Chomsky und die wissenschaftliche Redlichkeit

Noam Chomskys Besprechung von Skinners „Verbal Behavior“ gilt als grundlegend für die „kognitive Wende“ in der Psychologie. Chomskys Text offenbart jedoch lediglich, dass er als Wissenschaftler nicht gerade redlich war, so Barry Adelmann.

Es gibt kaum einen Hinweis darauf, dass Chomsky (1959) in irgendeinem Bereich der Psychologie (vielleicht mit Ausnahme der Psychoanalyse, vgl. Barsky, 1997) über nennenswertes Vorwissen verfügte, als er die Besprechung von Skinners (1957) Buch schrieb. Dabei war die Psychologie zu diesem Zeitpunkt bereits eine entwickelte und vielgestaltige Disziplin. Insbesondere gilt dies für die verhaltenswissenschaftliche Psychologie. Der Begriff „Behaviorismus“ wurde für eine Vielzahl von Psychologien verwendet. Skinners Radikaler Behaviorismus unterschied sich in wesentlichen Punkten von den anderen „Behaviorismen“ und Verbal Behavior baut sehr spezifisch auf Skinners Auffassung von Psychologie auf.

Schon MacCorquodale (1970) wies nach, dass Chomsky (1959) Skinner (1957) in zahlreichen Aspekten grundlegend missverstand. Adelmann (2007) zeigt ein weiteres, kaum beachtetes Merkmal von Chomskys Besprechung auf: Sie weist zahlreiche handwerkliche Mängel auf („the poor quality of his scholarship“, p. 20). Diese Mängel betreffen nicht nur den Inhalt von Verbal Behavior. Chomsky (1959) verstand offenkundig kaum, was den Radikalen Behaviorismus von anderen Formen des Behaviorismus unterschied. Schon Richelle (1976) merkte an, hätte Chomsky eine Seminararbeit geschrieben, seine Fehler würden wohl die meisten Prüfer dazu veranlasst, nicht weiter zu lesen, sondern den Kandidaten durchfallen zu lassen. So glaubte Chomsky (1959, p. 28), die Reaktionsstärke würde über das Kriterium der Extinktionsresistenz definiert. Skinner (1957) dagegen erklärte, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Verhaltens unter bestimmten Bedingungen sei das entscheidende Kriterium (p. 22). Tatsächlich verwechselte Chomsky hier Skinners Definition mit der von Hull (1943, pp. 260-262), wie schon MacCorquodale (1970) bemerkte. Chomsky (1959) unterstellte Skinner (1959), er gehe davon aus, dass Kinder ihre Muttersprache nur durch akribische Sorge („meticulous care“, p. 42) der Erwachsenen lernen könnten, die das sprachliche Repertoire der Kinder differentiell verstärken. Tatsächlich sagt Skinner (1959) nichts dergleichen. Miller und Dollard (1941) sind es, die schreiben, dass das Kind akribisch trainiert („meticulous training“, p. 82) werde, um Objekte und Wörter miteinander in Verbindung setzen zu können. Offenkundig scheint Chomsky (1959) hier wieder etwas zu verwechseln. Skinner (1957) dagegen äußert sich in Verbal Behavior fast gar nicht zum Spracherwerb.

Die Mängel von Chomskys (1959) Artikel betreffen auch seine Zitate aus dem von ihm besprochenen Buch. Chomsky zitiert des öfteren schlicht falsch oder aus dem Zusammenhang heraus. Adelmann (2007) listet einige Beispiele auf; hier seien drei davon erwähnt.

1. Chomsky (1959, p. 34) berichtet, dass Skinner die Extinktionsresistenz des Verhaltens (oder genauer die Rate des Auftretens während der Extinktion eines Verhaltens) als „die einzige Variable, die sich signifikant und in der erwarteten Richtung verändere“ definiere. Tatsächlich schreibt Skinner (1950, p. 198) aber, dass die Rate des Auftretens die einzige Variable sei usw. Um Skinner solcherart falsch wiedergeben zu können, zitierte er nur wenige Satzbruchstücke wörtlich. Und selbst in diesen Bruchstücken musste er noch Veränderungen vornehmen (bei Chomsky steht „that“, statt „which“ im Original).

2. Chomsky (1959, p. 34) behauptet, Skinner sage, dass die Frequenz eines Verhaltens „hauptsächlich auf die Frequenz der es kontrollierenden Variablen“ zurückzuführen sei. Tatsächlich schrieb Skinner hier (1957, p. 27), dass „wir uns nicht sicher sein können, ob nicht hauptsächlich die Frequenz der es kontrollierenden Variablen“ in bestimmten Fällen für die Frequenz eines Verhaltens verantwortlich sei. Skinner (1957) grenzte in diesem Absatz sein Vorgehen explizit gegen die in formalen Analysen verbreitete Praxis des „Wörter-Zählens“ ab: „Es ist genauso wichtig, die Bedingungen [unter denen Sprache auftritt] zu kennen“ (ebd.).

3. In Bezug auf den Stellenwert der Betonung, des Wortakzents usw. zitiert Chomsky (1959, pp. 34-35) Skinner folgendermaßen: „Glücklicherweise spielt dies im Englischen keine große Rolle…“ da „…relative Tonhöhen … nicht … wichtig sind“. („Fortunately `In English this represents no great difficulty´ since, for example, `relative pitch levels … are not … important´“ – so Chomsky, 1959, p. 34-35, im Original). Chomsky zitiert hier (mit den obigen Auslassungspünktchen) auf eine Weise, durch die der Eindruck entsteht, Skinners „this“ beziehe sich auf „pitch“. Chomsky greift dies auf, indem er anmerkt, Skinner (1957) nenne keine der zahlreichen Studien zur Funktion der unterschiedlichen Tonhöhen im Englischen. Gemeint ist, dass Skinner die Bedeutung der Tonhöhe und der Betonung in der gesprochenen Sprache ignoriere. Tatsächlich schreibt Skinner (1957, p. 25) aber, dass absolute oder relative Tonhöhen im Englischen kein „distinktives“ Merkmal seien. Änderungen in der Tonhöhe dagegen dienen dazu, unterschiedliche Arten von Äußerungen zu unterscheiden.

  • In English, this [energy level, speed of response, and even repetition entering into the construction of different forms of response] represents no great difficulty. Absolute levels of pitch and intensity are not “distinctive” nor are relative pitch levels important. Changes in pitch, however, distinguish different types of utterance. (Skinner, 1957, p. 25)

Im Anschluss daran diskutiert Skinner (1957) ausführlich die Funktion der Tonhöhe im Englischen.

Adelmann (2007) vergleicht Chomskys Artikel von 1959 mit der Persiflage, die der Physiker Alan Sokal (1996a) in der Zeitschrift Social Text platzieren konnte. Sokal (1996b) merkte später an, die Herausgeber hätten seinen Artikel unmöglich verstehen können. Jedoch akzeptierten sie ihn wohl deshalb, weil ihnen die exzessive Verwendung des postmodernen Jargons gefiel und weil sie mit seinen Schlussfolgerungen einverstanden waren. Genauso wie postmoderne Philosophen die Feinheiten der Physik und Mathematik nicht verstehen, verstehen die meisten Linguisten die verhaltenswissenschaftliche Psychologie nicht. Obwohl – traurig, aber wahr – Chomsky (1959) keine Parodie ist, liegt der Schluss nahe, dass auch Chomskys Artikel vor allem deshalb akzeptiert wurde, weil die Herausgeber von Language mit der Verhaltenswissenschaft nicht vertraut waren und deshalb die zahlreichen Fehler Chomskys nicht bemerkten. Zudem dürften sie mit der mentalistischen Grundhaltung Chomskys übereingestimmt haben – bzw. sich überhaupt nicht haben vorstellen können, welche Alternativen zum Mentalismus es geben könnte.

Seine Missverständnisse bezüglich des Inhalts von Verbal Behavior sollten angesichts von Chomskys (1959) defizitärer Vorbildung nicht überraschen. Jedoch werfen seine selektiven, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate ein ausgesprochen ungünstiges Licht auf Chomskys Redlichkeit als Wissenschaftler. Viele von Chomskys „Fehlern“ können nicht darauf zurückgeführt werden, dass Chomsky (1959) Skinners (1957) Terminologie nicht verstand, sondern sind eindeutige Belege dafür, dass er versuchte, „einen Fall zu konstruieren“.

Es wäre ebenso wenig redlich, wenn man Chomsky (1959) als einen Radikalen Behavioristen darstellt, wenn man folgende Zitate von ihm aus dem Zusammenhang herausreißt:

„Pavlovian and operant conditioning are processes about which psychologists have developed real understanding“ (p. 38).

“Reinforcement undoubtedly plays a significant role [in language acquisition]…” (p. 43).

Nicht minder verfälschte Chomsky (1959) Skinners (1957) Gedanken. Die mindere Qualität seiner Besprechung sagt aber auch viel über die Wissenschaftler aus, die er mit diesem Artikel beeinflussen konnte und die ihn noch heute als Initiator der „kognitiven Wende“ betrachten.

Literatur

Adelmann, Barry Eshkol. (2007). An underdiscussed aspect of Chomsky (1959). The Analysis of Verbal Behavior, 23, 29-34. PDF, 196 KB

Barsky, R.F. (1997). Noam Chomsky: A life of dissent. Cambridge, MA: The MIT Press.

Chomsky, N. (1959). Review of Skinner’s Verbal Behavior. Language, 35, 26-58.

Hull, C.L. (1943). Principles of behavior: An introduction to behavior theory. New York: Appleton-Century-Crofts.

MacCorquodale, K. (1970). On Chomsky’s Review of Skinner’s Verbal Behavior. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 13(1), 83-99.

Miller, N.E. & Dollard, J. (1941). Social learning and imitation. New Haven, CT: Yale University Press.

Richelle, M. (1976). Formal analysis and functional analysis of verbal behavior: Notes on the debate between Chomsky and Skinner. Behaviorism, 4, 209-211.

Skinner, B.F. (1950). Are theories of learning necessary? Psychological Review, 57, 193-216.

Skinner, B. F. (1957). Verbal Behavior. Acton: Copley Publishing Group.

Sokal, A. (1996a). Transgressing the boundaries: Toward a transformative hermeneutics of quantum gravity. Social Text, 46/47, 217-252.

Sokal, A. (1996b). A physicist experiments with cultural studies. Lingua Franca, May/June 1996, 62-64.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik, Sprache, Verhaltensanalyse

6 Antworten zu “Chomsky und die wissenschaftliche Redlichkeit

  1. Einstein

    Tatsächlich hat Chomsky sein Review übrigens auf Basis des Skripts zu Skinners Verbal Behavior-Vorlesung geschrieben. Noch ein Grund weniger, sich über Missverständnisse zu wundern. (Quelle habe ich gerade nicht zu Hand, müsste eines der MacCorquodale-Papers sein)

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