Ist der Vater abwesend, wird die Tochter zum Flittchen…?

Es hat funktioniert, Sie lesen weiter! – Doch in der Tat: So könnte man – grob vereinfacht und politisch unkorrekt – die Ergebnisse mehrerer Studien zusammenfassen. Mädchen, deren Vater lange abwesend war, sind im Schnitt sexuell früher reif, haben mehr Sexualpartner und neigen weniger zu „Safer-Sex“ als andere. Bislang war nicht recht klar, wie dieser Zusammenhang zustande kommt. Eine Studie aus den USA versuchte sich an einem experimentellen Nachweis.

Wenn der Vater während ihrer Kindheit psychisch oder physisch abwesend ist (nicht bei der Familie lebt, oder sich nicht in der Familie engagiert), zeigen Mädchen eine beschleunigte sexuelle Entwicklung und ein riskanteres Sexualverhalten. Dieser Zusammenhang konnte in vielen Studien bestätigt werden (vgl. DelPriore & Hill, 2013, S. 1) und er gilt beispielsweise nicht für die Töchter von Witwen (bei denen der Vater nicht aus eigenem Antrieb fehlt…). Eine mögliche Erklärung für diese Korrelation ist die evolutionspsychologische Theorie der väterlichen Investition (paternal investment theory, vgl. Draper & Harpending, 1982). Ihr zufolge formt die Abwesenheit des Vaters die sexuelle Strategie der Tochter. Die Tochter lernt gewissermaßen aus der Abwesenheit des Vaters, dass (in dem Umfeld, in dem sie aufwächst) auf Männer kein Verlass ist und dass es sich nicht lohnt, auf eine dauerhafte Partnerschaft zu spekulieren, um gemeinsame Kinder großzuziehen. Die Abwesenheit des Vaters löst also einen Mechanismus aus, der statt einer auf Qualität setzenden Reproduktionsstrategie (wenige Kinder, in die viel investiert wird) eine auf Quantität setzende Strategie (mehr Kinder, in die weniger investiert wird) begünstigt.

(Bei Jungen hat die Abwesenheit des Vaters demzufolge übrigens ähnliche Auswirkungen: Sie sind im Schnitt aggressiver, verhalten sich „maskuliner“ und machen früher ihre ersten sexuellen Erfahrungen).

Das mag man glauben oder auch nicht. Die berichteten Zusammenhänge – man bedenke, dass eine Korrelation keine Verursachungsrichtung anzeigt – lassen sich auch anders erklären. Zum Beispiel könnte es sein, dass Familien, in denen der Vater fehlt, im Schnitt auch Familien sind, in denen schon die Mutter „sexuell aktiver und risikofreudiger“ war. Die Tochter könnte sich hier nur am Modell der Mutter orientieren. Ganz allgemein könnte man davon ausgehen, dass in inkomplette Familien im Schnitt weniger Kontrolle über die Kinder ausgeübt wird und dass das sexuell auffällige Verhalten nur ein Aspekt einer allgemeinen Devianz ist. Das Merkmal „Abwesenheit des Vaters“ hängt nun mal korrelativ mit vielen anderen Merkmalen zusammen (m. W. im Schnitt auch einem geringeren Familieneinkommen, niedrigerem Sozialstatus usw.). All das macht Aussagen über die Verursachungsrichtung extrem fragwürdig. Die Evolutionspsychologen selbst haben noch eine andere Alternativerklärung: Väter, die ihre Familien im Stich lassen, geben dieses Gen (ein „Gen für“ eine eher loses Partnerbindung u. a. m.) auch an ihre Töchter weiter, die dann ein ähnlich loses Verhaltensmuster zeigen. Wie auch immer.

Wie alle evolutionspsychologischen Theorien krankt auch diese Theorie daran, dass sie (bislang) nur ex-post plausibel erscheinen. Das heißt, sie nutzt eine vorhandene Korrelation, um eine eingängig klingende Theorie darum herum zu konstruieren. Sie macht aber fast keine Vorhersagen, die sich ernsthaft experimentell prüfen ließen – mit einer Ausnahme: Die Theorie der väterlichen Investition sagt voraus, dass Frauen in besonderer Weise auf Situationsmerkmale reagieren, die eine Abwesenheit des Vaters anzeigen.

DelPriore und Hill (2013) versuchten, diese Voraussage zu prüfen. Sie gaben ihren Versuchspersonen – Studentinnen der „Texas Christian University“ – in einer Reihe von fünf Experimenten neben allerlei Fragebögen eine Aufgabe vor: Sie sollten in einem kleinen Aufsatz eine Situation aus ihrem Leben beschreiben, bei der sie erleben mussten, dass ihr Vater nicht zugegen sein konnte (z. B. der Abschlussball, den der Vater nicht besuchen konnte, weil er auf Dienstreise war o. ä.). Diese Aufgabe sollte die Studentinnen an „väterliche Abwesenheit“ erinnern und – so die Voraussage der Theorie der väterlichen Investition – eine veränderte Haltung zur Sexualität erzeugen. Anschließend sollten die so an väterliche Abwesenheit erinnerten Studentinnen mehrere Fragen oder Aufgaben über ihre Einstellungen zur Sexualität beantworten. Zum Beispiel sollten die jungen Frauen in einem Versuch Lückenwörter (wie „S_X“ oder „_AK_D“) vervollständigen. Eine sexualisierte Reaktion wäre hier z. B. „Sex“ und „Naked“ zu vervollständigen, eine nicht-sexualisierte Variante „Six“ und „Baked“. In anderen Experimenten sollten sie ihre Haltung zu Aussagen wie „Sex ohne Liebe ist ok“ usw. kundtun oder angeben, mit wie vielen Männern aus ihrem gegenwärtigen Umfeld sie sich vorstellen könnten zu schlafen. Die Reaktion dieser Studentinnen wurde mit der einer anderen Versuchspersonengruppe verglichen, die einen anderen Text schreiben sollte (z. B. zu einer Situation, wo ihre Mutter oder eine Freundin sie enttäuscht hatte).

In der Tat unterschieden sich die Versuchspersonen, die über das Fehlen ihres Vaters bei einem wichtigen Lebensereignis schreiben mussten, von den anderen Versuchspersonen. Sie dachten (etwas, aber signifikant) häufiger an sexuell relevante Wörter, sie konnten sich mehrere ihrer männlichen Bekannten als Sexualpartner vorstellen und sie lehnten eher Kondome beim Sex ab. Zudem zeigte sich, dass sich diese erhöhte Risikobereitschaft nur auf den sexuellen Bereich bezog. Eine Gruppe von männlichen Studenten war von der gleichen Aufgabe (sich daran zu erinnern, wie ihr Vater bei einem wichtigen Lebensereignis nicht dabei war) unbeeindruckt: Sie zeigten keine erhöhte sexuelle Risikobereitschaft.

DelPriore und Hill (2013) sehen in ihren Ergebnissen einen Beleg dafür, dass die Theorie der väterlichen Investition richtig sein könnte. Kritisch anmerken muss man allerdings, dass durch diese Experimente nicht nachgewiesen ist, dass die Abwesenheit des Vaters tatsächlich die Erwartungen der Tochter an die Investitionsbereitschaft von Männern beeinflusst. Außerdem war die Haltung der Studentinnen ohnehin sehr konservativ (man muss sich nur den Ort der Untersuchung – „Texas Christian University“ – vergegenwärtigen). Die meisten von ihnen lebten bei beiden biologischen Elternteilen. Die Unterschiede waren zwar signifikant, spielten sich aber auch auf sehr niedrigem Niveau ab. Zudem: In jedem Versuch musste eine nicht geringe Anzahl an Studentinnen vor der Aufgabe kapitulieren, ein wichtiges Ereignis in ihrem Leben zu beschreiben, bei dem ihr Vater abwesend war: Ihnen fiel einfach kein solches Ereignis ein. Ob hier eine systematische Selektion der Versuchspersonen stattfand, überprüften die Autorinnen anscheinend nicht. Es wäre zum Beispiel möglich: Die Studentinnen, denen aus dem Stegreif ein solches Ereignis einfiel, sind zugleich auch die aktiveren und kreativeren und diese Eigenschaft hängt wiederum mit einem flotteren Sexualleben zusammen. – Nur mal so als Gedanke).

Abgefragt wurde in diesen Experimenten nur hypothetisches Verhalten, die Forscherinnen verließen sich ausschließlich auf Selbstaussagen. Hinzugefügt werden muss, dass es sich bei dieser Studie um Gruppenvergleich handelt: Festgestellt wurden Unterschiede zwischen Gruppen, nicht direkt der Einfluss auf individuelle Einstellungen oder gar individuelles Verhalten.

Es darf also weiter gezweifelt werden, ob die Theorie der väterlichen Investition denn tatsächlich zutrifft.

Literatur

DelPriore, Danielle J. & Hill, Sarah E. (2013). The effects of paternal disengagement on women’s sexual decision making: An experimental approach. Journal of Personality and Social Psychology, May 27, 2013, No Pagination Specified. doi: 10.1037/a0032784

Draper, P., & Harpending, H. (1982). Father absence and reproductive strategy: An evolutionary perspective. Journal of Anthropological Research, 38, 255-273.

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Eingeordnet unter Psychologie, Skepsis

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