Urban Legends über den Behaviorismus – ihre Quellen liegen in den Lehrbüchern der Psychologie

Die meisten Psychologen wissen nicht, wofür der Behaviorismus wirklich steht. Trotzdem halten sie ihn für erledigt. Doch wer sollte es ihnen verübeln: Sie haben es so gelernt (und selbständig denken oder gar selbst recherchieren scheinen heutzutage nicht hoch im Kurs zu stehen).

Todd und Morris stellten schon 1983 fest, dass die falschen Vorstellungen über den Behaviorismus, die viele Psychologen haben, nicht aus Missverständnissen bei der Lektüre der Originalliteratur oder aus bloßer Unkenntnis resultieren. Die meisten Psychologen beziehen ihre falschen Vorstellungen aus Vorlesungen und Lehrbüchern. Um das Ausmaß der Falschdarstellung in Lehrbüchern zu erfassen, recherchierten sie sämtliche Lehrbücher der Psychologie, die zwischen 1978 und 1980 erschienen waren und die in der Contemporary Psychology (CP) aufgelistet wurden. Von diesen 99 Lehrbüchern konnten sie sich 40 beschaffen und genauer untersuchen. Dabei überprüften sie alle Fundstellen der Begriffe „radikaler Behaviorismus“, „Verhaltensanalyse“, „Behavioristen“, „verhaltensorientierte Konzepte“ usw. Die vorgefundenen Definitionen verhaltenswissenschaftlicher Begriffe verglichen sie mit denen im Register von Schedules of Reinforcement (Fester & Skinner, 1957).

Die allgemein einführenden Lehrbücher und diejenigen aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie stellten die Verhaltenswissenschaft noch am ausführlichsten dar. Weniger Details enthielten die Darstellungen in Lehrbüchern der Entwicklungspsychologie, am wenigsten solche der kognitiven und Sozialpsychologie. Die wenigsten Lehrbücher stellten überhaupt den radikalen Behaviorismus als die Wissenschaftstheorie der Verhaltenswissenschaft dar. Einige persönlichkeitspsychologische und allgemeine Lehrbücher erwähnten Aspekte des radikalen Behaviorismus, wenngleich nur eingeschränkt auf einzelne Fragestellungen, die zum Teil für den radikalen Behaviorismus gar nicht zentral sind (z. B. Skinners Haltung zum Determinismus). Wenn über Verhaltenswissenschaft geschrieben wurde, dann meist in Hinsicht auf grundlegende Lernprinzipien, wobei gelegentlich erwähnt wurde, dass diese Prinzipien in der „Verhaltensmodifikation“ genutzt werden. Die am häufigsten zitierten behavioristischen Arbeiten waren Skinners Science and Human Behavior (in 50 % der Texte erwähnt), The Behavior of Organisms, Verbal Behavior, Beyond Freedom and Dignity und Watson und Rayners Studie zu den konditionierten emotionalen Reaktionen („Little Albert“). Die am häufigsten erwähnten Arbeiten aus dem Bereich der Grundlagenforschung waren Fester und Skinners (1957) Schedules of Reinforcement und Skinners (1948) Experimente mit den „abergläubische Tauben“. Aus dem Bereich der angewandten Verhaltensanalyse wurden die Arbeiten zur Token-Ökonomie (z. B. Ayllon & Azrin, 1968) und die Therapie des frühkindlichen Autismus (Lovaas, 1968) noch am häufigsten erwähnt. In den meisten Lehrbüchern wurde auch die verhaltensanalytische Interpretation von Sprache erwähnt, indem Skinners Verbal Behavior genannt wurde. Alles in allem wurden (schon damals, 1978 bis 1980) nur ältere Quellen aufgeführt, keine neueren. Verhaltensanalytische Grundbegriffe wurden zumeist richtig definiert, allerdings gab es gelegentliche Fehler, wie z. B. die Gleichsetzung von negativer Verstärkung und Bestrafung.

Die Darstellung des radikalen Behaviorismus und des verhaltensorientierten Ansatzes war nach Todd und Morris (1983) in einigen Lehrbüchern durchaus akkurat. Andere waren rundweg anti-behavioristisch. Zumeist aber fand sich eine Mischung aus richtigen und falschen Aussagen zum Behaviorismus. Die häufigsten Fehler waren

  1. dass sich der Behaviorismus vor allem mit dem Verhalten von Tieren beschäftige.
  2. dass er nur die Umweltbedingtheit des Verhaltens anerkenne.
  3. dass er Lebewesen als „leer“ oder als „Black Boxes“ betrachte.
  4. dass er eine übersimplifizierende Theorie von Sprache und Sprachentwicklung habe.
  5. dass er nur in wenigen Fällen nützlich angewendet werden könne.

Zu 1.: Viele Lehrbücher behaupten, Skinner übertrage seine Erkenntnisse aus Experimenten mit Ratten und Tauben direkt auf menschliche Probleme. Verschwiegen wird dabei, dass den Überlegungen Skinners dazu, was seine Forschungen an Tieren über die Ursachen menschlichen Verhaltens aussagen, etliche Arbeiten mit Menschen folgten, dokumentiert u. a. in den Zeitschriften Journal of the Experimental Analysis of Behavior und Journal of Applied Behavior Analysis.

Zu 2.: Häufig wird in den Lehrbüchern zur Illustration eines angeblichen reinen „Nurture“-Ansatzes des Behaviorismus Watsons (1930, S. 84) berühmt-berüchtigtes „Baby-Zitat“ angeführt: „Give me a dozen healthy infants, well-formed, and my own specified world to bring them up in and I’ll guarantee to take any one at random and train him to become any type of specialist I might select – doctor, lawyer, artist, merchant-chief and, yes, even beggar-man and thief, regardless of his talents, penchants, tendencies, abilities, vocations, and race of his ancestors”. Todd und Morris stellten fest, dass dieses Zitat oft aus dem Kontext gerissen wird. Insbesondere der nächste Satz, der Watsons Aussage relativiert, wird fast immer weggelassen („I am going beyond my facts and I admit it, but so have the advocates of the contrary and they have been doing it for many thousands of years”). Auch der Kommunikationskontext wird verschwiegen, nämlich, dass sich Watson mit diesem Zitat gegen die Anhänger der Eugenik (die o. e. „Anwälte der Gegenseite“) wandte. Zudem wird aus Watsons sonstigen Aussagen deutlich, dass er kein Vertreter der Tabula-Rasa-Position war. Auch Skinner wird in einführenden Lehrbüchern oft so dargestellt, obschon es von ihm unzählige Aussagen gibt, die belegen, dass und in wie fern er die genetische und physiologische Bedingtheit des Verhaltens anerkannte (vgl. auch Morris et al., 2004).

Zu 3.: Viele Lehrbücher behaupten, dass Verhaltensanalytiker (oder, wie sie in den Lehrbüchern fast ausnahmslos genannt werden, Behavioristen) sich für das, was innerhalb des Organismus vorgeht, nicht interessieren und diesen Bereich als eine „Black Box“ betrachten. Interessanterweise widersprechen sich diese Lehrbücher oft insofern, als sie bei der Darstellung des operanten Verhaltens ein gewisses Maß an Absicht und freiem Willen auf Seiten des Organismus erkennen („das Operant ist eine willentliche Handlung“, Fein, 1978, S. 7). Allgemein wird nicht zwischen behavioristischen und mentalistischen Konzepten unterschieden. Verschwiegen wird in der Regel auch Skinners verhaltensorientierte Analyse subjektiver Begriffe. Manche Lehrbücher können zudem den radikalen Behaviorismus nicht von der Assoziationspsychologie des 19. Jahrhunderts unterscheiden.

Zu 4.: Die Darstellung des verhaltensanalytischen Zugangs zur Sprache und zur Sprachentwicklung ist in der Regel grob vereinfachend und in vielen Aspekten schlicht falsch. Sprache werde durch Nachahmung und Verstärkung gelernt, genetische Faktoren spielten keine Rolle. Der auch in Deutschland gerne gelesene Zimbardo (1979, S. 112) stellt Skinners Ansatz z. B. so dar: „Kinder imitieren das sprachliche Verhalten der Erwachsenen in ihrem Umfeld. Wenn sie das auf korrekte Weise tun, werden sie [die Kinder] von den Erwachsenen positiv verstärkt, indem sie gelobt werden und gesagt bekommen, dass das, was sie gesagt haben, „richtig“ war“ (Übersetzung CB). Skinners Ansatz wird oft mit dem von Chomsky kontrastiert, indem beide als Positionen der Nature-Nurture-Debatte dargestellt werden. Dass Chomskys Besprechung und Kritik von Verbal Behavior für das Buch gar nicht relevant sind, findet selbstverständlich keine Erwähnung.

Zu 5.: Die Lehrbücher behaupten häufig, dass sich der verhaltensorientierte Ansatz für die Erklärung komplexen Verhaltens nicht eigne. Dafür werden inhärente logische Probleme des Behaviorismus verantwortlich gemacht. Für diese in den Lehrbüchern vertretene Auffassung muss wiederum die eingeschränkte und veraltete Kenntnis der Forschungsliteratur auf Seiten der Lehrbuchautoren verantwortlich gemacht werden.

Daneben fanden Todd und Morris noch zahlreiche andere, kleinere Fehler. Die Little-Albert-Studie von Watson und Rayner (1920) wird bspw., wie schon andere Autoren festgestellt haben, fast immer falsch dargestellt. Dies reicht von der falschen Schreibweise des Namens der Autorin („Raynor“ statt „Rayner“) bis zur Vermischung der Studie mit einer ganz anderen, nämlich der Little-Peter-Studie von Mary Cover Jones.

Eine Lösung können Todd und Morris nicht anbieten. Sie fordern Verhaltensanalytiker auf, an Lehrbuchautoren und Verlage zu schreiben und um die Korrektur der Fehler zu bitten. Doch sie fürchten, dass dies wenig nutzt, wenn die Autoren dem Behaviorismus ablehnend oder gleichgültig gegenüberstehen. Die Entwicklung seit 1983 zeigt m. E., dass letzteres der Fall ist. Die Falschdarstellung des Behaviorismus und die komplette Ausblendung der Verhaltensanalyse in den einführenden Lehrbüchern der Psychologie haben dazu geführt, dass gerade Psychologen heute die meisten falschen Vorstellungen vom Behaviorismus haben.

Literatur

Morris, Edward K.; Lazo, Junelyn F. & Smith, Nathaniel G. (2004). Whether, when, and why Skinner published on biological participation in behavior. The Behavior Analyst, 27(2), 153-169. PDF 2,69 MB

Todd, James T. & Morris, Edward K. (1983). Misconceptions and miseducation: Presentations of radical behaviorism in psychology textbooks. The Behavior Analyst, 6(2), 153-160. PDF 1,31 MB

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik, Psychologie, radikaler Behaviorismus, Verhaltensanalyse

2 Antworten zu “Urban Legends über den Behaviorismus – ihre Quellen liegen in den Lehrbüchern der Psychologie

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