„Sensorische Integration“ hilft nicht bei Nahrungsverweigerung

Die sensorische Integrationstherapie ist ein zweifelhaftes Verfahren zur Behandlung von Entwicklungsstörungen. Bei der Therapie kindlicher Essstörungen wurde sie getestet und für wirkungslos befunden – im Gegensatz zur angewandten Verhaltensanalyse.

Vielen Eltern kennen das: Man möchte das Kind mit dem Breichen füttern, aber lange bevor es das zugemessen Maß gegessen hat, verweigert das Kind dem Löffel den Zugang zum Mund. Das Modellieren erwünschten Verhaltens (Papa oder Mama zeigen, wie man weit den Mund aufmacht und wie lecker die Pampe schmeckt) hilft dann oft nicht mehr weiter. Gibt man jetzt auf, war alle Mühe (Breichen anwärmen, Lätzchen umbinden etc.) umsonst. Zudem wird der Nachwuchs früher oder später wieder Hunger bekommen und das Ganze geht von vorne los. In der Regel gibt sich das und die Kinder lernen, sich während der Mahlzeit das Bäuchchen so füllen zu lassen, dass mal eine Weile Ruhe ist. Manchmal aber handelt es sich um ein ernsthaftes Problem. Kinder verweigern dann die Nahrung so nachhaltig, dass sie zu wenig Nahrung aufnehmen, um sich gesund entwickeln zu können. Oft wird in solchen Fällen eine „sensorische Integrationstherapie“ empfohlen.

Die sensorische Integrationstherapie (Sensory integration therapy, SIT) geht zurück auf Jean Ayres (1974). Demnach sind viele Entwicklungsstörungen auf eine mangelnde Fähigkeit des Kindes, verschiedene Sinnesreize zu integrieren, zurückzuführen. Die SIT versucht, diese Störungen durch verschiedene rhythmische und musikalische Übungen, körperliche Stimulation und Anstrengung usw. zu therapieren. Die SIT wird oft von Ergotherapeuten angewandt und ist auch im deutschsprachigen Raum verbreitet. Ihre angeblichen neurowissenschaftlichen Grundlagen müssen als zweifelhaft angesehen werden, ebenso ihre Wirkung. Jenseits der üblichen Erfolgsanekdoten gibt es kaum fundierte Wirksamkeitsnachweise.

Für das Problem der kindlichen Nahrungsverweigerung (Essstörungen) gibt es auch wirksame verhaltensanalytisch fundierte Behandlungsansätze. Als erfolgreich hat sich eine Kombination aus nicht-kontingenter Verstärkung und der Löschung des Fluchtverhaltens erwiesen (vgl. die Übersicht von Volkert & Piazza, 2012). Dabei werden zunächst in einer funktionalen Analyse die auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen der Nahrungsverweigerung bestimmt. In der Regel stellt sich heraus, dass das Kind durch die Weigerung, Nahrung aufzunehmen, zweierlei erreicht: Die Aufmerksamkeit der Betreuungsperson und den Abbruch der Bemühungen, das Kind zur Nahrungsaufnahme zu bewegen. Die nicht-kontingente Verstärkung setzt bei der Aufmerksamkeit an. Das Kind erhält nun immer dann Aufmerksamkeit, wenn es nicht gerade die Nahrung verweigert, sondern mehr oder weniger normal isst. Das Kind erreicht zudem durch die Weigerung, den Löffel in den Mund nehmen, nicht mehr, dass die Mahlzeit beendet wird (dies ist die Löschung des Fluchtverhaltens).

Die sensorische Integrationstherapie wird in mehreren Lehrbüchern als die Methode der Wahl bei Essstörungen im Kindesalter empfohlen. Allerdings existieren kaum empirische Untersuchungen zur Wirksamkeit der SIT bei dieser Problematik.

Addison et al. (2012) verglichen die Wirkung von SIT mit der Kombination aus nicht-kontingenter Verstärkung und der Löschung des Fluchtverhaltens bei zwei Kindern im Alter von einem und drei Jahren, die aufgrund einer bestehenden Essstörung untergewichtig waren. Zudem nahmen sie zu wenig Flüssigkeit auf, sodass eine Gesundheitsgefährdung vorlag.

Zunächst wurde eine funktionale Analyse durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass es v. a. die Flucht aus der Situation der Nahrungsaufnahme war, die das Verhalten der Nahrungsverweigerung aufrecht erhielt. Die Nahrungsverweigerung trat vor allem dann auf, wenn sie dazu führte, dass dem Kind nicht weiter Nahrung angeboten wurde. Anschließend wurden beide Verfahren – die SIT und die Kombination aus nicht-kontingenter Verstärkung mit Löschung des Fluchtverhaltens – in einem ABCBC-Untersuchungsdesign getestet. Dabei stand

  • A für die Basisratenbedingung, bei der das Kind die Situation der Nahrungsaufnahme beenden konnte, wenn es die Nahrung verweigert (Flucht).
  • B für die von darin ausgebildeten Ergotherapeuten durchgeführte SIT. Wie bei der SIT üblich, konnte auch hier das Kind die Nahrungsaufnahme beenden, wenn es die Nahrung verweigerte (SIT + Flucht).
  • C für die Kombination aus nicht-kontingenter Verstärkung und Löschung des Fluchtverhaltens.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Phase A und die beiden B-Phasen unterscheiden sich nicht voneinander. Die Nahrungsverweigerung trat hier gleichermaßen häufig auf. In den beiden C-Phasen dagegen ging das Verhalten der Nahrungsverweigerung dagegen stark zurück, bei einem der beiden Kinder sogar fast bis auf null.

Dieses Ergebnis passt zu dem einer Studie von DeGangi et al. (1996). Hier wurden frühgeborene Kinder, die keine Essstörung hatten, mit der sensorischen Integrationstherapie behandelt. Nach der Behandlung zeigten die Kinder aber diese Probleme! – Der Grund dafür mag darin liegen, dass in der SIT explizit empfohlen wird, die Mahlzeit zu beenden, wenn das Kind einmal die Nahrung nicht aufnehmen möchte.

Literatur

Addison, Laura R.; Piazza, Cathleen C.; Patel, Meeta R.; Bachmeyer, Melanie H.; Rivas, Kristi M.; Milnes, Suzanne M. & Oddo, Jackie. (2012). A comparison of sensory integrative and behavioral therapies as treatment for pediatric feeding disorders. Journal of Applied Behavior Analysis, 45(3), 455-471. PDF 650KB

Ayres, A. J. (1974). The development of sensory integrative theory and practice. Dubuque, IA: Kendall/Hunt.

DeGangi, G. A.; Sickel, R. Z.; Wiener, A. S. & Kaplan, E. P. (1996). Fussy babies: To treat or not to treat? British Journal of Occupational Therapy, 59, 457-466.

Volkert, V. M. & Piazza, C. C. (2012). Empirically supported treatments for pediatric feeding disorders. In P. Sturmey & M. Hersen (Eds.), Handbook of evidence based practice in clinical psychology (Vol. 1, pp. 456–481). Hoboken, NJ: Wiley.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Skepsis, Therapie, Verhaltensanalyse, Verstärkung

3 Antworten zu “„Sensorische Integration“ hilft nicht bei Nahrungsverweigerung

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