Psychologiestudenten haben die meisten falschen Vorstellungen über Verhaltensanalyse

Ich hatte schon immer den Eindruck, dass die überzeugtesten Ablehner der Verhaltensanalyse auch die un- und falschinformiertesten sind: (kognitive) Psychologen.

Erik Arnzten et al. (2010) gaben 306 Teilnehmern einen Fragebogen vor, der insgesamt 22 falsche Vorstellungen (Vorurteile und Fehlinformationen) über die Verhaltensanalyse / den Behaviorismus abfragte (z. B. „Verhaltensanalytiker verwenden vor allem elektrische Schocks“, „Verhaltensanalytiker meinen, dass Verhalten vor allem durch Reize, die dem Verhalten vorausgehen, gesteuert wird“). Die Teilnehmer stammten aus fünf verschiedenen Gruppen, alle aus Norwegen:

  1. Studenten der Bioingenieurswissenschaften (als „naive“ Teilnehmer)
  2. Studenten der („traditionellen“) Psychologie
  3. Erstsemesterstudenten der Sozialen Arbeit
  4. Lehrkräfte an Krankenpflegeschulen
  5. Studenten eines Fortgeschrittenenkurses in Verhaltensanalyse

Teilnehmer in allen Gruppen hatten falsche Vorstellungen von Verhaltensanalyse. Am ausgeprägtesten waren jedoch die falschen Vorstellungen der Studenten der Psychologie. Sie hatten sogar noch etwas mehr falsche Vorstellungen als die „naiven“ Teilnehmer. Selbst die Erstsemesterstudenten der Sozialen Arbeit hatten korrektere Vorstellungen von der Verhaltensanalyse. Die falschen Vorstellungen der Psychologiestudenten betrafen nicht nur Fragen der Einstellung gegenüber Verhaltensanalyse und Behaviorismus, sondern auch einfache Wissensfragen („Negative Verstärkung ist ein anderes Wort für Bestrafung“ – das ist eindeutig falsch).

Falsche Vorstellungen über Verhaltensanalyse können sich aus mehreren Quellen speisen: den Medien, Unterrichtsmaterialien und Lehrbüchern. Im Fall der Psychologiestudenten gehen die Autoren davon aus, dass die falschen Vorstellungen aus den Lehrbüchern der Psychologie stammen. Viele dieser Lehrbücher stellen die Verhaltensanalyse und den Behaviorismus falsch dar (vgl. Todd & Morris, 1983).
Die Ergebnisse von Arntzen et al. (2010) bestätigen die Ergebnisse früherer Untersuchungen, insbesondere den Befund von Lamal (1995).

Literatur

Arntzen, Erik; Lokke, Jon; Lokke, Gunn & Eilertsen, Dag-Erik. (2010). On misconceptions about behavior analysis among university students and teachers. The Psychological Record, 60(2), 325-336. PDF 214 KB

Lamal, P. A. (1995). College students’ misconceptions about behavior analysis. Teaching of Psychology, 22(3), 177-179. PDF 379 KB

Todd, James T. & Morris, Edward K. (1983). Misconceptions and miseducation: Presentation of radical behaviorism in psychology textbooks. The Behavior Analyst, 6(2), 153-160. PDF 1,31 MB

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kritik, Psychologie, radikaler Behaviorismus, Verhaltensanalyse

Eine Antwort zu “Psychologiestudenten haben die meisten falschen Vorstellungen über Verhaltensanalyse

  1. Pingback: Urban Legends über den Behaviorismus – ihre Quellen liegen in den Lehrbüchern der Psychologie | Verhalten usw.

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