Zerknülltes Papier – eine Pseudo-Neuro-Therapie für Autismus

Im Bereich des Autismus gibt es neben der verhaltensanalytischen Behandlung viele Pseudo-Therapien, die die Hoffnungen und Sorgen der Eltern autistischer Kinder ausnutzen. Thomas Zane stellte in „The Current Repertoire“, dem Newsletter des Cambridge Center for Behavioral Studies einzelne dieser Methoden vor. DerArtikel in der jetzigen Ausgabe widmet sich der Rapid Prompt Methode (RPM).

Die Soma® Rapid Prompt Methode (RPM) wurde von Mukhopadhyay (2008) entwickelt und wird u. a. in einer eigenen Klinik in Austin (Texas) angewendet (vgl. Helping Autism through Learning and Outreach, HALO). Mukhopadhyay bezeichnet RPM als den direktesten Weg zur Kommunikation und zum Lernen, die Methode funktioniere bei jedem Kind. Wie üblich für derlei Pseudotherapien behauptet RPM, dass es auf den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung aufbaue und einen direkten Zugang zu Menschen mit Autismus erlaube. Autismus besteht demnach in einer Störung des Wahrnehmungssystems. RPM will nun diese Störung beheben, indem es den rationalen Teil des Gehirns aktiviere. Mukhopadhyay bezieht sich vage auf Jean Piaget und seine vier Stufen der kognitiven Entwicklung. RPM ähnelt der gestützten Kommunikation (faciliated communication, FC). Auch bei RPM „stützt“ der Therapeut den Arm des Kindes, wenn dieses auf der Tastatur tippt und auf Symbole oder Dinge zeigt. Das „Besondere“ bei RPM besteht nun darin, dass der Therapeut sich dem Rhythmus des Kindes anpassen soll, indem er sich der Geschwindigkeit von dessen stereotypem Verhalten angleicht. Der Therapeut spricht zum Beispiel mit dem Kind in demselben Tempo, in dem dieses das stereotype Verhalten (z. B. Pendeln des Oberkörpers) zeigt. Die Art der Stereotypie wiederum soll dem Therapeuten den „Lernkanal“ anzeigen. Bei einem Kind, das akustische Stereotypien zeigt, soll der Therapeut beispielsweise den akustischen Lernkanal nutzen. Eine interessante Methode ist der Einsatz von Papier während der Sitzungen. Dieses Papier wird beschrieben und immer wieder zerknüllt oder zerrissen. Dies soll verschiedene Sinneskanäle zugleich anregen. An das NLP und andere Pseudo-Neuro-Therapien erinnert die Empfehlung, dass der Therapeut sich rechts vom Kind hinsetzen soll. Angeblich wird so die linke Gehirnhälfte und die auditive Verarbeitung aktiviert. Auch die Gesprächsthemen soll der Therapeut so wählen, dass jeweils eine bestimmte Gehirnhälfte aktiviert wird. Mukhopadhyay behauptet, dass sie mittlerweile mit über 600 Klienten gearbeitet habe und das RPM bei praktisch jedem von ihnen immer gewirkt habe. Die HALO-Website führt selbst nur Erfolgsanekdoten an, Berichte von „geheilten“ Klienten, um die Wirksamkeit von RPM zu belegen.

Zane (2013) durchsuchte die einschlägigen Literaturdatenbanken nach Artikeln zum Thema RPM. Er fand 14 Artikel, wobei zehn davon Buchbesprechungen waren, die anderen vier waren Darstellungen von RPM in Zeitungen und Zeitschriften, z. B. Frauenzeitschriften, in denen „Human-Interest-Stories“ geschildert wurden. Er fand keinen einzigen Artikel, in dem der Versuch unternommen wurde, die Wirksamkeit von RPM systematisch zu prüfen. Für die meisten von Mukhopadhyay empfohlenen Methoden existieren keinerlei Studien, die ihre Wirksamkeit belegen könnten.

Zane (2013) fasst zusammen, dass es sich bei RPM um ein pseudowissenschaftliches Verfahren handelt, das, wenn überhaupt, nur zu Forschungszwecken eingesetzt werden sollte.

Literatur

Mukhopadhyay, S. (2008). Understanding autism through rapid prompting method. Denver, CO: Outskirts Press, Inc.

Zane, Thomas. (2013). The treatment of communication disorders: A review of Soma® Rapid Prompt Method. The Current Repertoire, 29(2), 2, 10, 12.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autismus, Skepsis, Therapie, Verhaltensanalyse

Eine Antwort zu “Zerknülltes Papier – eine Pseudo-Neuro-Therapie für Autismus

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