Unfähig, uneinsichtig und uninteressiert

Je unfähiger jemand in einem bestimmten Bereich ist, desto weniger kann er das Ausmaß seiner Unfähigkeit einschätzen und desto weniger interessiert er sich dafür, sich zu verbessern: Das ist die deprimierende Botschaft des Dunning-Kruger-Effekts.

So wie wir uns sehen, sehen uns die anderen nicht. So wie wir uns sehen, sind wir aber auch gar nicht. Die Selbsteinschätzung der Führungsfähigkeit von Vorgesetzten korreliert beispielsweise nur zu 0,04 mit halbwegs objektiven Kriterien (Mabe & West, 1982). Die Divergenz zwischen Realität und Selbsteinschätzung ist dummerweise gerade dann besonders groß, wenn die Fähigkeit, die eingeschätzt werden soll, sehr gering ausgeprägt ist. Je schwächer jemand in einem bestimmten Bereich ist, desto fehlerhafter ist seine Selbsteinschätzung. Die Ursache für dieses Phänomen ist der Dunning-Kruger-Effekt (Kruger & Dunning, 1999). Er tritt dann auf, wenn diejenige Fähigkeit, die erforderlich ist, um die eigene Leistung einzuschätzen, dieselbe ist, die man benötigt, um die Leistung überhaupt zu erbringen. Menschen, die schwache Leistungen erbringen, haben demnach ein doppeltes Defizit: Ihre Leistung ist gering und sie sind unfähig, dies zu erkennen. Oder, wie der Volksmund sagt: Man kann genauso wenig selbst feststellen, dass man schlecht riecht, wie man selbst feststellen kann, dass man dumm ist.

Die Fehleinschätzung bezüglich einer bestimmten Leistung (bei geringer Leistung) ist nicht motivational bedingt. Das heißt, diese Personen geben nicht nur vor, sich eigentlich für kompetenter zu halten, sie glauben es wirklich. Sie können diese Einschätzung selbst dann nicht korrigieren, wenn sie für eine akkuratere Selbsteinschätzung bezahlt werden (Ehrlinger et al., 2008). Dieser Effekt tritt nicht nur im Labor auf. Schlechte Schachspieler überschätzen ihre Leistung in Turnieren und schwache Studenten überschätzen die von ihnen erreichte Punktzahl in Tests. Alles in allem scheinen Menschen, die geringe Leistungen erbringen, oft nicht in der Lage zu sein, das Ausmaß ihrer Defizite einzuschätzen, egal, wie ehrlich und unparteiisch sie sich um eine adäquate Selbsteinschätzung bemühen.

Sheldon et al. (2014) untersuchten den Dunning-Kruger-Effekt im Bereich der sozialen oder emotionalen Kompetenz. Ihre Versuchspersonen waren knapp 400 Studenten, überwiegend im Fach Betriebswirtschaft, die Tests zur sogenannten emotionalen Intelligenz bearbeiten und ihre Fähigkeiten in diesem Bereich selbst einschätzen sollten. Als emotionale Intelligenz bezeichnet man die Fähigkeit, Emotionen in zwischenmenschlichen Situationen wahrzunehmen, zu verstehen, zu regulieren und einzusetzen. Diejenigen, die in den entsprechenden Tests am schlechtesten abschnitten, überschätzen ihre Fähigkeiten am meisten. Dies zeigt, dass der Dunning-Kruger-Effekt auch bei diesen Fähigkeiten auftritt: Die Fähigkeit, die man benötigt, um sich „emotional intelligent“ zu verhalten, ist dieselbe, die man benötigt, um ein Defizit im Bereich der emotionalen Intelligenz festzustellen.

Sheldon et al. (2014) fanden zudem, dass auch die Bereitschaft, Feedback anzunehmen, bei den vom Dunning-Kruger-Effekt Betroffenen eingeschränkt ist. Sie meldeten den Versuchspersonen ihre Leistungen in den Tests zurück. Aber auch nachdem sie ihre Leistungen erfahren hatten, hielten die „schwachen“ Versuchspersonen an ihrer Selbsteinschätzung fest. Sie stellten nun die Angemessenheit oder die Bedeutsamkeit des Feedbacks in Frage, d. h. entweder sie bezweifelten die Aussagekraft der Tests oder sie stellten in Frage, dass die Eigenschaft „emotionale Intelligenz“ überhaupt wichtig ist. Sie äußerten auch kein Interesse an Maßnahmen zur Verbesserung der emotionalen Intelligenz, sei dies das Lesen eines Buches oder die Teilnahme an einem Training. Paradoxerweise waren vor allem die Versuchspersonen, die am besten abschnitten, an einer weiteren Verbesserung ihrer Fähigkeiten interessiert.

Das doppelte Problem des Dunning-Kruger-Effekts scheint ein drei- bis vierfaches zu sein: Wer in einem bestimmten Bereich inkompetent ist, kann das nicht nur schlecht einschätzen, er kann auch Feedback nicht zur Verbesserung seiner Leistung nutzen und er ist nicht daran interessiert, sich zu verändern.

Literatur

Ehrlinger, J.; Johnson, K.; Banner, M.; Dunning, D. & Kruger, J. (2008). Why the unskilled are unaware: Further explorations of (absent) selfinsight among the incompetent. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 105, 98-121. doi:10.1016/j.obhdp.2007.05.002

Kruger, J. & Dunning, D. (1999). Unskilled and unaware of it: How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments. Journal of Personality and Social Psychology, 77, 1121-1134. doi:10.1037/0022-3514.77.6.1121

Mabe, P. A., III & West, S. G. (1982). Validity of self-evaluation of ability: A review and meta-analysis. Journal of Applied Psychology, 67, 280-296. doi:10.1037/0021-9010.67.3.280

Sheldon, O. J.; Dunning, D. & Ames, D. R. (2014). Emotionally unskilled, unaware, and uninterested in learning more: Reactions to feedback about deficits in emotional intelligence. Journal of Applied Psychology, 99(1), 125-137. doi:10.1037/a0034138

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4 Kommentare

Eingeordnet unter OBM, Psychologie

4 Antworten zu “Unfähig, uneinsichtig und uninteressiert

  1. Frage

    Im Zuge einer verhängnisvollen Fehleinschätzung gehe ich mal davon aus, dass ich zu diesem Beitrag etwas sinnvolles und relevantes zu sagen habe:
    Der Volksmund kennt diesen Effekt wohl in Form des alten Sprichwortes „Das Fernsehn macht den Dummer dümmer und den Klugen klüger.“

    Der „Dunning-Kruger-Effekt“ ist mir eigentlich dadurch untergekommen, dass jemand diese Effekt in einer Diskussionen erwähnte, als es um die Frage ging wieso die Gegenseite nicht endlich ein Einsehen darin hat, dass sie falsch liegt.
    Ein wenig später habe ich erfahren, dass der D.-K.-Effekt in der realen Forschung eigentlich keine große Rolle spielen soll.

    …Wie dem auch sei: Mir fällt inzwischen eigentlich auf, dass man diesen Effekt auf zwei Arten interpretieren kann:
    1. Den „Dummen“ fällt gar nicht auf, wie „dumm“ sie sind und sie wollen sich daher gar nicht verändern.
    2. Den Leute, die sich für ein Thema nicht interessieren, fällt gar nicht auf, wie wenig Ahnung sie haben und weil sie dieses Thema auch nicht als für sich relevant empfinden, glauben sie, sie wüssten alles darüber.

    Er tritt dann auf, wenn diejenige Fähigkeit, die erforderlich ist, um die eigene Leistung einzuschätzen, dieselbe ist, die man benötigt, um die Leistung überhaupt zu erbringen.

    Das ist ja nicht immer der Fall. Z. B. kann ich die Einschätzung haben nur schlecht Kopfrechnen zu können, habe aber zweifellos die Kompetenz, einen guten von einen schlechten Kopfrechner zu unterscheiden.
    Die Frage wäre, ob der Effekt dort auch gilt.

    • Naja, die Definition „Er tritt dann auf, wenn diejenige Fähigkeit, die erforderlich ist, um die eigene Leistung einzuschätzen, dieselbe ist, die man benötigt, um die Leistung überhaupt zu erbringen“ habe ich aus einem Artikel, den Denning mitverfasst hat. Die Definitionshoheit sollte schon beim Namensgeber liegen… 😉 Die Definition ergibt m. E. auch, dass der von dir genannte Fall (Kopfrechnen) eben nicht unter den D-K-Effekt fällt. Es wäre dann ein DK-E, wenn
      1. Du objektiv etwas (eine Leistung) sehr schlecht kannst.
      2. Du deine Leistung aber als deutlich besser einschätzt.
      3. Die Fähigkeit, die du benötigst, um diese Leistung hervorzubringen, dieselbe ist, die du benötigst, um einschätzen zu können, wie gut deine Leistung ist.
      Prototypisch finde ich das Beispiel „soziale Kompetenz“: Wenn ich nicht weiß, wie man sich sozial kompetent verhält (und es infolgedessen auch nicht kann), dann kann ich auch nicht unterscheiden, ob ich mich sozial kompetent verhalte oder nicht.
      Beim Kopfrechnen fällt es mir schwer, den DK-E zu erkennen (zudem solltest du ja gerade eine deutlich höhere Meinung von deinen Kopfrechenleistungen haben als es objektiv der Fall ist): Um beurteilen zu können, ob jemand gut Kopfrechnen kann, muss ich nicht unbedingt selbst gut Kopfrechnen können (es genügt, einen Taschenrechner bedienen zu können, um nachzuprüfen, ob der andere richtig gerechnet hat). – Außerdem geht es ja vorrangig um die Selbsteinschätzung, also – nee, das Beispiel passt nicht.
      Dass der DK-E nicht besonders bedeutsam ist, glaube ich auch (das trifft bei kritischer Betrachtung aber auf eine ganze Menge anderer Effekte in der Psychologie zu). Aber ich finde, er beschreibt ganz gut eine dieser paradoxen Konstellationen, die wir alle kennen.

      • Frage

        >>Die Definitionshoheit sollte schon beim Namensgeber liegen… ;-)<<

        Natürlich. Deshalb auch eingangs meine Bemerkung, dass ich mich nur in einer Fehleinschätzung überhaupt dazu in der Lage sehe, meinen Senf dazu abzugeben. Ich kenne den Effekt nämlich wirklich hauptsächlich aus Diskussionen im Internet.

        Dass der DK-E nicht besonders bedeutsam ist, glaube ich auch (das trifft bei kritischer Betrachtung aber auf eine ganze Menge anderer Effekte in der Psychologie zu). Aber ich finde, er beschreibt ganz gut eine dieser paradoxen Konstellationen, die wir alle kennen.

        Bezüglich der psychologischen Effekte hat sich ja wieder einiges getan. Ich glaube, ein Nobelpreisträger hat erst kürzlich in Frage gestellt, ob es gewisse Effekte wirklich gibt oder ob nicht die Studienteilnehmer (überwiegend Psychologie-Studenten, die für die Teilnahme an den Experimenten Punkte gewinnen!) absichtlich erwartungsgemäß verhalten.
        Zum Beispiel wenn der Studienleiter zu beginn der Studie beiläufig sagt, „bei diesen Test schneiden weibliche Teilnehmer überwiegend schlecht ab“ und diese dann tatsächlich schlecht abschneiden.
        Dass es so einen Effekt gibt, scheint plausibel. Aber reicht der Schein? Welchen evolutionären Sinn sollte er z. B. haben?

        Das Problem dürfte wohl tiefer gehen, schreiben einige Medien. Bei der Hirnforschung mehren sich mE auch die methodisch und sachlich begründeten Zweifel. Wie immer bleibt das Ganze eine spannende Sache.

  2. Pingback: Lesestoff: Anfang September mit 8 Artikeln - Der Webanhalter

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