Händehygiene: Verhaltensaufwand und Nutzen

Wer sich die Hände gründlich wäscht, schützt sich und andere vor vielen Infektionskrankheiten. Die Verbesserung der Händehygiene ist die kostengünstigste und wirksamste Präventionsmaßnahme. Dazu müssten die Menschen „nur“ ihr Verhalten ändern.

Nach einer Schätzung aus den USA (Bloomfield et al., 2007) ist die Übertragung durch die (nicht oder nicht ausreichend gewaschenen) Hände verantwortlich für 60 % aller Magen-Darm- und 50 % aller Atemwegserkrankungen. Durch die Hände übertragene Keime verursachen demnach pro Jahr in den USA 25 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage und Kosten von rund zwei Milliarden Dollar allein für die Medikamente (Turner, 1998).

Gründliches Händewaschen ist der beste Schutz vor vielen Magen-Darm und Atemwegserkrankungen. Viele Faktoren haben einen Einfluss darauf, ob sich jemand die Hände wäscht oder nicht. Zum einen spielt die Anwesenheit anderer Personen eine Rolle. Venkatesh et al. (2011) fanden, dass sich Krankenpfleger häufiger die Hände wuschen, wenn ihre Patienten im Zimmer waren, als wenn diese auf dem Gang waren, ebenso wuschen sie häufiger, wenn die Klinikzimmer vom Bereitschaftsraum der Pfleger aus eingesehen werden konnten. Auch die Häufigkeit von Waschbecken hat einen Einfluss auf die Häufigkeit des Händewaschens. Zudem hat die Zeit, die man fürs Händewaschen aufwenden muss, Einfluss auf die Neigung zum Händewaschen. Man hat ausgerechnet, dass Krankenpfleger 17 % ihrer Arbeitszeit mit Händewaschen zubringen würden, wenn sie sich immer dann, wenn es nötig ist, die Hände wirklich gründlich waschen würden (Voss & Widmer, 1997). Würden die Pfleger statt sich die Hände zu waschen, ein Desinfektionsmittel verwenden, betrüge dieser Zeitanteil nur weniger als 3 %.

Alles in allem scheint der Verhaltensaufwand (response cost), den man für das Händewaschen betreiben muss, ausschlaggebend dafür zu sein, ob man sich die Hände wäscht oder nicht. Dies wird oft vergessen, wenn es darum geht, die Händehygiene zu verbessern. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich alle Menschen die Hände vor dem Essen und nach dem Toilettengang gründlich waschen würden. Wenn dies aber nicht erreicht wird, muss man über andere Möglichkeiten nachdenken, durch die der Verhaltensaufwand für die Händehygiene verringert wird. Den Zugang zu Waschbecken und Seifenspender zu vereinfachen ist eine Lösung, die sich aber nicht immer leicht umsetzen lässt (und z. B. bauliche Veränderungen erforderlich machen würde). Eine Alternative ist die Bereitstellung von Handdesinfektionsmitteln. Die Hände werden durch das Desinfizieren alleine zwar nicht sauber, aber die Keime werden, vorausgesetzt das richtige Mittel wird verwendet, größtenteils abgetötet.

Fournier und Berry (2012) untersuchten, wie häufig sich Studenten, die eine Mensa besuchten, vor dem Essen entweder die Hände wuschen oder ein Desinfektionsmittel benutzten. Die Studenten betraten diese Mensa durch die Eingangstüre, zahlten zunächst an der Kasse und gingen dann zu den Essensausgabeschaltern. Einige Meter neben dem Weg von der Kasse zur Essensausgabe waren die Waschräume für Männer und Frauen. Vor der Essensausgabe bildete sich oft eine Schlange. Wenn man sich nach dem Bezahlen an der Kasse die Hände waschen wollte, musste man die Schlange verlassen und verlor so seinen Platz in derselben. Zunächst beobachteten die Forscher, wie oft sich die Studenten die Hände wuschen, ehe sie von der Kasse zur Essensausgabe gingen. Dies war praktisch nie der Fall (in rund 1,5 % aller Fälle). Sodann postierten Fourier und Berry am Rande des Weges von der Kasse zur Essensausgabe einen Stehtisch, auf dem sich ein Spender für die Desinfektionslösung befand. Am Tisch waren zudem Poster und Flyer, die den Nutzen der Händedesinfektion erläuterten. Ein Gehilfe des Versuchsleiters stand an diesem Tisch und forderte die vorbeigehenden Studenten auf, sich doch die Hände zu desinfizieren. Über 60 % aller Mensagäste kamen der Aufforderung nach. In der nächsten Phase stand niemand mehr an diesem Tisch, nach wie vor aber stand der Spender für die Händedesinfektion bereit, auch die Poster und Flyer waren noch dort. Jetzt benutzen knapp 18 % aller Studenten den Spender. Anschließend war wieder ein Gehilfe des Versuchsleiters zugegen, der die Studenten bat, sich die Hände zu desinfizieren. Der Anteil der Studenten, die dies taten lag nun bei 61 %. Zuletzt stand der Spender wieder unbeaufsichtigt auf dem Tisch, jetzt desinfizierten 15 % der Mensagänger sich die Hände. Die 1,5 % der Studenten, die sich schon vor allen Maßnahmen die Hände wuschen, tat dies auch – unbeeindruckt von der Aktion – über alle Phasen hinweg.

Bei solchen Maßnahmen gilt es Aufwand und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Die Maßnahme, einen Tisch mit einem Spender für Desinfektionslösung bereit zu stellen, dürfte eine nicht perfekte, aber kostengünstige Maßnahme zur Verbesserung der Händehygiene sein. Der Aufwand ist sowohl für die Mensa als auch für die Mensagäste relativ gering. Schon aufwändiger, aber dafür auch wirksamer ist es, eine Person bereitzustellen, die die Verwendung des Desinfektionsmittels anbietet. Noch aufwändiger wäre es, Waschbecken direkt neben dem Weg zur Essensausgabe zu platzieren und die Studenten durch eine Person aufzufordern, sich die Hände zu waschen. Dies aber wurde von Fournier und Berry nicht untersucht.

Literatur

Bloomfield, S. F.; Aiello, A. E.; Cookson, B.; O’Boyle, C. & Larson E. L. (2007). The effectiveness of hand hygiene procedures, including handwashing and alcohol-based hand sanitizers, in reducing the risks of infections in home and community settings. American Journal of Infection Control, 35(10), 27-64.

Fournier, Angela K. & Berry, Thomas D. (2012). Effects of response cost and socially-assisted interventions on hand-hygiene behavior of university students. Behavior and Social Issues, 21, 152-164. PDF 565 KB

Turner, R. B. (1998). The common cold. Pediatric Annals, 27(12), 790-795.

Venkatesh, A. K.; Pallin, D. J.; Kayden, S. & Schuur, J. D. (2011). Predictors of hand hygiene in the emergency department. Infection Control and Hospital Epidemiology, 32(11), 1120-1123.

Voss, A. & Widmer, A. F. (1997). No time for handwashing, can we achieve 100% compliance? Infection Control of Hospital Epidemiology, 18(3), 205-208.

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