NLP als Pseudowissenschaft

An dieser Stelle wurde schon einmal über das Neurolinguistische Programmieren (NLP) und die daraus abgeleitete Neurolingusitische Psychotherapie (NLPt) bereichtet. Sowohl das NLP als auch die NLPt entbehren einer wissenschaftlichen Grundlegung und eines Nachweises für ihre starken Wirksamkeitsbehauptungen. Dies ist lange bekannt.

Joachim Bliemeister beschäftigte sich schon 1987 mit der empirischen Überprüfung einiger Grundannahmen des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). NLP soll nach Aussagen seiner Entwickler Erstaunliches bewirken:

„Phobien und andere unerfreuliche Gefühlsreaktionen in weniger als einer Stunde … kurieren. … Kindern und Erwachsenen mit „Lernstörungen“ … bei der Überwindung ihrer Begrenzungen … helfen – oft in weniger als einer Stunde… unerwünschte Gewohnheiten in wenigen Stunden … eliminieren, Rauchen, Trinken, Fettsucht, Schlaflosigkeit usw. … viele körperliche Schwirigkeiten in wenigen Sitzungen … kurieren – nicht nur die meisten derjenigen, die als „psychosomatisch“ eingeschätzt werden, sondern auch einige andere“ (Bandler & Grinder, 1981, S. 14).

Die Gründer des NLP behaupten weiter, dass erfahrene NLP-Praktiker diese Behauptungen mit „soliden, sichtbaren Ergebnissen belegen“ könnten, dass NLP andererseits aber „nicht alles“ erreichen könne (ebd.).

Schon hier findet sich ein typisches Argumentationsmuster von NLP-Vertretern: Erst werden in kräftigen Worten „erstaunliche Erfolge“ behauptet, die „solide“ belegt werden könnten, dann aber werden diese Behauptungen wieder so eingeschränkt („eine Menge, aber nicht alles“), dass sie kaum zu widerlegen sind. Diese Immunisierungsstrategien werden, so Bliemeister (1987) durch eine „vage, schwammige und indifferente Diktion“ (S. 397) unterstützt.

Bandler und Grinder (1981) ahnen den ungünstigen Eindruck, den ihre Ausführungen auf kritisch denkende Menschen haben könnten, voraus und versichern dem Leser, „daß die Inkonsistenzen, die plötzlichen Gedankensprünge, die unangekündigten Wechsel in Inhalt, Stimmung und Richtung, die er in diesem Buch aufdecken wird, in ihrem ursprünglichen Kontext ihre eigene zwingende Logik hatten“ (S. 18).

Für den wahrscheinlichen Fall, dass er das den Autoren nicht abkauft, schieben Bandler und Grinder (ebd.) den schwarzen Peter vorsorglich gleich dem Leser zu: „Ist der Leser scharfsinnig genug, diesen Kontext zu rekonstruieren…?“ fragen Sie frech.

Bliemeister kommentiert das: „Aber auch derjenige Leser, der den notwendigen Scharfsinn nicht aufbringt, die im Originalzusammenhang bestehende „zwingende Logik“ des Textes zu „rekonstruieren“, kann sich trösten, wird ihm doch in Aussicht gestellt, daß er zu einem „eher persönlichen, unbewussten Verständnis“ der Ausführungen gelangen kann“ (S. 398). Der zweite Fall ist wahrscheinlicher, denn wer die Ausführungen Bandlers und Grinders durchdringt, erkennt notwenigerweise, dass ihr Geschreibsel reines Wortgeklingel ist, mit wenig Sinn und Substanz.

Die Immunisierung gegen rationale Kritik ist, so Bliemeister (1987), kein Zufallsprodukt, sondern „Ausdruck einer Strategie“ (S. 398). Als Beleg führt er folgendes, berühmt-berüchtigtes Zitat von Bandler und Grinder (1981) an: „Glaubt ihr das? Es ist gelogen. Alles, was wir euch hier erzählen werden, ist gelogen. Alle Generalisierungen sind Lügen“ (S. 35).

Ein weiteres Beispiel: Bandler und Grinder differenzieren zwischen „wahr sein“ und „nützlich sein“. Bliemeister fragt, ob das denn etwa Gegensätze seien. „Kann etwas, was nicht wahr ist, nützlich sein? Kann eine Lüge etwa gut funktionieren, wenn man so tut als sei sie wahr? Oder soll hier etwa durch eine Serie von paradoxen Äußerungen der Verstand des Lesers eingeschläfert werden?“ (S. 399). Bliemeister erkennt die Strategie der „Verwirrungsinduktion“, die aus der Hypnose bekannt ist. Sie verhindert die rationale Auseinandersetzung mit den doch sehr realen Wirksamkeitsbehauptungen des NLP.

Augen

Aus den Augenbewegungen kann man, laut NLP, den Denkstil ableiten

Bliemeister (1988)  versucht, aus den wenig konkreten Angaben Bandlers und Grinders eine übeprüfbare Hypothese zu gewinnen. Die Begründer des NLP (z. B. Dilts, 1978) beziehen sich vage auf die sogenannte LEM-(“lateral eye movement”)-Hypothese (nach Day, Duke und Bakan), welche besagt, dass die Augen einer problemlösenden Person, je nachdem welche Hirn-Hemisphäre gerade aktiviert ist, jeweils in eine bestimmte Richtung blicken. Ehrlichmann und Weinberger (1978) fassen die Ergebnisse der diesbezüglichen Forschung dahingehend zusammen, dass sich keine eindeutigen Zusammenhänge nachweisen ließen.

Bleimeister (1988) folgert: “Die Beziehung zwischen Augenbewegung und Problemlösetyp ist also keinesfalls eine feste, eine Tatsache, die die Glaubwürdigkeit der NLP-Postulate nicht gerade erhöht” (S. 24). Die NLP-Augenbewegungs-Hypothese wird also durch bisherige Untersuchungen nicht gestützt.

Bliemeister (1988) stellt eine Null-Hypothese auf, die er durch seine Untersuchung zu widerlegen versucht. Demnach besteht kein Zusammenhang zwischen den Blickbewegungen einer Person und ihren Erinnerungen, Vorstellungen usw. visueller, akustischer oder kinästhetischer Art und den verwendeten Prozessworten (anhand derer man nach Bandler und Grinder das jeweils vorherrschende primäre Referenzsystem erkennen könne).

Bliemeisters (1988) Ergebnisse sind eindeutig: Kein wie auch immer gearteter Zusammenhang im Sinne der NLP-Hypothesen ließ sich nachweisen. Der Autor verweist abschließend noch auf die Schwierigkeiten, aus den Aussagen von Bandler und Grinder überhaupt testbare Hypothesen zu gewinnen, da die “Annahmen außerordentlich komplex und mit einer großen Anzahl von ´Ausnahmen` versehen” (S. 29) sind.

Literatur

Bandler, Richard & Grinder, John. (1981). Neue Wege der Kurzzeit-Therapie. Neurolinguistische Programme. Paderborn: Jungefermann.

Bliemeister, Joachim. (1987). Empirische Überprüfung von Grundannahmen des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). Integrative Therapie, 1987(4), 397-406.

Bliemeister, Joachim. (1988). Empirische Überprüfung zentraler theoretischer Konstrukte des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). Zeitschrift für Klinische Psychologie, 17, 21-30.

Dilts, R. (1978). Neuro-Linguistic programming. In R. Dilts (Ed.), Roots of Neuro-Linguistic Programming (Part III). Cupertino: Meta Publications.

Ehrlichman, H. & Weinberger, A. (1978). Lateral eye movements and hemispheric asymmetry: A critical Review. Psychological Bulletin, 85(5), 1080-1101.

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10 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik, Psychologie, Skepsis, Therapie

10 Antworten zu “NLP als Pseudowissenschaft

  1. NLP ist ein Sammelsurium an Techniken, von denen einige ganz gut funktionieren und andere, wenn überhaupt, lediglich einen Placebo-Effekt haben. Die pragmatische und konstruktivistische Philosophie des NLP ist m.E. ausgemachter Unsinn. Man muss also differenzieren.

    • Welche NLP-Techniken funktionieren denn ganz gut und wie willst du das belegen? Das, was dir vielleicht gut an NLP vorkommt, ist aus anderen Verfahren übernommen, ohne den theoretischen Hintergrund zu berücksichtigen. NLP ist schlicht überflüssig und kommt als Pseudo-Wissenschaft daher.

      • Was du zu NLP sagst, gilt für alle Psycho-Techniken und -Therapien. Die Effekte sind lediglich kurzfristig, und die „theoretischen Grundlagen“ muss man einfach glauben, damit es was bringt. Im Grunde sind es verbale Taschenspielertricks und angewandte Sozialpsychologie. Da wird mit aller Gewalt versucht, das Sein über das Bewusstsein zu beeinflussen. Ich schätze, das ist politisch so gewollt.

      • Mal grundsätzlich: NLP war von Anfang an als Pseudowissenschaft geplant (vgl. http://www.boerdlein.gmxhome.de/nlpmemo.html oder http://www.sektenwatch.de/drupal/sites/default/files/files/nlp_neurolinguistisches_programmieren.pdf) – Bandler und Grinder wollten zeigen, dass sie einen wissenschaftlich klingenden Text schreiben konnten. Sie legten aber keinerlei empirische Arbeiten vor, um ihre zum Teil sehr detaillierten Behauptungen zu belegen. Die Traditionen, auf die sie sich berufen, sind m. E. z. T. selbst zweifelhaft (insbesondere die der therapeutischen „Hexenmeister“ Satir, Perls und Erickson), z. T. sind es aber auch empirisch fundierte Verfahren, bei denen sie aber eher metaphorische Anleihen machen (Bsp.: das „Ankern“). Alles in allem fehlt bei NLP die Anbindung an den Stand der Forschung und der Nachweis der spezifischen Wirksamkeit der einzelnen Techniken oder des Verfahrens (oder meinethalben der „Mathodensammlung“) als Ganzes.
        NLP ist eine Karrikatur der Psychologie, die m. E. das Grundübel der (kognitiven) Psychologie, den Mentalismus und seine Auswüchse, (unfreiwillig) aufdeckt.

      • Habe gerade den Artikel über Mentalismus gelesen. Meine Ansicht ist, dass jegliches Verhalten (inklusive Intelligenzleistungen) sowohl durch die Struktur eines Systems bestimmt wird (hier vor allem die aktuelle Verfassung des Nervensystems), als auch durch ihren Input (die Situation/Umwelt), wobei diese mit der Zeit die Struktur verändern kann. Demzufolge wäre menschliches Potenzial begrenzt, aber oft nicht ausgeschöpft. Das würde einem etwaigen Defätismus diesbezüglich widersprechen.

      • Da kann ich jetzt nicht widersprechen. Zum Mentalismus habe ich noch ein paar Beiträge gechrieben, bei Interesse…

  2. Pingback: Die “Forschungsdatenbank” des NLP | Verhalten usw.

  3. KritischerLeser

    Leider sieht es für anerkannte, daher wissenschaftlich fundierte Psychotherapien auch nicht besser aus:

    http://pflasterritzenflora.ppsk.de/profis-laien-psychotherapie/

    http://pflasterritzenflora.ppsk.de/psychotherapie/

    Ich finde es gut, pseudowissenschaftliche Methoden wie NLP zu kritisieren. Trotzdem denke ich, das es dringender wäre, sich mit der Wirksamkeit von krankenkassenfinanzierten Psychotherapien auseinanderzusetzen.
    NLP Kurse darf jeder selbst zahlen, für krankenkassenfinanzierte Psychotherapien kommt die Allgemeinheit auf.

    • Dem Pauschalurteil, dass alle Psychotherapien gleich wirksam oder unwirksam sind, würde ich mich so nicht anschließen wollen. Spezifische Wirksfaktoren gibt es m. W. v. a. im Bereich der Verhaltenstherapie. Meine Meinung zur tiefenpsychologisch „fundierten“ Psychotherapie und zur Psychoanalyse solte bekannt sein. Ich teile als radikaler Behaviorist übrigens auch die Skepsis gegenüber dem Konzept der „psychischen Krankheit“. Menschen verhalten sich anders als (von ihnen selbst oder von anderen) erwünscht, weil die Bedinungen, unter denen sie leben (müssen), dieses Verhalten erzwingen oder begünstigen – oder weil sie nie die Chance hatten, ein anderes Verhalten zu lernen. Dass viele („kognitive“) Verhaltenstherapeuten etwas ganz anderes machen als Verhaltenstherapie, habe ich hier schon mal diskutiert. Den Relativismus, der in der Bemerkung, für wissenschaftlich fundierte Verfahren, sehe es „auch nicht besser“ aus, zum Ausdruck kommt, möchte ich zurückweisen: Zwischen der Psychologie- und Wissenschaftparodie des NLP und der sich immerhin bemühenden (Mainstream-)Psychotherapieforschung liegen Welten.
      Sollte es sich bei „kritischer Leser“ um Hans-Ulrich Gresch (den ich aus früheren Diskussionen kenne) selbst handeln, hätte ich hier einen Buchtipp für ihn: S. R. Flora: Taking America Off Drugs). Falls er es noch nicht kennt.

      • Es handelt sich bei dem kritischen Leser nicht um Hans Ulrich Gresch. Ich pflege im Internet unter meinem eigenen Namen zu agieren. Auf diesen Beitrag nebst Kommentar bin ich gestoßen, weil ein Link auf meinen Blog in der entsprechenden Statistik bei mir auftauchte.

        Was nun das Dodo-Bird-Verdikt betrifft, so erwarte ich von jedem, der ihm widerspricht, natürlich Hinweise auf aussagekräftige empirische Studien, am besten zusammengefasst in soliden Meta-Analysen oder Review-Arbeiten, die Thesen zur differenziellen Wirksamkeit diverser Verfahren erhärten. Einzelne, isolierte Befunde besagen wenig, führen oftmals sogar in die Irre.

        Der Einschätzung, dass es sich bei NLP um einen Schwindel der besonders dreisten Art handelt, stimme ich vorbehaltlos zu. Ob Verhaltenstherapie beispielsweise aber effektiver ist als eine NLP-orientierte Therapie, müsste sich wohl erst noch herausstellen.

        Das Dodo-Bird-Verdikt bezieht sich im Übrigen nur auf psychotherapeutische Verfahren, die empirisch erforscht und miteinander verglichen wurden. Das sind beileibe nicht alle; im Gegenteil; die meisten psychotherapeutischen Verfahren sind unzulänglich erforscht. Eine Verallgemeinerung liegt zwar nahe, ist aber streng genommen nicht gerechtfertigt. Vor allem weiß man ja auch nicht so genau, was vor Ort unter dem Signum der einen oder anderen Therapie tatsächlich getrieben und angeboten wird.

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