Wie aus Lob ein Verstärker wird

Nicht alle Menschen reagieren auf Lob so, wie man es sich erhofft. Manchmal liegt das daran, dass der Gelobte nie gelernt hat, dass Lob etwas Gutes ist. Denn Lob zählt nicht zu den „primären Verstärkern“: Es wird erst im Lauf des Lebens zum Verstärker. Die meisten Menschen – aber nicht alle – lernen das ohne besondere Instruktion. Was aber kann man tun, wenn Lob noch kein Verstärker ist?

Ein Verstärker ist ein Reiz (ein Ereignis in der Umwelt des Individuums), der (kontingent, d. h. regelhaft) auf ein Verhalten folgt und dazu führt, dass dieses Verhalten in Zukunft häufiger auftritt. Prinzipiell gibt es zwei Arten von Verstärkern: Primäre und konditionierte (oder sekundäre). Primäre Verstärker wirken „einfach so“, von Natur aus. Bei Menschen sind z. B. Essen, Trinken, eine angemessene Temperatur oder die Möglichkeit zu sexueller Aktivität primäre Verstärker. Konditionierte Verstärker müssen dagegen erst zu solchen gemacht werden. Hundetrainier kennen den sogenannten Clicker (ein Kinderspielzeug, das ein knackendes Geräusch erzeugt, ein „Knackfrosch“). Das Geräusch des Clickers wird erst dadurch zum Verstärker für das Verhalten des Hundes, indem der Trainer das Clicken immer wieder mit der Gabe von Futter (oder „Leckerli“) paart. Ebenso ist Lob beim Menschen ein konditionierter Verstärker. Lob ist nicht von Natur aus, angeborenermaßen ein Verstärker für das Verhalten eines Menschen.

Es gibt im Wesentlichen zwei Methoden, um einen ursprünglich neutralen Reiz zu einem konditionierten Verstärker zu machen:

  1. Die Stimulus-Stimulus-Methode: Der ursprünglich neutrale Reiz wird unabhängig von einem Verhalten mehrfach gemeinsam mit einem primären Verstärker gegeben (z. B. ein Click mit einem Futterhappen oder aber Lob mit einer Süßigkeit).
  2. Die Verhalten-Stimulus-Methode: Wenn die Person ein erwünschtes Verhalten zeigt, werden zuerst der neutrale Reiz (z. B. ein Click oder Lob) und dann der primäre oder bereits etablierte Verstärker (z. B. ein Futterhappen oder eine Süßigkeit) gegeben.

In beiden Fällen muss anschließend getestet werden, ob der ursprünglich neutrale Reiz nun zum konditionierten Verstärker geworden ist. Dies geschieht, indem man den neuen Reiz (z. B. den Click oder das Lob) alleine nach einem erwünschten Verhalten gibt und dann beobachtet, ob die Rate des Verhaltens nun ebenfalls ansteigt.

Der zugrundeliegende Mechanismus soll dem klassischen Konditionieren gleichen. Auch beim klassischen Konditionieren wird unabhängig vom Verhalten ein (unkonditionierter) Reiz mit einem anderen, neutralen Reiz gepaart, bis dann auch der ursprünglich neutrale (nun konditionierte) Reiz die ursprünglich unkonditionierte, nun aber konditionierte Reaktion auslösen kann.

Nach einer anderen Interpretation ist der konditionierte Verstärker ein diskriminativer Reiz. Diskriminative Reize signalisieren dem Individuum, dass ein bestimmtes Verhalten verstärkt werden wird. In der Skinner-Box etwa drückt die Ratte einen Hebel (Verhalten 1) und hört daraufhin ein Klappern (neutraler Reiz). Das Klappern ist das Geräusch, welches der Futterspender macht, wenn ein Futterpellet in die Futterschale fällt. Geht die Ratte nun vom Hebel zum Futterspender (Verhalten 2), findet sie dort ein Futterpellet (den primären Verstärker). Das Klappern ist für die Ratte ein Hinweis, dass das Verhalten „Zum Futterspender gehen“ den primäre Verstärker „Futterpellet“ zur Folge haben wird. Hört sie kein Klappern, findet sich auch kein Futterpellet im Spender. Das Klappern ist somit ein Hinweisreiz, ein diskriminativer Stimulus. Das Klappern ist aber auch ein konditionierter Verstärker. Man kann dies daran erkennen, dass die Ratte auch dann zum Futterspender gehen wird, wenn sie das Klappern hört und kein Futter im Spender vorfindet. Der Reiz „Klappern“ funktioniert aber nur so lange als (konditionierter) Verstärker, wie es wenigstens ab und an mit dem „Backup-Verstärker“ (primären Verstärker), den Futterpellets, gepaart wird. Ansonsten setzt Extinktion ein, das heißt, die Ratte geht noch eine Weile zum Spender, wenn sie das Klappern hört, stellt dieses Verhalten aber ein, wenn sie konsistent kein Futter im Spender vorfindet.

Dozier et al. (2012) testeten, welche der beiden oben genannten Methoden sich dazu eignen, Lob als Verstärker zu konditionieren. Lob ist kein primärer Verstärker, das heißt, Lob muss erst im Lauf der Lerngeschichte eines Individuums als konditionierter Verstärker gelernt werden und Lob wird unwirksam, wenn es nie zusammen mit anderen, unkonditionierten Verstärkern gemeinsam auftritt. Das Lob des Chefs ist unwirksam, wenn es nie zusammen mit anderen Formen der Wertschätzung auftritt (z. B. einer Gehalterhöhung oder der Zuweisung einer interessanten Aufgabe).

Die meisten Menschen lernen das im Lauf ihres Lebens ganz automatisch, ohne dass ihre Eltern sich dessen bewusst wären. Diese loben das Kind, wenn es etwas richtig gemacht hat und tätscheln es dabei (vielleicht ein primärer Verstärker) oder sie geben ihm etwas zu essen (auf jeden Fall ein primärer Verstärker). Nach und nach genügt es, das Kind zu loben, um sein Verhalten zu verstärken, zusätzliches Tätscheln oder Essen sind dann nicht mehr erforderlich.

Einige Menschen lernen jedoch nicht im Laufe ihres Lebens, das Lob eine Verhaltenskonsequenz ist, die mit primärer positiver Verstärkung in Verbindung steht. Im Alltag ist die Verknüpfung von Lob und primären Verstärkern eher lose – nicht jedes Lob wird von eine Tätscheln oder Essen begleitet. Manche Menschen lernen nur schwer, wenn die Beziehungen (Korrelationen) zwischen Reizen oder Verhalten und Reizen nicht perfekt (deterministisch: immer wenn A, dann auch B), sondern probabilistisch (meistens, wenn A, dann auch B) sind.

Die Versuchspersonen, mit denen Dozier et al. (2012) arbeiteten, reagierten nicht auf Lob. Es handelte sich um zwölf erwachsene Personen mit geistiger Behinderung. Bei vier dieser Versuchspersonen prüften Dozier et al. (2012), ob die Stimulus-Stimulus-Methode geeignet war, Lob als Verstärker zu etablieren. Bei jeder Versuchsperson wurde zuvor getestet, welche (primären) Verstärker gut funktionierten. Dabei handelte es sich durchweg um Nahrungsmittel. Als Lob wurden zehn Äußerungen gewählt, die die Versuchspersonen zuvor höchstwahrscheinlich noch nicht gehört hatten (Bsp.: „keep on rockin‘ in the free wordl“ – offenbar eine gebräuchliche Form des Lobes im US-amerikanischen Sprachraum…). Die Verhaltensweisen, die später verstärkt werden sollten, waren solche, die die Versuchspersonen ohnehin gelegentlich zeigten, z. B. das Heben des Armes, das Berühren des Knies (bei jeder Versuchsperson eine andere Verhaltensweise). Zunächst wurde die Basisrate des Verhaltens erfasst. Bei bis zu zehn Terminen traten diese Verhaltensweisen im Schnitt insgesamt weniger als einmal auf. Anschließend wurde getestet, ob Lob allein das Verhalten verstärken konnte. Dies war nicht der Fall. Daraufhin wurde mehrfach das Lob mit dem primären Verstärker zusammen gegeben, ohne dass die Versuchsperson das Verhalten gezeigt hätte. Zuletzt wurde wieder geprüft, ob Lob allein das Verhalten nun verstärken konnte. Dies war nicht der Fall. Die Stimulus-Stimulus-Methode eignete sich nicht, um bei diesen Personen Lob als Verstärker zu konditionieren.

Mit den anderen acht Versuchspersonen wurde die Wirksamkeit der Verhalten-Stimulus-Methode geprüft. Wieder zeigten die Versuchspersonen das Verhalten nur selten, egal ob sie gelobt wurden oder nicht. Anschließend wurden sie nach jedem Auftreten der Verhaltensweise gelobt und sie bekamen das Nahrungsmittel, das sich zuvor als wirksamer Verstärker erwiesen hatte. Die Rate des Verhaltens stieg nun deutlich an. Zuletzt wurden die acht Versuchspersonen wieder nur gelobt, wenn sie das Verhalten zeigten. Bei vier dieser acht Versuchspersonen hatte die Verhalten-Stimulus-Methode nicht funktioniert. Wie schon die Versuchspersonen bei der Stimulus-Stimulus-Methode reagierten sie auch jetzt nicht auf das Lob. Bei den anderen vier Versuchspersonen aber hatte die Verhalten-Stimulus-Methode gewirkt. Das Lob wirkte nun als Verstärker, zwar nicht so gut wie die Kombination von Essen und Lob, aber das Lob konnte das Verhalten immerhin eine Weile aufrechterhalten. Ohne Lob hingegen zeigten auch diese vier Versuchspersonen das erwünschte Verhalten nicht. Auch bei anderen Verhaltensweisen wirkten die Lob-Sprüche nun als Verstärker.

Somit kann Lob als Verstärker im Prinzip konditioniert werden, wenn man nach einem Verhalten zunächst das Lob zusammen mit einem primären Verstärker paart.

Literatur

Dozier, Claudia L.; Iwata, Brian A.; Thomason-Sassi, Jessica; Worsdell, April S. & Wilson, David M. (2012). A comparison of two pairing procedures to establish praise as a reinforcer. Journal of Applied Behavior Analysis, 45(4), 721-735. PDF 657 KB

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Eingeordnet unter Verhaltensanalyse, Verstärkung

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