Autismus-Therapien in den Medien

Zeitungen und Zeitschriften berichten viel häufiger über unwissenschaftliche als über wissenschaftlich abgesicherte Verfahren zur Behandlung des Autismus. Zudem stellen sie die unwissenschaftlichen Verfahren deutlich positiver dar als die wissenschaftlichen.

Wie bei allen schwerwiegenden Erkrankungen gibt es auch im Bereich des Autismus eine Vielzahl an zweifelhaften Behandlungsmethoden. Für 45 % aller am Markt befindlichen Behandlungsmethoden für Autismus gibt es keinerlei Forschungen, die die Wirksamkeit oder Sicherheit dieser Verfahren belegen würden (Richdale & Schreck, 2008; Romcanczyk et al., 2008). Die wenigsten Eltern wählen aber die Behandlungsmethode für ihr Kind aufgrund einer kritischen Prüfung der Studienlage. Eltern wählen die Behandlung aufgrund von Empfehlungen. Viele Empfehlungen finden sich heutzutage in den Medien, dem Fernsehen und dem Internet, aber auch in Zeitungen und Zeitschriften.

Schreck et al. (2013) untersuchten, wie häufig über Behandlungsmethoden für Autismus in den Jahren 2000 bis 2010 in den fünf auflagenstärksten Tageszeitungen und Zeitschriften der USA berichtet wurde. Sie fanden insgesamt 88 Artikel, 72 in den Zeitungen, 16 in den Zeitschriften. Schreck et al. (2013) zählten aus, wie oft eine Behandlungsmethode erwähnt wurde und ließen von Experten, die bezüglich des Untersuchungszieles verblindet waren, beurteilen, ob die Erwähnung in einem positiven (empfehlenden) oder negativen (von einem Einsatz abratenden) Zusammenhang stattfand.

Schreck et al. (2013) verglichen, wie oft und in welchem Zusammenhang (in Bezug auf Autismus) wissenschaftlich gut abgesicherte, wissenschaftlich wenig abgesicherte und unwissenschaftliche Verfahren erwähnt wurden. Als wissenschaftlich gut abgesichert galt allein die verhaltensanalytisch fundierte Therapie (ABA). Dies entspricht auch einer Empfehlung des amerikanischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 1999 (U.S. Department of Health and Human Services, 1999). Als wenig abgesichert galten die Verfahren TEACCH (Treamtment and education of autism and related communication handicapped children), Floortime, die Vitamintherapie und die Touch Therapy. Als unwissenschaftlich werteten die Autoren unter anderem die Sensorische Integrationstherapie, die gestützte Kommunikation (Faciliated communication, FC), die glutenfreie Diät, die Musiktherapie, die Cranio-Sacral-Therapie und die Festhaltetherapie.

Die Autoren fanden, dass zu 80 % wissenschaftlich nicht oder wenig abgesicherte Verfahren erwähnt wurden, nur zu 20 % wurde die wissenschaftlich abgesicherte ABA-Therapie erwähnt. Bestürzend ist zudem, dass auf jede negative Darstellung von ABA nur zwei positive Darstellungen kamen, bei den wenig und unwissenschaftlichen Verfahren dagegen kamen auf jede kritische Darstellung gleich vier positive Darstellungen. Nicht nur, dass die Medien viel häufiger über die wenig abgesicherten oder unwissenschaftlichen Verfahren berichten, sie stellen diese auch noch wesentlich positiver dar als das wissenschaftlich abgesicherte Verfahren. Hinzu kommt, dass sich dieses Verhältnis über die zehn Jahre hinweg verschlechtert hat, d. h. in den späteren „0er“-Jahren wurde seltener und negativer über ABA berichtet als in den frühen, umgekehrt wurde gegen Ende des Erhebungszeitraums häufiger und positiver über die wenig abgesicherten und unwissenschaftlichen Verfahren berichtet.

Die Zahlen sind erschreckend, zumal die negativen Kommentare über ABA meist von wenig Kenntnis der Methode zeugen („hauptsächlich Bestrafung“, „roboterhaft“ etc.), die positiven Kommentare über die unwissenschaftlichen Verfahren dagegen die üblichen Stereotype wiedergeben, wie sie auch über die Alternativmedizin von den Medien verbreitet werden („ganzheitlich“, „sanft“ etc.). Die seriöseren Zeitungen und Zeitschriften unterschieden sich nicht von den weniger serösen. Unter anderem fiel das „Wall Street Journal“ dadurch auf, dass es fast ausschließlich positiv nur über die unwissenschaftlichen Verfahren berichtete.

Die Ergebnisse von Schreck et al. (2013) können natürlich auch so interpretiert werden, dass es viel mehr unwissenschaftliche als wissenschaftlich abgesicherte Verfahren gibt. Auch berichten Zeitungen und Zeitschriften naturgemäß eher über Neuigkeiten. Es gibt immer wieder neue unwissenschaftliche Verfahren, die Eltern Hoffnungen machen. Über ABA gibt es allerdings keine Neuigkeiten, außer, dass die Wirksamkeit des Verfahrens immer besser nachgewiesen wird.

Die Autorinnen schlagen vor, dass Verhaltensanalytiker nicht nur mit Leserbriefen reagieren sollen, wenn sie Falschdarstellungen von ABA in Zeitungen und Zeitschriften finden. Besser ist ihres Erachtens ein proaktiver Zugang: Auch ABA-Therapeuten können mit bewegenden Geschichten aufwarten. Solche „Neuigkeiten“ werden von den Journalisten gerne aufgegriffen. Zudem sind dies – leider – die „Argumente“, die viele Eltern davon überzeugen, sich für eine bestimmte Therapie für ihr Kind zu entscheiden.

In Deutschland ist ABA noch kaum verbreitet. Es ist für Eltern, die sich eine ABA-Therapie für ihr Kind wünschen, extrem schwer, einen (wirklich) geeigneten Therapeuten für ihr Kind zu finden (wirklich geeignet sind nur die BCBA-zertifizierten Therapeuten). Doch schon jetzt finden sich im Internet diffamierende Darstellungen von ABA. Diesen gegenüber stehen die vielen schönfärberischen Darstellungen pseudowissenschaftlicher Verfahren. Eine entsprechende Auswertung mit deutschen Zeitungen und Zeitschriften dürfte gegenwärtig nur wenige Treffer erbringen.

Literatur

Richdale, A. & Schreck, K. A. (2008). A history of assessment and intervention in autism. In J. Matson (Ed.), Clinical assessment and intervention for autism (pp. 3-32). NY: Elsevier.

Romanczyk, R. G.; Gillis, J. M.; White, S. & Digennaro, F. (2008). Comprehensive treatment packages for autism: Perceived vs. proven effectiveness. In J. Matson (Ed.), Clinical assessment and intervention for autism (pp. 351-381). NY: Elsevier.

Schreck, Kimberly A.; Russel, Melissa & Vargas, Luis A. (2013). Autism treatments in print: Media’s coverage of scientifically supported and alternative treatments. Behavioral Interventions, 28(4), 299-321. PDF 1,03 MB

U.S. Department of Health and Human Services. (1999). Mental health: A report of the surgeon general. Retrieved June 7, 2010 from here.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Kritik, Therapie, Verhaltensanalyse

2 Antworten zu “Autismus-Therapien in den Medien

  1. Pingback: Falschdarstellungen der verhaltensanalytischen Autismustherapie und der Erfolg der Pseudotherapien | Verhalten usw.

  2. Frage

    Vielleicht wirkt mein Kommentar ketzerisch, aber im Grunde ist es doch nichts neues, dass solche Therapien es leichter haben als solche, die den Anspruch erheben seriös zu sein.

    Wissenschaftliche Therapien werden (und oft genug zurecht!) von Experten angezweifelt, Diskutiert und weiterentwickelt, sie stehen in der Kritik.
    Therapieformen ohne oder mit wenig wissenschaftlichen Backround haben solche Probleme weit weniger. Ein paar Wissenschaftlicher beschäftigen sich zwar damit, aber das sind wenige. So dominiert in der Öffentlichen Wahrnehmung die PR und nicht die Kritik. Bei Therapien, die sich noch weiterentwickeln und das sogar wissenschaftlich tuen, gibt es das nicht. Egal wie gut die Werbung ist: Am Ende kommt wieder eine Studie heraus, die irgendeine Agentur/Zeitschrift aufgreift.

    So bleibt von den wissenschaftlichen Therapien notwendigerweise der Eindruck zurück, sie seien irgendwie zweifelhaft, von nicht-wissenschaftlichen dagegen hört man nur, wenn sie Menschen geholfen haben.

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