„Tiefendruck“ ist ein Verstärker

Von Pseudotherapien kann man tatsächlich etwas lernen. Von der Sensorischen Integrationstherapie etwa, dass das Eingepackt-werden-in-Matten für das Verhalten einiger Kinder ein Verstärker ist. Gut zu wissen. Hoffentlich wissen das auch die Anwender dieser Methode.

Einige Ergotherapeuten verwenden im Rahmen der sogenannten sensorischen Integrationstherapie verschiedene Maßnahmen, bei denen das behandeltet Kind einem physischen Druck ausgesetzt wird. Das Kind wird z. B. zwischen Matten oder Kissen gepackt oder vom Therapeuten gedrückt, auch von einer „Knuddel-Maschine“ (Edelson et al., 1999) wird berichtet. Dieser Behandlung liegt die Annahme zugrunde, dass der „Tiefendruck“ eine langanhaltende beruhigende Wirkung habe.

McGinnis et al. (2013) stellen sich die Frage, ob diese Maßnahmen als Verstärker wirken. Die Therapeuten verwenden diesen Tiefendruck vor allem, um Kinder, die problematisches Verhalten zeigen, zu beruhigen. Wenn Tiefendruck ein Verstärker ist, steht zu befürchten, dass sich das Problemverhalten verschlimmert, wenn sein Einsatz kontingent auf das Problemverhalten erfolgt. Mit anderen Worten: Das Kind mag zwar durch den Tiefendruck vorübergehend ruhig werden, langfristig aber wird das Problemverhalten häufiger auftreten, denn es wird ja durch diese Maßnahme verstärkt.

McGinnis et al. (2013) testeten diese Maßnahmen auf ihre Verstärkerwirkung hin. Drei Kinder mit einer schweren Form des Autismus nahmen an den Versuch teil. Die Kinder sollten lernen, entweder auf ein Kreissymbol oder ein Dreieck zu deuten. Deuteten sie auf das richtige Symbol, wurden sie zwischen die zwei Hälften einer Gymnastikmatte gepackt (der Kopf und der Hals des Kindes waren natürlich frei). Die Anforderung an das Kind wechselte mit den Phasen der Untersuchung. Zunächst sollten die Kinder auf das Dreieck deuten. Das Verhalten der Kinder passte sich schnell an, sie deuteten nach wenigen Versuchen kaum mehr auf den Kreis, sondern fast ausschließlich auf das Dreieck. In der nächsten Phase sollten die Kinder den Kreis berühren. Auch hier passte sich das Verhalten der Kinder schnell an. Auch bei weiteren Wechseln änderte sich das Verhalten in Abhängigkeit von der geltenden Kontingenz (der Regel, welches Verhalten – das Deuten auf eines der beiden Symbole – dazu führte, dass das Kind anschließend für kurze Zeit zwischen die Matte gepackt wurde).

Dieser Versuch legt nahe, dass die übliche Praxis des Einpackens (die Ausübung von Tiefendruck) für das Verhalten der so behandelten Kinder ein Verstärker ist. Die Autoren empfehlen, diese Maßnahmen, wenn überhaupt, nur gezielt und im Wissen um ihre mögliche Verstärkereigenschaft einzusetzen, z. B. um erwünschtes Verhalten zu formen.

Literatur

Edelson, S. M.; Edelson, M. G.; Kerr, D. C. R. & Grandin, T. (1999). Behavioral and physiological effects of deep pressure on children with autism: A pilot study evaluating the efficacy of Grandin’s hug machine. American Journal of Occupational Therapy, 53, 145-152.

McGinnis, Amy A.; Blakely, Elbert Q; Hervey, Ada C.; Hodges, Ansley C. & Rickards, Joyce B. (2013). The behavioral effects of a procedure used by pediatric occupational therapists. Behavioral Interventions, 28(1), 48-57. PDF 257 KB

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Skepsis, Therapie, Verhaltensanalyse, Verstärkung

3 Antworten zu “„Tiefendruck“ ist ein Verstärker

  1. Frage

    Was für ein Verstärkerplan würde sich denn bei sowas ergeben?
    Je mehr gewünschtes Verhalten, umso länger zwischen den Matten?

    Wie fern sollte dieser Verstärker problematisches Verhaöten unterstützen?

    • Die Befürchtung von McGinnis et al. ist folgende: Üblicherweise benutzen die Therapeuten das In-Matten-Packen dann, wenn das Kind eigentlich unerwünschtes Verhalten zeigt. Das Kind schreit, schlägt um sich und „zur Beruhigung“ wird es zwischen die Matten gepackt. Das Kind wird zunächst ruhiger (womit das Verhalten der Therpeuten, das Kind, wenn es unruhig ist, zwischen Matten zu packen, verstärkt wird). Da das Zwischen-Matten-Packen aber ein Verstärker ist, erhöht sich die Auftretenswahrscheinlichkeit des dazu kontingenten Verhaltens, d. h. das Kind wird in Zukunft öfter schreien und um sich schlagen, „um“ dann zwischen die Matten gepackt zu werden.
      Die Zeitdauer, die das Kind jeweils zwischen den Matten verbringt, spielt m. W. zunächst einmal keine Rolle. Es steht aber m. E. zu vermuten, dass sich der Verstärker zum Strafreiz wandelt, wenn das Kind sehr lange zwischen den Matten verbringen muss. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass diese Praxis (Verwendung der Matten oder der Knuddelmaschine als Zwangsjacke) auch vorkommt. Bei der sog. Festhaltetherapie war das ja auch das Prinzip (halte das Kind so lange fest, bis es müde wird und sein Widerstand erlahmt…). Den Anwendern wurde eingeredt, dass diese Vergewaltigung die Bindung des Kindes zum Elternteil bewirke.

  2. petra

    ich habe es richtig eingeschätzt!!!
    mein sohn (schwere form von frühkindlichen autismus) hatte eine sehr schwierige phase, in der alles und jeden schlug und trat der ihm zu nahe kam. die reaktion seitens der schule war kind festhalten und auf ihn einreden. in meiner grenzenlosen überforderung hab ich’s natürlich auch übernommen und lang den fehler darin nicht benennen können. es wurde schlimmer und schlimmer und schlimmer.
    in der ergotherapie haben wir ihn beklopft, gedrückt, geknetet. er liebt das! klar war es der ultimative verstärker für ihn. erst als ich es umgedreht hab, ihn klopfe, drücke und knete, wenn er seine hände und füße bei sich behält, beendete zumindest zu hause den spuk. die schule glaubt es mir bis heute nicht.

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