Er hat noch nicht mal gebohrt

BildZahnärztliche Behandlungen sind für niemanden angenehm, insbesondere, wenn „gebohrt“ werden muss. Die meisten Kinder benehmen sich beim Zahnarzt gut und erdulden die Behandlung ruhig und ohne Widerstand. 20% bis 25% aller Kinder (O’Callaghan, Allen, Powell & Salama, 2006) zeigen aber beim Zahnarzt zumindest gelegentlich ein Verhalten, dass die Behandlung beeinträchtigt oder gar verhindert. Das Festhalten des Kindes, um die Behandlung zu erzwingen, oder gar eine Vollnarkose scheint oft die einzige Möglichkeit zu sein, eine notwendige Behandlung durchzuführen. Je jünger ein Kind ist und je beeinträchtigender die Behandlung ist, desto häufiger kommt es zum störenden Verhalten. Die amerikanische Vereinigung der pädiatrischen Zahnärzte hat daher explizit dazu aufgerufen, eine verhaltensorientierte Methode zu entwickeln, um diese Problem in den Griff zu bekommen.

Das störende Verhalten des Kindes führt häufig zu einer zumindest kurzen Unterbrechung der (unangenehmen) Behandlung. Der Zahnarzt verstärkt somit aber unbeabsichtigt das Problemverhalten, so dass dieses häufiger auftritt. Die Methode der kontingenten Unterbrechung der Behandlung (vgl. Kemp, 2005) kann hier sehr erfolgreich sein. Der Zahnarzt unterbricht hier nach festgelegten Regeln die Behandlung immer dann, wenn das Kind gerade kein störendes Verhalten zeigt. Das Problem mit dieser Methode ist die Anwendbarkeit in der Praxis. Sie erfordert vom Zahnarzt viel Training und eine gute Disziplin: Gerade, wenn es „gut läuft“, soll er ja unterbrechen. Zudem muss er sich neben seiner Arbeit ständig auch auf das Verhalten des Kindes konzentrieren und dieses beurteilen. Insofern hat sich diese Methode als zwar erfolgreich, aber schwer durchzuhalten erwiesen. Gesucht wird eine Methode, die wenig Training verlangt und die den Zahnarzt gewissermaßen automatisch zur Unterrechung auffordert.

O’Callaghan und Kollegen (2006) nutzen die Methode der nicht-kontingenten Verstärkung (noncontingent escape, NCE), um die Zahl der störenden Verhaltensweisen zu reduzieren. Der Zahnarzt trug hier einen Timer mit Vibrationsalarm am Handgelenk. Unabhängig vom Verhalten des Kindes (nicht kontingent) sollte er für einen kurzen Zeitraum die Behandlung unterbrechen (das heißt, die Instrumente aus dem Mund des Kindes nehmen), wenn der Alarm gegeben wurde. Dabei wurde zunächst ein Intervallplan mit 10-Sekunden-Abständen verwendet, der nach und nach auf 2-Minuten-Abstände ausgedünnt wurde.

Fünf Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren (3 Mädchen und 2 Jungen), die in einer Zahn-Klinik behandelt werden mussten (da sie aufgrund der Verhaltensauffälligkeiten kein niedergelassener Zahnarzt behandeln wollte), nahmen an der Studie teil. Die Behandlung zog sich über mehrere Termine von je 45 bis 90 Minuten Dauer hin. Zunächst wurde über einen bis mehrere Termine die Basisrate des Problemverhaltens erhoben unterschiedlich lange bei den verschiedenen Kindern).  Dann wurde das NCE-Verfahren eingeführt. Der Zahnarzt erklärte den Kindern kurz das Vorgehen („immer wenn meine Uhr vibriert, werde ich kurz mit der Behandlung aufhören“) und „trocken“ geprobt.  Anschließend wurde die Behandlung aufgenommen und dabei das oben beschriebene Verfahren in Kraft gesetzt. Erhoben wurde der Anteil störenden Verhaltensweisen und die Zahl der Vorkommnisse, bei denen das Kind von der Zahnarzthelferin festgehalten werden musste. Der Anteil störenden Verhaltens ging im Schnitt um 56% zurück. Insbesondere das physische störende Verhalten ging deutlich gegen Null, was relativ gesehen weniger stark abnahm, war das verbale störende Verhalten (also Schreien, Weinen, Wehklagen). Die Notwendigkeit, das Kind festzuhalten, ging bei drei Kindern auf Null zurück, zwei Kinder mussten noch einmal bzw. zweimal je Sitzung festgehalten werden (nach achtmal in der Basisraten-Bedingung).

Die Methode des NCE verlangt wenig Training vom Zahnarzt und nimmt nur wenig Aufmerksamkeit in Anspruch (das Verhalten des Kindes muss nicht ständig beurteilt werden). Die Untersuchung von O’Callaghan und anderen (2006) zeigte auch, dass die anderen Versuche des Zahnarztes, das Verhalten des Kindes zu steuern (z.B. Lob, wenn das Kind ruhig blieb) wenig bis gar nicht erfolgreich waren.

Literatur

Kemp, Fred. (2005). Alternatives: A review of non-pharamcologic approaches to increasing the cooperation of patients with special needs to inherently unpleasant dental procedures. The Behavior Analyst Today, 6(2), 88-108.

O’Callaghan, Patrick M.; Allen, Keith D.; Powell, Shawn & Salama, Fouad. (2006). The efficacy of noncontingent escape for decreasing children’s disruptive behavior during restorative dental treatment. Journal of Applied Behavior Analysis, 39(1), 161-171. PDF 129 KB

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