Monatsarchiv: März 2013

Riesenhamsterratten 2.1

Hier sieht man eine Riesenhamsterratte im Einsatz bei der Kontrolle von Proben auf Tuberkulosekeime. Mehr Videos auf der Seite von APOPO.

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15/03/2013 · 17:57

Riesenhamsterratten 2

Eine RiesenhamsterratteRiesenhamsterratten können auch im Labor hilfreich sein. Nicht als Versuchstier, sondern als Experten bei der Identifizierung von Tuberkeln.

Für Tuberkulose gibt es noch immer keinen billigen, schnellen und  ausreichend genauen Test. Da Tuberkulose vor allem in Entwicklungsländern auftritt, muss ein Test zudem auch leicht anzuwenden sein und nur wenig Laborequipment erfordern.

Ein guter Test teilt die Population in zwei Klassen, solche die die Krankheit haben und solche, die sich nicht haben. Als Sensitivität bezeichnet man die Fähigkeit eines Tests, das Vorhandensein einer Krankheit festzustellen. Als Spezifität bezeichnet man die Fähigkeit des Tests, nur dann das Vorhandensein der Krankheit anzuzeigen, wenn diese auch tatsächlich besteht. Als Treffer gilt es, wenn der Test die Krankheit anzeigt und sie ist wirklich vorhanden. Als falscher Alarm bezeichnet man das Anzeigen der Krankheit, wenn diese tatsächlich nicht vorhanden ist. Eine korrekte Ablehnung ist es, wenn das Nicht-Vorhandensein der Krankheit angezeigt wird und die Krankheit ist vorhanden. Ein Auslassungsfehler ist es, wenn angezeigt wird, dass die Krankheit nicht vorhanden ist, während sie tatsächlich gegeben ist. Die Sensitivität berechnet man, indem man die Zahl der Treffer durch die Zahl der Treffer plus der Auslassungsfehler teilt. Die Spezifität errechnet man aus der Zahl der korrekten Ablehnungen geteilt durch die Summe der korrekten Ablehnungen und der falschen Alarme.

Alan Poling et al. (2011) trainierten Riesenhamsterratten darin, mittels ihres Geruchssinnes festzustellen, ob ein Abstrich Tuberkel enthält oder nicht. Die Ratten sollten an den Proben schnüffeln. Wenn der Tuberkel vorhanden ist, sollten sie dies durch eine Pause von fünf Sekunden anzeigen. Das Verhalten der Ratten wurde im Training immer dann mit Futter verstärkt, wenn sie einen Treffer oder eine korrekte Auslassung anzeigten. Im Anschluss an das Training prüften die Forscher in einem Behandlungszentrum für Erkrankungen der Atemwege in Daresalam die Praxistauglichkeit der Ratten. Die Versuche waren verblindet, d. h. die Versuchsleiter wussten nicht, welche Proben positiv waren und welche nicht. In einem ersten Versuch erreichten die beiden Ratten eine Sensitivität von 73 % – das ist deutlich mehr als der übliche Test am Mikroskop. Tests mit insgesamt 16 Ratten erbrachten eine Sensitivität von 87,9 % und eine Spezifität von 93,3 %. Bei 1838 Patienten des Behandlungszentrums zeigte der übliche Test Tuberkulose an, dagegen konnten die Ratten 2415 Tuberkulosepatienten entdecken.

Literatur

Poling, Alan; Weetjens, Bert; Cox, Christophe; Beyene, Negussie; Durgin, Amy & Mahoney, Amanda. (2011). Tuberculosis detection by Giant African Pouched Rats. The Behavior Analyst, 34(1), 47-54. PDF 112 KB

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Riesenhamsterratten 1.1

Dieses Video zeigt sehr anschaulich, wie die Tiere das Gelände absuchen. Auch den Einsatz des Clickers kann man sehen (und hören). Als die Riesenhamsterratte eine Mine anzeigt, clickt der Mensch und gibt ihr gleich anschließend Futter. Mehr Videos findet man auf der Seite von APOPO.

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14/03/2013 · 17:32

Riesenhamsterratten 1

Eine RiesenhamsterratteRiesenhamsterratten gelten in Afrika nicht gerade als Sympathieträger. Sie haben aber einen ähnlich guten Geruchssinn wie Hunde. Durch gewaltfreies, verhaltensanalytisches Training können sie lernen, Landminen aufzuspüren.

Alan Poling et al. (2010) berichten über den erfolgreichen Versuch einer tansanischen Nichtregierungsorganisation (APOPO), Riesenhamsterratten zum Aufspüren von Landminen abzurichten. Riesenhamsterratten sind in Afrika sehr häufig. Jedoch erwiesen sich wild gefangene Ratten als zu aggressiv, um sie trainieren zu können. Daher mussten zunächst Ratten gezüchtet und von Hand aufgezogen werden. Die Ratten wurden anschließend mittels eines verhaltensanalytisch basierten Programms (Clickertraining) darin trainiert, TNT aufzuspüren. Die Ratten werden mittlerweile in Krisenregionen (u. a. nach Mosambik) exportiert. In den ersten neun Monaten des Jahres 2009 konnten so knapp 200.000 qm „gesäubert“ werden, wobei 75 Landminen und 62 andere Sprengkörper (Blindgänger) gefunden wurden.

Die Riesenhamsterratten haben gegenüber Hunden mehrere Vorteile. Sie sind in der Haltung einfacher und billiger. Sie gehen keine enge Beziehung zu einem Menschen ein, so dass sie leicht mit wechselnden Partnern eingesetzt werden können. Ihr geringes Gewicht erlaubt ihnen, über Minen zu laufen, ohne das diese explodieren, was das Absuchen des Geländes vereinfacht. Ein Nachteil der Ratten besteht darin, dass sie keine große Hitze vertragen. Sie werden daher nur in den Morgen- und Abendstunden eingesetzt. Tagsüber finden die Nachkontrollen mit dem Metalldetektor statt.

Die Tiere werden mittlerweile auch in der Analyse von Bodenproben eingesetzt. Die Ratten sollen verschiedene Bodenproben „begutachten“ und anzeigen, ob sich darin Spuren von TNT befinden. Wenn das der Fall ist, werden die entsprechenden Geländeabschnitte, aus denen die Proben stammen, eingehender untersucht.

Die Arbeit von APOPO hat nach Poling et al. (2010) das „Image“ der Riesenhamsterratten in Tansania deutlich verbessert.

Auf der Webseite von APOPO finden sich viele Informationen zum Thema, darunter auch mehrere Videos, die die Arbeit der Riesenhamsterratten demonstrieren.

Literatur

Poling, Alan; Weetjens, Bart J.; Cox, Christophe; Beyene, Negussie W. & Sully, Andrew. (2010). Using giant African pouched rats (cricetomys gambianus) to detect landmines. The Psychological Record, 60(4), 715-728.

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Eingeordnet unter Tiere, Verhaltensanalyse

Amoklauf und Limonade

Macht Cola aggressiv?Wer viele zuckerhaltige Nahrungsmittel konsumiert, ist aggressiver. Das klingt wenig glaubhaft, scheint sich aber zu bestätigen. Wobei die Verursachungsrichtung nicht ganz klar ist.

Im Jahr 1979 erschoss der ehemalige Stadtrat von San Francisco Dan White den Bürgermeister George Moscone und den ersten homosexuellen Bürger im Stadtrat, Harvey Milk. Im anschließenden Prozess behauptete White, sein Verhalten sei dadurch beeinflusst worden, dass er vor Kurzem angefangen habe, vor allem Junk-Food und zuckerhaltige Softdrinks zu konsumieren. Dies habe dazu beigetragen, dass er aggressiv geworden sei. White hatte mit dieser Argumentation Erfolg und diese Verteidigungsstrategie wurde als die „Twinkie-Strategie“ bekannt (obschon White gar nicht behauptet hatte, besonders viele „Twinkies“ – ein Twinkies sind ein sahnegefülltes Gebäcksahnegefülltes Gebäck – zu konsumieren).

Benton (2007) konnte in einer Metaanalyse tatsächlich belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen einer fett- und zuckerhaltigen Diät und einer erhöhten Gewaltbereitschaft gibt. Solnick und Hemenway (2012) konnten bei einer Befragung von 1878 Bostoner Schülern einen ähnlichen Zusammenhang zwischen dem Konsum von zuckerhaltigen Limonaden und Gewalttaten belegen. Je mehr Softdrinks die Schüler konsumierten, desto häufiger waren sie durch Gewaltdelikte aufgefallen. DieseHaben evtl. viel Cola getrunken - Boxerinnenr Zusammenhang bestand auch, wenn man die möglichen Moderatorvariablen Geschlecht, Alter, Rasse, Körpergewicht, Schlafmangel, Nikotin- und Alkoholkonsum herausrechnete. Neben einem direkten Zusammenhang – der Zucker in den Limonaden macht aggressiv – ist auch ein indirekter Zusammenhang denkbar. Zum Beispiel könnten Schüler, die generell einen zu niedrigen Blutzuckerspiegel haben, sowohl zum Konsum von zuckerhaltigen Getränken neigen als auch aufgrund des zu niedrigen Blutzuckerspiegels aggressiver sein.

Literatur

Benton, David. (2007). The impact of diet on anti-social, violent and criminal behaviour. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 31(5), 752-774.

Solnick, Sara J. & Hemenway, David. (2012). The „Twinkie Defense“: The relationship between carbonated non-diet soft drinks and violence perpetration among Boston high school students. Injury Prevention, 18, 259-263.

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Schädliche Autismustherapien?

Schadet die verhaltensanalytische Therapie bei Autismus den betroffenen Kindern? – Wohl kaum. Im Gegenteil ist es unethisch, einem betroffenen Kind aus ideologischen Gründen eine wirksame Behandlung zu verweigern.

Die verhaltensanalytisch fundierte Therapie ist die derzeit wirksamste Behandlungsmethode bei frühkindlichem Autismus. Ich habe das auf verhalten.org vor einiger Zeit schon einmal dargelegt. Mittlerweile hat sich die Zahl der Studien, die die Wirkung der Therapie nachweisen, vervielfacht, einen Überblick gibt es auf der Seite des Cambridge Center for Behavioral Studies. Über einige Studien gab es Diskussionen, was deren angebliche methodische Schwächen angeht. Angesichts der Evidenzlage für alle anderen Methoden in diesem Bereich sind dies jedoch lediglich Scharmützel am Rand des Geschehens. Jeder, der die methodische Qualität von Studien beurteilen kann, kommt nicht umhin anzuerkennen, dass diese Form der Therapie sehr wirksam bei der Behandlung der Probleme ist, die im Zusammenhang mit frühkindlichem Autismus auftreten können. Zusätzlich zur rein wissenschaftlichen Betrachtung der Wirksamkeit empfehle ich auch, die Sichtweise einer Mutter zu erfahren, die die lange Suche nach einer wirksamen Hilfe für ihr autistisches Kind durchlitt und schließlich die Verhaltensanalyse fand. Cathrine Maurice hat das in ihrem Erfahrungsbericht geschildert. Für weitere Informationen verweise ich auch auf die Association for Behavior Analysis Deutschland – Deutsche Gesellschaft für Verhaltensanalyse e. V.

Mit Interesse vernahm ich jetzt, dass es gegen „ABA“ (das Kürzel wird zu Unrecht mit der verhaltensanalytischen Autismustherapie gleichgesetzt, in Wahrheit umfasst die „Applied Behavior Analysis“ wesentlich mehr) nicht nur die „üblichen“, m. E. erwartbaren Vorbehalte von Seiten der Anhänger alternativer Verfahren gibt. In vielen Ländern, auch in Deutschland, hat sich eine Szene von (angeblich) selbst Betroffenen gebildet, die sich gegen jede Form der „Therapie“ des Autismus verwehren. Kürzlich wurde sogar eine Online-Petition gestartet, deren Ziel es ist, „schädliche Autismustherapien“ zu verbieten. Interessanterweise betonen die Initiatoren dieser Petition in einer ergänzenden Stellungnahme, dass sie nicht missverstanden werden wollen: Die Petition richtet sich allein gegen die verhaltensanalytische Therapie. Die „tiergestützte Therapie“ und die gestützte Kommunikation werden explizit als positive Ansätze dargestellt. Anzumerken ist: Die Wirkung beider Verfahren ist, gelinde gesagt, umstritten. Die Delphintherapie ist m. E. größtenteils Esoterik und dient daneben als Existenzberechtigung für die oft als tierquälerisch gebrandmarkten Delphinarien. Informationen über die „gestützte Kommunikation“ finden Sie auf verhalten.org und auf den Seiten der GWUP.

An dieser Stelle muss man mal kurz innehalten und feststellen: Der frühkindliche Autismus, wie er mit „ABA“ behandelt wird, ist eine sehr tiefgreifende Kommunikationsstörung. Die betroffenen Kinder sind, wenn sie nicht behandelt werden, oft zu einem Leben in Einrichtungen für geistig behinderte Menschen bestimmt, unfähig zu sprechen oder sonst in Interaktion mit ihrer Umwelt zu treten. Die Herrschaften, die Internetseiten wie diese betreiben, können nicht diesem Personenkreis angehören.

Nichtsdestotrotz gerieren diese „Enthinderer“ sich als die Fürsprecher autistischer Kinder und meinen, diese davor bewahren zu müssen, durch eine ABA-Therapie misshandelt und geradegebogen zu werden. Gerne werden hier Vergleiche zu anderen Behinderungen gezogen. Einem Kind den Autismus „abzudressieren“ sei ähnlich wie und schlimmer als die früher übliche „Umerziehung“ von Linkshändern.

Nun bin ich selbst ein „umerzogener“ Linkshänder (was ich nicht meinen Eltern sondern den ältlichen Lehrerinnen verdanke, die ich in den frühen siebziger Jahren in der ersten und zweiten Klasse hatte). Ich kann hier aus Erfahrung sprechen. Ja, gezwungen zu werden, beim Schreiben die „schöne“ Hand zu benutzen, ist nicht gut. Ziemlich sicher schrieb ich deshalb mit einer rechten „Sauklaue“. Diese Sauklaue führte dazu, dass ich beinahe den Anschluss verpasst hätte, da die Lehrer meine Schrift oft nicht lesen konnten. Die Lehrerin, die ich in der dritten und vierten Klasse hatte, hatte das erkannt und mich in so weit gefördert, dass ich mit der rechten Hand wenigstens einigermaßen leserlich schreiben konnte (Danke, Frau Mohrbach, auch wenn Sie es nicht mehr lesen können…). Bei meinem Stiefsohn, der auch Linkshänder ist, haben meine Frau und ich deshalb sehr darauf geachtet, dass er mit Links schreiben darf und auch sonst alles mit der Hand machen darf, die ihm am besten liegt.

Die „Umerziehung“ bei Linkshändigkeit hatte bei mir zu einer objektiven Verschlechterung meiner Situation geführt: Ich kann z. B. noch immer viel schlechter schreiben als meine Schwester, deren modernere Lehrerin ihr gestattete, das Schreiben mit links zu lernen.

Der Vergleich der Umerziehung von Linkshändern mit der verhaltensanalytischen Therapie bei Autismus hinkt gewaltig: Autistische Kinder „autistisch“ sein zu lassen, verbessert ihre Situation nicht. Zudem gibt es keine Möglichkeit, die fehlende Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren, auszugleichen, so wie z. B. eine Linkshänderschere für mich eine Hilfe darstellt, um in der Welt der Rechtshänder zu bestehen. Der Vergleich würde nicht so sehr hinken, wenn viele, durch die ABA-Autismustherapie „umerzogene“ Kinder, später in ihrem Leben an dieser Umerziehung leiden würden und sich wünschen würden, sie wären nie „gezwungen“ worden, auf Ansprache zu reagieren, ihren Eltern in die Augen zu sehen und überhaupt das Sprechen zu lernen. Dies ist nicht der Fall.

Die Autisten-Enthinderer ziehen weitere Vergleiche: Man habe früher ja auch schwerhörige und taube Kinder gezwungen, von den Lippen zu lesen, heute lässt man sie die Zeichensprache erlernen. Das ist gut so und man sollte überhaupt schwerhörige und gehörlose Kinder alle Förderung und Zuwendung zuteilwerden lassen, die möglich ist. Nicht hören zu können, hat ohne weitere Hilfen zur Folge, dass man von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen bleibt.

Durch Cochlea-Implantate ist es in vielen Fällen möglich, eine Schwerhörigkeit mehr oder weniger zu heilen. Ein Kind mit „CI“ hört oft normal und benötigt weder das Lippenlesen noch die Zeichensprache. Eltern schwerhöriger Kinder und diese Kinder selbst, die mit einem Cochlea-Implantat versorgt sind, würden jeden, der das CI als „den Willen des Kindes brechen“ und „Geradebiegen“ bezeichnet, für verrückt erklären.

Ich gehe soweit und behaupte nun, die ABA-Autismustherapie ist das Cochlea-Implantat des frühkindlichen Autismus. Denn ABA ermöglicht Menschen, die dies ohne ABA nicht erreicht hätten, eine Teilhabe an der Gesellschaft und am Arbeitsleben.

Noch ein Veranstaltungshinweis: Auf der 22. Konferenz der Gesellschaft für die wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften, der GWUP e. V., die vom 9. bis 11. Mai 2013 in Köln stattfindet, geht es um „Pseudotherapien“. Ein Vortrag dort macht mich jetzt schon neugierig. Jan Oude-Aost wird über „Pseudomedizin bei Autismus“ referieren. Wer sich für die Konferenz interessiert, kann sich auf den Seiten der GWUP anmelden.

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Verhaltensanalytische Autismustherapie

John Hall wurde als Kind als „autistisch“ diagnostiziert. Den Eltern wurde gesagt, dass er wahrscheinlich nie wird sprechen können und dass er geistig behindert sein wird. John nahm an einer verhaltensanalytisch fundierten Therapie teil. Diese Programme sind auch als „ABA“, „Verbal Behavior“ oder „Lovaas-Methode“ bekannt. Über das Ergebnis dieser Therapie berichtet er in diesem Video selbst.

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11/03/2013 · 09:17

Wie man unbeliebte zu beliebten Aufgaben macht – Teil 2

Reed et al. (2012) wiederholten die Studie von Green et al. (2008) unter anderen Bedingungen. Die Teilnehmer waren acht Beschäftigte die in zwei verschiedenen Gruppen einer Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche arbeiteten. Die Mitarbeiter mussten neben der direkten Arbeit mit den Kindern auch einige organisatorische und Reinigungsaufgaben erledigen. Diese Aufgaben (z. B. Wiederauffüllen der Schränke, Reinigen der Arbeitsplätze etc.) waren mehr oder weniger unbeliebt. Im Gegensatz zur Studie von Green et al. (2008) ließen sich diese Aufgaben auch nicht so verändern, dass sie dann attraktiver wurden (Kinderspucke vom Tisch aufwischen bleibt unangenehm, egal, wie man die Arbeit gestaltet).

Zunächst wollten Reed et al. (2012) herausfinden, welche dieser Aufgaben die unbeliebtesten waren. Ebenfalls anders als bei Green et al. (2008) legten sie die Beliebtheit der Aufgabe nicht mittels einer einfachen Befragung fest. Sie ließen die Mitarbeiter mehrfach unter realen Bedingungen nach einem Verfahren, dass Tiger et al. (2006) entwickelt hatten, wählen. Hierzu sollte jeder Mitarbeiter auf einen Zettel schreiben, welche Aufgabe er am liebsten, welche er am zweitliebsten usw.  erledigen wollte. Der Vorgesetzte loste dann zu Schichtbeginn einen der acht Mitarbeiter, der dann entscheiden konnte, welche Aufgabe er übernehmen wollte. Die restlichen Mitarbeiter wurden per Zufall auf die anderen Aufgaben verteilt. Gegen Ende dieser Basisratenerhebung (die in der einen Gruppe acht, in der anderen 16 Tage umfasste) stand fest, welche Aufgaben die unbeliebtesten waren (in einer Gruppe das Reinigen den Fußbodens, in der anderen das Reinigen der Arbeitsplätze der Schüler). Anschließend diskutierten die Forscher mit den Mitarbeitern, welche Anreize das Übernehmen der unbeliebtesten Aufgabe attraktiver machen könnten. In einer Gruppe wollten die Beschäftigten ihre Mittagspausenzeit frei wählen dürfen, in der anderen Gruppe wollten sie den Schülern, mit dem sie arbeiteten, selbst bestimmen können. Die Mitarbeiter sollten weiterhin jeden Morgen notieren, welche Aufgabe sie am liebsten übernehmen wollten. Weiterhin loste auch der Vorgesetzte aus, wer welche Aufgabe übernehmen sollte. Derjenige Mitarbeiter, der die ursprünglich am wenigsten beliebte Tätigkeit zugelost bekam (das Reinigen des Bodens oder das Reinigen der Arbeitsplätze), erhielt ab jetzt aber auch das in der Diskussion vereinbarte Privileg (er durfte die Mittagspause selbst bestimmen oder entscheiden, mit welchen Schüler er arbeiten wollte). In den folgenden acht bis 16 Tagen veränderte sich die Wahl der Mitarbeiter, welche Aufgabe die beliebteste, welche die zweitbeliebteste usw. war. Sechs Mitarbeiter zeigten nun eine Präferenz für die Aufgabe, die zuvor die unbeliebteste war. Die anderen zwei Mitarbeiter zeigten nun keine ausgeprägte Präferenz oder Abneigung mehr, d. h. die Unterschiede zwischen beliebten und unbeliebten Tätigkeiten verwischten. Eine Befragung der Mitarbeiter zeigte, dass diese die Intervention als  angenehm empfanden.

Literatur

Green, Carolyn W.; Reid, Dennis H.; Passante, Susan & Canipe, Vicki. (2008). Changing less-preferred duties to more-preferred: A potential strategy for improving supervisor work enjoyment. Journal of Organizational Behavior Management, 28(2), 90-109.

Reed, Derek D.; DiGennaro Reed, Florence D.; Campisano, Natalie; Lacrouse, Kristen & Azulay, Richard L. (2012). Assessing and increasing staff preference for job tasks using concurrent-chains schedules and probabilistic outcomes. Journal of Organizational Behavior Management, 32(3), 253-262.

Tiger, Jeffrey H.; Hanley, Gregory P. & Heal, Nicole A. (2006). The effectiveness of and preschoolers’ preference for variations of multiple-schedule arrangements. Journal of Applied Behavior Analysis, 39(4), 475-488. PDF 520 KB

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Eingeordnet unter OBM, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Wie man unbeliebte zu beliebten Aufgaben macht – Teil 1

Die Arbeitszufriedenheit von Mitarbeitern lässt sich steigern, indem man weniger beliebte Aufgaben zu beliebteren macht. Wie das geht, demonstrierten Carolyn Green und ihre Kollegen (2008). Ihre Versuchspersonen waren vier Vorgesetzte in einer Einrichtung mit drei Wohngruppen für mehrfach behinderte Menschen. In jeder Wohngruppe lebten acht bis zehn Personen, die ständig von mindestens drei Pflegern betreut wurden. Drei der Versuchspersonen (Ms. Tome, Ms. Jones und Mr. Davis) waren die Vorgesetzten dieser Pfleger, eine Versuchsperson (Ms. Noel) war die Vorgesetzte dieser Vorgesetzen. Aufgrund von Tätigkeitsbeschreibungen und von Befragungen wurde eine Liste mit zwölf Aufgaben (für die drei direkten Vorgesetzten) bzw. acht Aufgaben (für Ms. Noel) erstellt. Die Versuchspersonen sollten nun auf einer Skala von eins bis sieben einschätzen, ob diese Aufgabe für sie eher angenehm oder unangenehm war (Rating) und sie sollten für diese Aufgaben eine Rangfolge der Beliebtheit erstellen (Ranking). Diese Aufgabe wurde den Versuchspersonen mehrfach gestellt, um so erfassen zu können, ob sich die Beliebtheit der einzelnen Aufgaben veränderte. Während der Erfassung der Basisrate wurden diese Fragen jeder Versuchsperson mindestens drei Mal vorgegeben, um so einen stabilen Wert zu erhalten. Zudem wurde über die gesamte Dauer der Maßnahme die Qualität, mit der die Vorgesetzten die einzelnen Aufgaben erfüllten, anhand von Checklisten erfasst. Diese Checklisten waren mit Hilfe der Versuchspersonen und der Heimleitung erstellt worden.

Zwei der Versuchspersonen, Ms. Tome und Ms. Jones, gaben während der Erfassung der Basisrate an, dass das Erstellen der monatlichen Entwicklungsberichte die unangenehmste ihrer Aufgaben ist. Ms. Noel, die Vorgesetzte der Vorgesetzten, gab an, dass das Überprüfen der Zeitlisten ihre unbeliebteste Arbeit war. Mr. Davis fand die einmal im Monat erforderliche Beobachtung der Arbeit seiner Mitarbeiter am unangenehmsten.

Nun wurden die Versuchspersonen einzeln interviewt, welche Aspekte der jeweils unbeliebtesten Aufgabe bewirkten, dass sie diese als unangenehm empfanden. Sowohl beim Erstellen der Entwicklungsberichte als auch beim Überprüfen der Zeitlisten fanden die Versuchspersonen, dass die ständigen Unterbrechungen durch andere Pflichten die Aufgabe erschwerten. Mr. Davis hatte das Gefühl, dass die Mitarbeiter, deren Arbeit er beobachten sollte, die Beobachtungen unangenehm fanden und ablehnten.

Die eigentliche Intervention bestand aus zwei Komponenten. Die Forscher veränderten die unangenehme Aufgabe dadurch, dass sie unangenehme Komponenten der Situation entfernten und angenehme Komponenten hinzufügten. Konkret bedeutete dies, dass Ms. Noel, Ms. Tome und Ms. Jones für das Erstellen der Entwicklungsberichte bzw. für das Überprüfen der Zeitlisten einen extra Raum zur Verfügung gestellt bekamen. Dadurch fiel der unangenehme Aspekt der Aufgabe, ständig unterbrochen zu werden, weg. Hinzu kam, dass die Mitarbeiterinnen in diesem Büro, wo sie ungestört arbeiten konnten, eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken bekamen. Mr. Davis’ Aufgabe wurde dadurch attraktiver gemacht, dass die Beobachtungen der Mitarbeiter in einer Lotterie resultierten. Jeder Mitarbeiter von Mr. Davis, der bei seiner Beobachtung ein bestimmtes Kriterium erfüllte, nahm an einer Lotterie teil, bei der es Preise, die von örtlichen Geschäften gestiftet worden waren, zu gewinnen gab. Dadurch nahmen die Forscher den unangenehmen Aspekt der Aufgabe weg, dass die Mitarbeiter von Mr. Davis auf die Beobachtungen ablehnend reagierten und fügten zugleich den angenehmen Aspekt hinzu, dass die Aufgabe so erfreulicher wurde. Die Mitarbeiter freuten sich nun auf die Beobachtung, da diese die vorausgehende Bedingung der Lotterie war.

Sowohl die Mitarbeiter von Mr. Davis als auch alle Versuchspersonen wurden am Ende der Maßnahme befragt, ob sie die Veränderungen gut fanden und beibehalten wollten. Alle betroffenen Personen fanden die Maßnahmen sehr gut und gaben an, dass sich ihre Arbeitszufriedenheit sehr verbessert habe (auf einer Skala von 1 bis 7 wurde immer der Wert „7“ – extrem verbessert – angekreuzt).

Auch die Beliebtheit der Aufgaben verbesserte sich durch die ergriffenen Maßnahmen. Bei drei Versuchspersonen wurde aus der ehedem unbeliebtesten Aufgabe die beliebteste oder eine der beliebtesten, bei der vierten Versuchspersonen wurde die Aufgabe zumindest eine mehr oder weniger beliebte. Diese Veränderung hielt auch über mehrere Wochen an, auch eine Nachbefragung nach acht Wochen erbrachte dasselbe Ergebnis. Die Qualität der Arbeit der Versuchspersonen blieb über die gesamte Maßnahme hinweg auf sehr hohem Niveau. Die Qualität der Beobachtungen, die Mr. Davis durchführen musste, verbesserte sich von der Basisrate zur Maßnahme hin auf einem Index von 80% zu 100% (was bedeutete, dass er die Aufgabe ab Beginn der Maßnahmen immer perfekt erledigte).

Literatur

Green, Carolyn W.; Reid, Dennis H.; Passante, Susan & Canipe, Vicki. (2008). Changing less-preferred duties to more-preferred: A potential strategy for improving supervisor work enjoyment. Journal of Organizational Behavior Management, 28(2), 90-109.

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Eingeordnet unter OBM, Verhaltensanalyse, Verstärkung

Je mehr Mitfahrer ein junger Autofahrer hat, desto eher zeigt er aggressives Fahrverhalten und desto häufiger ist er in einen tödlichen Autounfall verwickelt

Bundesarchiv_B_145_Bild-F038805-0013,_Wolfsburg,_VW_Autowerk,_Teststrecke,_KäferJe jünger ein Autofahrer ist, desto höher ist sein Risiko für einen tödlichen Autounfall. Ebenso gilt: je mehr Personen sich im Auto befinden, desto größer ist das Unfallrisiko. Lambert-Bélanger et al. (2012) untersuchten, welchen Einfluss das Alter, die Geschlechtszugehörigkeit und die Anzahl der Mitfahrer auf die Häufigkeit von aggressivem Fahrverhalten und Geschwindigkeitsübertretungen im Rahmen von tödlichen Autounfällen haben. Sie werteten dazu die Statistik der tödlichen Autounfälle in den USA der Jahre 1991 bis 2008 aus. Insgesamt waren in diesem Zeitraum 19.931 Fahrer im Alter von 16 bis 25 Jahren, die zum Zeitpunkt des Unfalls nicht alkoholisiert waren oder unter Drogen standen, an tödlichen Autounfällen beteiligt. Bei 73,4 % dieser Fahrer war im Unfallbericht mindestens eine aggressive Fahrverhaltensweise erwähnt worden. Beispiele für aggressives Fahrverhalten im Sinne dieser Untersuchung sind:

  • Zu dichtes Auffahren
  • Überfahren von Begrenzungslinien
  • Überholen in der Überholverbotszone
  • Überholen auf der falschen Seite

Die Wahrscheinlichkeit für eine aggressive Fahrverhaltensweise war erhöht, wenn Mitfahrer an Bord waren. War beispielsweise bei einem 16jährigen Fahrer nur ein weiterer Passagier im Auto, war das Risiko, dass der Fahrer ein solches Verhalten zeigte, um 14 % gegenüber einem Fahrer, der allein im Auto saß, erhöht. Waren fünf weitere Personen im Auto betrug dieser Unterschied 95 %. Auch bei männlichen im Gegensatz zu weiblichen Fahrern und bei jüngeren im Vergleich zu älteren Fahrern traten signifikant mehr aggressive Fahrverhaltensweisen auf. Auch wer keinen Gurt trug beging wahrscheinlich mehr aggressive Handlungen am Steuer. Die Überschreitung der Geschwindigkeitsbeschränkungen war vor allem von der Höhe des Tempolimits abhängig (je niedriger das Tempolimit, desto nummerisch größer die Überschreitung des Tempolimits). Der Einfluss des Alters auf die Höhe der Geschwindigkeitsüberschreitung war auf Straßen mit einem niedrigen Tempolimit am größten. Abweichend von den übrigen Befunden fuhren 25jährige Frauen, die 5 Mitfahrer hatten, im Schnitt 6,77 Meilen pro Stunde langsamer als erlaubt.

Literatur

Lambert-Bélanger, Anik; Dubois, Sacha; Weaver, Bruce; Mullen, Nadia & Bédard, Michel. (2012). Aggressive driving behaviour in young drivers (aged 16 through 25) involved in fatal crashes. Journal of Safety Research, 43, 333-338.

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