Alkoholabhängige für die Teilnahme an beruflichen Trainingsmaßnahmen bezahlen

Armut macht krank. Einer der bedeutendsten Risikofaktoren für viele Krankheiten ist ein niedriger sozioökonomischer Status, bedeutender sogar als das Rauchen (Muenning et al., 2010). Der Umstand, keinen Highschool-Abschluss zu haben ist in den USA mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert (dem dritthöchsten Verlust an Lebensjahren, noch vor der Fettleibigkeit). Es ist also sinnvoll, Menschen, die u. a. aufgrund ihres fehlenden Bildungsabschlusses arm sind, durch Bildungsmaßnahmen helfen zu wollen. Oft werden diese Personen jedoch nur in kurzzeitige Maßnahmen geschickt, z. B. Bewerbungstrainings, die allein nicht wirksam sind (hierzulande wie in den USA). Aufwändigere Interventionen sind wirksam, doch nehmen viele nicht regelmäßig genug an diesen Maßnahmen teil. Kommen noch Drogen- oder Alkoholprobleme hinzu, steigt das Risiko, dass die Maßnahme nicht erfolgreich abgeschlossen wird. In Kontingenzenmanagement-Programmen erhalten die Teilnehmer einen – ggf. monetären – Anreiz, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, z. B. die regelmäßige Teilnahme an Maßnahmen oder aber die Abstinenz von Alkohol und Drogen. Solche Programme wurden darüber hinaus auch schon erfolgreich zur Förderung der regelmäßigen Medikamenteneinnahme, als Hilfe zur Gewichtsreduktion und für die Verbesserung der Zahnpflege eingesetzt. Der Einsatz in berufsbezogenen Trainingsmaßnahmen wurde ebenfalls bereits erprobt (Silverman et al., 1996).

Koffarnus et al. (2011) setzten ein Kontingenzenmanagement-Programm ein, um die Alkoholabstinenz bei obdachlosen, alkoholkranken Erwachsenen zu fördern, die an einer beruflichen Trainingsmaßnahme teilnahmen. Die Untersuchung zeigte auch, wie sich die Teilnahme an der Maßnahme fördern ließ (Koffarnus et al, 2013). Die Teilnehmer der Maßnahme wurden per Zufall einer von drei Gruppen zugewiesen.

  1. Eine Gruppe (N=39) erhielt keine geplante Verstärkung für die Teilnahme an der Maßnahme.
  2. Die zweite Gruppe (N=42) erhielt sowohl für jeden Tag an dem sie an der Maßnahme teilnahmen, als auch für ihre Produktivität in dieser Maßnahme Gutscheine.
  3. Für die dritte Gruppe (N=43) galt die gleiche Regelung, jedoch durften die Teilnehmer nur dann zur Arbeit antreten, wenn sie durch eine Atemprobe nachgewiesen hatten, dass sie nüchtern waren (auch die Teilnehmer der anderen Gruppen mussten eine Atemprobe abgeben, jedoch durften sie unabhängig vom Ergebnis teilnehmen).

Alle Teilnehmer sollten an jedem Werktag für vier Stunden am Trainingsarbeitsplatz erscheinen. Die ganze Intervention dauerte 26 Wochen. Die Teilnehmer der Gruppen 2 und 3 konnten den Wert ihrer Gutscheine jederzeit am Computer einsehen. Sie erhielten zunächst pro Stunden einen Gutschein im Wert von $ 1, dieser Betrag wurde täglich in Schritten von 10 Cent auf maximal $ 5 gesteigert. Wenn der Teilnehmer eine Schicht ausfallen ließ (oder, in der dritten Gruppe, wegen Alkohol ausfallen lassen musste), wurde der Lohn auf $ 1 zurückgesetzt und die Steigerung begann von vorne. Durch regelmäßiges Erscheinen konnten sich die Teilnehmer zudem eine Art Gleitzeitkonto füllen, sodass sie gelegentlich später kommen oder eine Schicht ausfallen lassen konnten. Der leistungsabhängige Anteil der Bezahlung ergab sich aus der Bewältigung von bestimmten Arbeits- und Trainingseinheiten. Auch so konnten mehrere Dollar am Tag verdient werden. Sozialleistungen, die die Teilnehmer erhielten, waren von dem Kontingenzenmanagement-Programm unberührt.

Die Teilnehmer der ersten Gruppe (keine Verstärkung) bewältigten im Schnitt im Lauf der Intervention 10,5 Trainingseinheiten und nahmen 36 Stunden lang an der Maßnahme teil. Die Teilnehmer der zweiten Gruppe (Verstärkung für Teilnahme und Leistung) bewältigten im Schnitt 88 Einheiten in 148 Stunden. In der dritten Gruppe wurden im Schnitt 91 Einheiten in 106 Stunden bearbeitet. Der Unterschied zwischen der Gruppe 1 und den anderen Gruppen war signifikant, zwischen der Gruppe 2 und der Gruppe 3 war der Unterschied nicht signifikant. Wohl aber gab es in Teilaspekten Unterschiede zwischen den Gruppen 2 und 3. Die Gruppe 3 war z. B. signifikant besser in Test der Schreibgeschwindigkeit (das Beherrschen der Computertastatur war der Hauptbestandteil der Maßnahme), machte weniger Fehler und war – erwartungsgemäß – signifikant häufiger abstinent als die Gruppe 2. Da die Teilnehmer der Gruppe 3 bei Alkohol nicht teilnehmen konnten, lag ihre durchschnittliche Teilnahmezeit unter der von Gruppe 2, jedoch bewältigten sie in kürzerer Zeit mehr Lerneinheiten.

Leider erlaubt die Studie keine Aussage darüber, ob die Teilnehmer wieder eine Arbeit finden konnten. Sie zeigt aber, dass man die Teilnahme an und das Engagement in solchen Maßnahmen durch ein Kontingenzenmanagementprogramm deutlich steigern kann.

Literatur

Koffarnus, M. N.; Wong, C. J.; Diemer, K.; Needham, M.; Hampton, J.; Fingerhood, M.; … Silverman, K. (2011). A randomized clinical trial of a therapeutic workplace for chronically unemployed, homeless, alcohol-dependent adults. Alcohol and Alcoholism, 46, 561-569. doi: 10.1093/alcalc/agr057

Koffarnus, Mikhail N.; Wong, Conrad J.; Fingerhood, Michael; Svikis, Dace S.; Bigelow, George E. & Silverman, Kenneth. (2013). Monetary incentives to reinforce engagement and achievement in a job-skills training program for homeless, unemployed adults. Journal of Applied Behavior Analysis, 46(3), 582-591. doi: 10.1002/jaba.60

Muennig, P.; Fiscella, K.; Tancredi, D. & Franks, P. (2010). The relative health burden of selected social and behavioral risk factors in the United States: Implications for policy. American Journal of Public Health, 100, 1758-1764. doi: 10.2105/AJPH.2009.165019

Silverman, K.; Chutuape, M. D.; Bigelow, G. E. & Stitzer, M. L. (1996). Voucher-based reinforcement of attendance by unemployed methadone patients in a job skills training program. Drug and Alcohol Dependence, 41, 197-207. doi: 10.1016/0376-8716(96)01252-5

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

4 Antworten zu “Alkoholabhängige für die Teilnahme an beruflichen Trainingsmaßnahmen bezahlen

  1. Frage

    Eine Frage: ich habe unterschiedliche Aussagen dazu gehört, die einen sagen, man lerne am Besten, indem man anderen etwas erklärt, die anderen sagen, man müsse es praktsich tun.
    Welche der beiden Fraktionen hat recht? Oder kommt es darauf an?

    • Ich würde sagen, es kommt darauf an. Wenn ich etwas Abstraktes lerne (z. B. Prüfung in Psychologie), würde ich es mir und anderen erklären wollen (Prinzip Lerngruppe), wenn ich etwas Praktisches lernen möchte (wie man ein Fahrrad repariert), dann würde ich es auch praktisch versuchen. Das Entscheidende ist a. j. F. die Aktivität des Lernenden: Nur die Seiten im Buch anzuschauen, nützt wenig, ich muss mich aktiv mit einer Sache auseinandersetzen (vgl. die Prinzipien des programmierten Unterrichts).

      • Frage

        Schon klar, ein Buch anzustarren oder ähnliches sind ja nicht die Verhaltensweisen, die gelernt werden sollen.

        Die Frage ist nur, anders formuliert, pb Wissen eine Form von sprachlichen Verhalten darstellt oder nicht, schätze ich.

        Wenn man jemanden zum Beispiel die Geschichte von England beibringt, ist es bestimmt nützlicher, den Weg der Erklärung zu wählen. Welche praktische Tätigkeit sollte man auch damit verbinden? Im Grunde heißt, die Geschichte von England gelernt zu haben, sie dir (in irgendeiner Form) erzählen zu können.
        Umgekehrtes gilt wahrscheinlich für Handwerkstätigkeiten. Wobei ich mich eigentlich frage, ob jemand nicht auch davon profitiert, z. B. den Zusammenbau eines Abwassersystems gut erklären zu können. Gibt es sozusagen die Fähigkeit, eine sprachliche Anleitung, die man sich ggf. selbst gibt, umsetzen zu können?

        Was ist denn mit zwischendingen wie programmieren lernen oder mathematik?

      • „eine sprachliche Anleitung, die man sich ggf. selbst gibt, umsetzen“: Das wird unter „regelgeleitetes Verhalten“ (eine besondere Form der Stimuluskontrolle) gefasst. Bei der Umsetzung von (sprachliches Verhalten) Anleitungen in konkretes Tun (anderes Verhalten; vgl. z. B. Bedienungsanleitungen) ist das Erlernen der Korrespondenz zwischen dem sprachlichen Verhalten und dem anderen Verhalten erforderlich (ich muss gelernt haben, was ich tun muss, wenn mich jemand bspw. zum „Entgraten“ auffordert).

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