Sprachentwicklung, verhaltensanalytisch

In der Literatur zur Sprachentwicklung beim Kind wird kaum auf die Terminologie Skinners (1957) zurückgegriffen (Michael, 1984). Dabei würde der verhaltensanalytische Ansatz dazu beitragen, einige Probleme in der Sprachentwicklung besser zu verstehen. So kann ein rein topographischer Ansatz nicht erklären, weshalb jemand ein Wort einer Fremdsprache zwar lesen, aber nicht sprechen kann oder warum jemand ein bestimmtes Objekt nicht benennen kann, wenn er davor steht, sehr wohl aber, wenn er es benötigt. Laut Partington und Bailey (1993) gibt es nur sehr wenige Studien, die die normale Sprachentwicklung beim Kind betrachten und dabei die verhaltensanalytische Terminologie verwenden. Zweifelsohne kann man sprachliches Verhalten durch Verstärkung formen, dies ist durch Laborexperimente vielfach belegt. Doch die kritische Frage lautet, ob die Sprachentwicklung im natürlichen Umfeld auf die gleiche Weise erfolgt. Eine verhaltensanalytische Langzeitstudie zur Sprachentwicklung fehlt (Ribes-Inesta & Quintana, 2003). Zwar hat Moerk (1976) die Daten von Brown (1973) reanalysiert – und dabei festgestellt, dass sich diese Daten besser mit den Prinzipien Skinners als mit dem Ansatz Browns erklären lassen; u. a. stellte er fest, dass Mütter im Schnitt fünf Mal je Stunde korrektives Feedback zum sprachlichen Verhalten ihrer Kinder geben. Doch fehlt eine Langzeitstudie, die von Verhaltensanalytikern geplant und durchgeführt wurde.

Cruvinel und Hübner (2013) untersuchten das sprachliche Verhalten eines kleinen Jungen vom Alter von 17 Monaten bis zum Alter von 2 Jahren. Im wöchentlichen Abstand fanden 34 Termine statt, bei denen das Verhalten des Kindes und seiner Bezugspersonen im Schnitt 15 Minuten lang gefilmt wurde. Diese Aufnahmen wurden anschließend transkribiert und ausgewertet. Dabei wurden sowohl die vorausgehenden Bedingungen und Konsequenzen des sprachlichen Verhaltens des Kindes als auch seiner Bezugspersonen erfasst (nur so konnte bestimmt werden, um welche sprachlichen Operanten es sich handelte). Die wenigsten sprachlichen Operanten treten in Reinform auf (Michael et al., 2011), zumeist liegen Mischungen vor (z. B. aus Mand und Tact). Dies musste bei der Auswertung berücksichtigt werden.

Die Häufigkeit aller sprachlichen Äußerungen stieg zunächst linear bis zum Alter von 20 Monaten an, ab da gab es einen deutlicheren Anstieg. Vor allem traten nun Mands und Tacts häufiger auf. Ab dem 21. Monat stieg auch die Zahl der Intraverbalen deutlich an. Reine Vokalisationen traten ab dem 20. Monat dagegen seltener auf. Die Bezugspersonen zeigten bei der Kommunikation mit dem Kind den gleichen Anstieg in der Häufigkeit von Mands, Tacts und Echoics ab dem 20. Lebensmonat des Kindes. Der Anstieg der jeweiligen Häufigkeiten bestimmter Operantenklassen verlief bei dem Kind und seinen Bezugspersonen parallel. Insgesamt nutzten die Bezugspersonen Mands am häufigsten, das Kind dagegen Tacts. Die Mands der Bezugspersonen (z. B. „Was machst du gerade?“) wurden in 60 % aller Fälle vom sprachlichen Verhalten des Kindes verstärkt. Die Autorinnen vermuten, dass die Mands der Eltern eine große Rolle bei der Entwicklung des sprachlichen Repertoires des Kindes spielen. Echoics nutzen die Bezugspersonen häufiger als das Kind, sie wiederholten oft die Äußerungen des Kindes.

Die Autorinnen beobachteten zudem Übertragungen der Stimuluskontrolle. Zu Beginn der Beobachtungen wurden die sprachlichen Äußerungen des Kindes vor allem vom sprachlichen Verhalten der Bezugspersonen kontrolliert. Nach und nach übernahmen aber andere Stimuli, z. B. Objekte der Umgebung die Kontrolle und das Kind sprach auch ohne die sprachliche Stimulation der Erwachsenen. Die Äußerungen, die dann als Tact verwendet wurden, wurden im weiteren Verlauf wiederum zu Intraverbalen. D. h. die Objekte, über die das Kind sprach, mussten nicht mehr zugegen sein, die Kontrolle ging von der Umwelt auf das sprachliche Verhalten des Kindes über. Diese Übergänge waren jeweils möglich, weil das sprachliche Verhalten zeitweise unter multipler Kontrolle stand (also z. B. des sprachlichen Verhaltens der Bezugspersonen und der Umwelt sowie später der Umwelt und dem eigenen sprachlichen Verhalten des Kindes).

Die Autorinnen fanden einen weiteren Befund Moerks (1990) bestätigt, nämlich dass die Eltern das sprachlichen Verhalten des Kindes sowohl durch Zustimmung als auch durch Erweiterung (die Mutter greift die Äußerung des Kindes auf und führt sie fort) verstärken. Auch das korrektive Feedback fand in der von Moerk bekannten Häufigkeit statt.

Literatur

Brown, R. (1973). A first language: The early stages. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Cruvinel, Adriana Cunha & Hübner, Maria Martha Costa. (2013). Analysis of the acquisition of verbal operants in a child from 17 months to 2 years of age. The Psychological Record, 63(4), 735-750.

Michael, J. (1984). Verbal behavior. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 42(3), 363-376. PDF 2,31 MB

Michael, Jack; Palmer, David C. & Sundberg, Mark L. (2011). The multiple control of verbal behavior. The Analysis of Verbal Behavior, 27, 3-22. PDF 195 KB

Moerk, E. L. Processes of language teaching and training in the interactions of mother-child dyads. Child Development, 47, 1064-1078.

Moerk, E. L. (1990). Three-term contingency patterns in mother-child verbal interactions during first-language acquisition. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 54(3), 293-305. PDF 2,15 MB

Partington, James W. & Bailey, Jon S. (1993). Teaching intraverbal behavior to preschool children. The Analysis of Verbal Behavior, 11, 9-18. PDF 1,34 MB

Ribes-Inesta, E. & Quintana, C. (2003). Mother-child linguistic interactions and behavioral development: A multidimensional observational. The Behavior Analyst Today, 3, 442-454. PDF der Zeitschrift, 1,70 MB

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Eingeordnet unter Entwicklung, Sprache, Verhaltensanalyse

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