Was ist angewandte Verhaltensanalyse?

Baer, Wolf und Risley (1968) fassen zusammen, welchen Mindeststandards die Forschung zur angewandten Verhaltensanalyse genügen muss.

Nicht nur in der Forschung, auch in der Praxis orientieren sich Verhaltensanalytiker an diesen Kritierien.

Sie muss angewandt sein.

Der Forschungsgegenstand wird nicht aus theoretischen Erwägungen heraus gewählt sondern aufgrund seiner Bedeutung für die Menschen und die Gesellschaft. Die wichtigste Frage, die die angewandte Forschung daher beantworten muss, lautet: Wie bedeutsam ist dieses Ergebnis für den einzelnen Menschen oder für die Gesellschaft?

Sie muss sich mit Verhalten beschäftigen.

Das Ziel der angewandten Forschung ist die Veränderung der Beziehung zwischen Verhalten und Umwelt. Das Verhalten muss wiederum bedeutsam sein: Einem impotenten Mann ist nicht geholfen, wenn man ihn dazu bringt, nicht mehr zu sagen, er sei impotent. Dies wäre gleichbedeutend damit, dass der Forscher oder Therapeut dem Patienten nur beibringt, sich nicht mehr zu beklagen (statt den Grund seiner Klagen zu beseitigen).

Im Bereich der angewandten Forschung kann man das Verhalten nicht immer im selben Ausmaß wie in der Grundlagenforschung automatisch aufzeichnen. Das Verhalten muss oft von Menschen beobachtet werden und Menschen sind fehlbar. Daher muss jede „Messung“ mit einer Prüfung der Reliabilität (z. B. durch zwei unabhängige Beobachter) einhergehen.

Sie muss analytisch sein.

Der Forscher kann ein Verhalten dann analysieren, wenn er es kontrollieren kann. In der Grundlagenforschung kann ein Wissenschaftler das Verhalten meist nach Beleiben hervorrufen oder unterdrücken. Im angewandten Bereich ist dieses Ausmaß an Kontrolle kaum zu erreichen. Doch kann der Forscher auch hier eine Form von Kontrolle demonstrieren. Das ABA*- („reversal“) Design ist eine der Techniken, der Ansatz der multiplen Basisraten („multiple baseline“) ein anderer, durch den man die ursächliche Wirkung bestimmter Variablen auf eine andere Variabel (das Verhalten) demonstrieren kann. Multipel Basisraten sind dann angezeigt, wenn sich der Effekt einer Intervention nicht rückgängig machen lässt. Dies tritt häufig dann ein, wenn ein Verhalten, dass durch die Intervention geformt wurde, „natürliche“ Verstärkung erfährt. Ein anderer Grund kann sein, dass eine Rücknahme der Intervention ethisch nicht vertretbar wäre. Wie oft der Wechsel zwischen A und B stattfinden muss (oder wie viele verschiedene Basisraten erhoben werden sollten) ist eine Frage der Glaubwürdigkeit: Wie oft muss dies geschehen, um das jeweilige Fachpublikum zu überzeugen? Ein weiterer Schritt, nachdem die spezifische Wirksamkeit einer Intervention so demonstriert wurde, ist die Analyse ihrer Komponenten: Eine Maßnahme kann bspw. aus verbalem Feedback und Lob bestehen. Geeignete Forschungsdesigns sollten dann feststellen, ob es das Feedback allein ist, das die Wirkung erzielt oder ob das Lob ein notwendiger Bestandteil ist.

Sie muss technologisch sein.

Untersuchungen müssen so berichtet werden, dass ein typischer Leser (ein Fachkollege) prinzipiell in der Lage wäre, das Experiment zu wiederholen. Daher sind Beschreibungen wie „es wurde eine Spiel-Therapie durchgeführt“ nicht ausreichend. Die einzelnen Bestandteile einer „Spieltherapie“ müssen als eine Sammlung von kontingenten Beziehungen zwischen dem Verhalten des Kindes, dem des Therapeuten und dem verwendeten Spielmaterial beschrieben werden. Das beinhaltet nicht nur, dass beschrieben wird, was geschehen ist, sondern dass erklärt wird, was getan werden sollte, wenn nicht das erwünschte, sondern ein anderes Verhalten auftritt. Es genügt bspw. nicht, zu beschreiben, dass die Wutausbrüche eines Kindes dadurch aufhören, dass man es für die Dauer des Wutausbruchs und weitere zehn Minuten vom Rest der Gruppe isolierte. Der Forscher muss auch angeben, was getan werden soll, wenn das Kind nicht aufhört zu schreien oder wenn es die Einrichtung im Raum kaputt schlägt usw.

Sie muss konzeptuell verankert sein.

Die Beschreibung von Forschungen soll nicht nur rein technologisch sein, sie muss auf grundlagenwissenschaftliche Konzepte Bezug nehmen. Andernfalls wäre sie mehr oder weniger eine Sammlung von Tricks. Ein Leser muss in die Lage versetzt werden, dasselbe Prinzip in einem anderen Zusammenhang anzuwenden.

Sie muss effektiv sein.

Es genügt nicht, dass sich durch eine Maßnahme eine Änderung einstellt, diese Änderung (im Verhalten) muss praktisch bedeutsam sein. Für die Pfleger eines ehedem stummen schizophrenen Menschen ist es z. B. nicht sehr bedeutsam, wenn dieser nach der Intervention zehn Verben verwenden kann. Wohl aber würden 50 Wörter, die dem Patienten helfen, seine Wünsche auf angemessene Art und Weise auszurücken einen großen Unterschied bedeuten – egal, was Psycholinguisten davon halten würden. Auch das Kriterium der Signifikanz ist nicht allein entscheidend: Ein signifikanter, aber absolut sehr kleiner Unterschied ist praktisch meist nicht bedeutsam.

Sie muss überdauernde und übertragbare Ergebnisse liefern

Ein Ergebnis, dass sich nur in einem sehr speziellen Segment bemerkbar macht, ist meist nicht von Dauer. Der angewandte Forscher sollte Angaben darüber machen, wie der überdauernde Erfolg einer Maßnahme sichergestellt werden kann: Generalisation sollte programmiert und nicht nur erwartet oder eingefordert werden.

Literatur

Baer, Donald M.; Wolf, Montrose M. & Risley, Todd R.. (1968). Some current dimensions of applied behavior analysis. Journal of Applied Behavior Analysis, 1(1), 91-97. PDF, 1,0MB

*Die Abkürzung „ABA“ steht hier nicht für „Applied Behavior Analysis“, sondern für die Phasen einer Untersuchung, z. B. A = Basisratenbeobachtung, B = Intervention, A = Rückkehr zur Basisratenbeobachtung

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