Fast-Food-Lokale aufsuchen und nicht mit Geld umgehen können

Es scheint manchmal so als ob die Menschen Geld ausgeben, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Was in den USA schon gang und gäbe ist – das Kaufen auf Raten, statt zu sparen, bis man sich etwas leisten kann – wird auch bei uns immer üblicher. In der Folge überschulden sich die Haushalte. Man würde gerne von der Regierung etwas anderes behaupten – aber auch die macht lieber weiter Schulden, nur um das Geld weiterhin mit vollen Händen ausgeben zu können.

Diese „finanzielle Ungeduld“ hat etwas mit der Impulsivität und dem Phänomen der Verstärkerabwertung zu tun (vgl. meinen ausführlichen Artikel dazu): Verstärker, auf die man lange warten muss, werden weniger wert. Vor die Wahl gestellt, jetzt 90 Euro oder in zehn Jahren 100 Euro zu bekommen, wird wohl fast jeder lieber jetzt die 90 Euro nehmen. Wenn man aber den Unterschied zwischen den Beträgen und die Zeitspanne variiert, ergeben sich Unterschiede zwischen den Menschen: Das Ausmaß der Verstärkerabwertung ist nicht immer gleich. Drogenabhängige werten Verstärker, die sie erst in der Zukunft erhalten, stärker ab als Menschen, die keine Drogen nehmen (vgl. Critchfield & Kollins, 2001). Aber auch die Situation, in der man sich befindet, hat Einfluss darauf, wie sehr man zukünftige Belohnungen abwertet und stattdessen unmittelbare Bedürfnisbefriedigung bevorzugt. So hatten die Menschen im Polen der Nach-Wendezeit – als die Inflation hoch war – eine stärker ausgeprägte Verstärkerabwertung. Interessanterweise galt dies nicht nur für Geld (das wäre ja banal), sondern auch für viele andere Verstärker. Als sich die Lage in Polen beruhigte, ging auch das Ausmaß der Verstärkerabwertung bei den Polen zurück (Ostaszewski et al., 1998).

DeVoe et al. (2013) entdeckten einen weiteren Zusammenhang, nämlich den zwischen der finanziellen Ungeduld, dem Ausmaß der Verstärkerabwertung und der Anwesenheit von Fast-Food-Lokalen. Sie führten mehrere Studien durch.

  1. Sie stellten für die Industrienationen fest, dass in den letzten 30 Jahren die Verbreitung von Fast-Food-Lokalen mit der Sparquote negativ korreliert: Je mehr Fast-Food-Lokale es gab, desto geringer war die Sparquote.
  2. Auf lokaler Ebene zeigte sich, dass die Haushalte in denjenigen Stadtteilen, in denen es im Verhältnis zu normalen Restaurants die meisten Fast-Food-Lokale gibt, die geringste Sparquote hatten: Je höher der relative Anteil an Fast-Food-Lokalen in einem Viertel, desto weniger Geld legten die Bewohner im Schnitt auf die hohe Kante.
  3. Dies zeigte sich auch, wenn man die Verstärkerabwertung bei Geld untersuchte: Je höher der Anteil der Fast-Food-Lokale in der Wohngegend der Versuchsperson, desto höher ihre Verstärkerabwertung.
  4. DeVoe et al. (2013) baten ihre Versuchspersonen in einer weiteren Studie, sich an ihren letzten Besuch in einem Fast-Food-Lokal zu erinnern, anschließend sollten sie eine Aufgabe zur Verstärkerabwertung bearbeiten. Die gemessene Verstärkerabwertung war hier höher als wenn sich die Versuchsperson zuvor an ihren letzten Besuch in einem Restaurant erinnern sollte.
  5. Zuletzt baten die Autoren Passanten in einer Straße, Fragen zur Verstärkerabwertung zu beantworten. Standen die Passanten vor einem Fast-Food-Lokal, war ihre Verstärkerabwertung größer als wenn sie vor einem richtigen Restaurant standen.

Der letzte Befund deckt sich mit früheren Erkenntnissen, dass die Menschen ungeduldiger sind, wenn sie das Markenzeichen eines Fast-Food-Lokals sehen (Oishi & Graham, 2010). Menschen, die vor sich das Bild einer Bibliothek sehen, sprechen dagegen automatisch leiser (Aarts & Dijksterhuis, 2003). Hinweisreize wie diese zeigen an, welches Verhalten erwünscht ist. Wenn ich in einer Bibliothek bin, wird Leise-Sprechen gutgeheißen und lautes Sprechen bestraft (missbilligt). Wenn ich in einem Fast-Food-Lokal bin, wird langsames Kalkulieren, wie viel Geld ich für mein Essen ausgeben will, bestraft. Die Person hinterm Schalter und die Menschen in der Schlange hinter mir missbilligen es. Schnelles Entscheiden dagegen wird gutgeheißen. So könnte die Anwesenheit von Fast-Food-Lokalen allgemein ein Hinweisreiz sein, sich schneller und impulsiver zu verhalten.

Für die Befunde in den ersten Studien – über den Zusammenhang von Sparquoten und dem Anteil von Fast-Food-Lokalen – bieten sich andere Erklärungen an. Eine Moderatorvariable könnte der sozioökonomische Status in einer Gegend sein: Wo die Leute weniger Geld haben, gibt es weniger schicke Restaurants und mehr Fast-Food-Lokale. Auch der erste Befund, dass die Zahl der Fast-Food-Lokale im gleichen Ausmaß wuchs wie die finanzielle Ungeduld und die Abneigung gegen das Sparen, bedeutet nicht notwendigerweise, dass es da einen direkten Zusammenhang gibt.

Literatur

Aarts, H. & Dijksterhuis, A. (2003). The silence of the library: Environment, situational norm, and social behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 84, 18-28. Doi:10.1037/0022-3514.84.1.18

Critchfield, Thomas S. & Kollins, Scott H. (2001). Temporal discounting. Basic Research and the analysis of socially important behavior. Journal of Applied Behavior Analysis, 34, 101-122. PDF, 184 KB

DeVoe, Sanford E.; House, Julian & Zhong, Chen-Bo. (2013). Fast food and financial impatience. A socioecological approach. Journal of Personality and Social Psychology, 105(3), 476-494.

Oishi, S. & Graham, J. (2010). Social ecology: Lost and found in psychological science. Perspectives on Psychological Science, 5, 356-377. doi:10.1177/1745691610374588

Ostaszewski, P.; Green, L. & Myerson, J. (1998). Effects of inflation on the subjective value of delayed and probabilistic rewards. Psychonomic Bulletin and Reviews, 5, 324-333.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Psychologie, Verhaltensanalyse, Verstärkung

2 Antworten zu “Fast-Food-Lokale aufsuchen und nicht mit Geld umgehen können

  1. Frage

    Es scheint manchmal so als ob die Menschen Geld ausgeben, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Was in den USA schon gang und gäbe ist – das Kaufen auf Raten, statt zu sparen, bis man sich etwas leisten kann – wird auch bei uns immer üblicher.

    In dieser (und den folgenden) Formulierungen schwingt eine Wertung mit, der ich mich so nicht anschließen kann. Erstens ist sie wissenschaftlich nicht legitimiert (formales Argument), zweitens übersieht sie, dass Konsum eben auch eine wesentliche Rolle in der Wirtschaft spielt (inhaltliches Argument) – zumindest in der heutigen Wirtschaft, die zugebenermaßen nicht der Weisheit letzter Schluss ist.
    Wenn die Leute nur sparen und ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht durch Konsum befriedigen, können die Produzenten ihre Waren nicht mehr absetzen, sie erhalten kein Geld mehr für Investitionen und Deckung der Kosten und gehen ein. Das viel Geld auch in Form von Dividenden, Boni usw. ausgezahlt wird, ist eine andere Sache. Wer Geld investiert, will es auch wieder zurück, oder er betrachtet es als eine Art Spende für einen bestimmten Zweck.

    Vor die Wahl gestellt, jetzt 90 Euro oder in zehn Jahren 100 Euro zu bekommen, wird wohl fast jeder lieber jetzt die 90 Euro nehmen.

    Das würde ich aber noch auf ganz andere Dinge zurückführen. Es ist doch eine Rechnung mit vielen Unbekannten:
    – Inflation: Was werden die zusätzlichen 10 € in 10 Jahren überhaupt noch Wert sein?
    – Sicherheit: Wer garantiert mir, dass ich die 100 € überhaupt je bekommen werden, 10 Jahre sind eine lange Zeit.
    – Wunsch: Werde ich mit 100 € in 10 Jahren noch etwas anfangen können? Bin ich noch gesund und lebendig?

    • Mir ging es in diesem Artikel vor allem um die sog. Verstärkerabwertung (temporal discounting) und den behaupteten Zusammenhang zur Anwesenheit von Fast-Food-Lokalen (den ich hinterfrage). Der Ausgangspunkt der Autoren der Studien war dagegen die „finanzielle Ungeduld“, die i. E. zu Überschuldung – letztlich einem verhaltensbedingten Problem – führen kann. Dass Konsum an sich nicht schlecht ist und dass es nicht immer richtig ist, auf eine Sache zu sparen statt sie per Ratenkauf zu finanzieren (wäre das so, könnte sich kaum jemand ein Haus leisten), ist unbenommen. Das Bsp. mit den 90 Euro jetzt vs. 100 Euro in 10 Jahren ist extrem uns es wäre in der Tat vernünftig, lieber jetzt 90 Euro zu nehmen, denn in 10 Jahren hat die Knflation den Unterschied mehr als aufgezehrt. In diesem Artikel wird die Verstärkerabwertung ausführlicher dargestellt (nicht von den Formeln abschrecken lassen).

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