, bei der sie sich letztlich zwischen zwei Alternativen entscheiden mussten. Entschieden sie sich für Variante 1, so hatte dies für sie selbst unmittelbar positive Konsequenzen, für die Gruppe aber langfristig negative Konsequenzen – eine impulsive, egoistische Wahl. Entschieden sie sich für Variante 2, so führte dies für sie selbst unmittelbar zu nur wenigen positiven Konsequenzen, für alle Gruppenmitglieder zusammen aber langfristig aber zu mehr positiven Konsequenzen – ein Wahl, die man als „ethische Selbstkontrolle“ bezeichnen könnte.

Borba et al. (2014) variierten die Bedingungen, unter denen die Versuchspersonen an der Aufgabe arbeiten und sich letztlich entscheiden mussten.

  1. Wenn jede Versuchsperson allein wählen konnte, entschied sie sich fast ausschließlich egoistisch impulsiv.
  2. Saßen die Versuchspersonen zusammen vor der Aufgabe, konnten reden und sahen, für welche Alternative sich die anderen Versuchspersonen entschieden, so trafen sie meist die Wahl, die ethische Selbstkontrolle zeigte.
  3. Saßen sie zusammen an der Aufgabe und konnte reden, hatten aber keine Informationen über die Entscheidungen der anderen, entschieden sie sich ebenfalls häufig für die ethische, Selbstkontrolle zeigende Alternative.
  4. Zuletzt saßen die Versuchspersonen zusammen an der Aufgabe, konnten aber nicht miteinander reden, jedoch sehen, wie sich die anderen Versuchspersonen entschieden. Hier entschieden sich wieder viele Versuchspersonen impulsiv und egoistisch.

Die sprachliche Interaktion scheint für die Wahl, ob man sich egoistisch und impulsiv oder altruistisch und beherrscht verhält, entscheidend zu sein. Der Umstand, dass man selbst die Entscheidung der anderen sehen kann (und diese die eigene Entscheidung), scheint dagegen wenig Einfluss auf verantwortungsvolles Handeln zu haben.

Literatur

Borba, Aécio; Rodrigues da Silva, Bruno; dos Anjos Cabral, Pedro Augusto; Bentes de Souza, Lívia; Leite, Felipe Lustosa & Tourinho, Emmanuel Zagury. (2014). Effects of exposure to macrocontingencies in isolation and social situations in the production of ethical self-control. Behavior and Social Issues, 23, 5-19. PDF 575 KB

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

2 Antworten zu “Wenn man miteinander redet, verhält man sich verantwortlicher

  1. Frage

    Lässt sich dieser Effekt reproduzieren?
    Wie ist die Erklärung der Verhaltensanalyse?

    • Ob dieser Effekt explizit repliziert wurde, weiß ich nicht, er passt aber ins Bild (aus psychologischen Studien: Dass Miteinander-Sprechen als sozialer Kitt wirkt usw.). Aus verhaltensanalytischer Sicht könnte ich spekulieren, dass das Sprechen und somit Sich-Bekannt-Machen eine „establishing operation“ ist, die bewirkt, dass soziale Billigung oder Misbilligung des eigenen Verhaltens durch den Anderen ein wirkungsvoller(er) Verstärker wird (umgangssprachlich: wenn ich den anderen besser kenne, wirkt es auf mich ganz anders, wenn er mein Verhalten missbilligt, als wenn er ein Fremder bleibt).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s