Schizophrenie und Impulsivität

Die „Impulsivität“ einer Person lässt sich (auch) so bestimmen: Impulsive Menschen ziehen eine kleinere Belohnung, die sie gleich bekommen einer größeren Belohnung, die sie später erhalten vor. Dieses Nicht-Abwarten-Können bezeichnet man auch als „Verstärkerabwertung“. So aufgefasst, lässt sich das Ausmaß der Impulsivität sehr gut und präzise messen. In den entsprechenden Versuchen wird die Versuchsperson z. B. vor die Wahl gestellt, entweder einen Betrag von 1000 € in einem Jahr zu bekommen oder einen geringeren Betrag sofort. Je geringer der Betrag sein kann, den sie sofort erhält, desto größer ist das Ausmaß der Verstärkerabwertung. „1000 € in einem Jahr“ sind für eine bestimmte Person z. B. gleich viel wert wie „100 €“ sofort. Das Ausmaß der Verstärkerabwertung ist von vielen situativen und auch personenbezogenen Faktoren abhängig.

Eine verbreitete Theorie besagt, dass das Verhalten von Menschen, die an Schizophrenie leiden, stärker als bei anderen Menschen durch die unmittelbare Umwelt bestimmt wird (Salzinger, 1984). Zudem unterliegen Schizophrene der Verstärkerabwertung in einem größeren Ausmaß als andere Menschen (Heerey et al., 2007; 2010). Das Gleiche gilt für Drogensüchtige, Kinder mit ADHS und Spielsüchtige.

Dabei ist unklar, woher dieser Zusammenhang rührt. Ist die größere Verstärkerabwertung eine Ursache oder eine Folge der Schizophrenie (z. B. der medikamentösen Behandlung)? Zudem haben die bisherigen Studien zum Zusammenhang von Verstärkerabwertung und Schizophrenie immer nur die Abwertung hypothetischer Geldbeträge über die Zeit hinweg betrachtet. Weatherly (2012) untersuchte daher das Ausmaß der Verstärkerabwertung bei einer Gruppe von Versuchspersonen, die die (noch) nicht an Schizophrenie erkrankt waren. Dabei testete er das Ausmaß der Verstärkerabwertung in verschiedenen Bereichen, nicht nur bei Geldbeträgen.

Die Teilnehmer seiner Untersuchung waren 272 Psychologiestudenten in den ersten Semestern (224 davon weiblich). Die Teilnehmer sollten zunächst einen Fragebogen zu ihren schizotypischen Eigenschaften ausfüllen. Der SPQ (Schizotypal Personality Questionaire; Raine, 1991) beinhaltet neun Subskalen, darunter „Beziehungsideen“, „Soziale Angst“, „Magisches Denken“ u. a. m. Die Aufgaben zur Verstärkerabwertung waren:

  1. Jemand schuldet mir $ 1.000
  2. Jemand schuldet mir $ 100.000
  3. Meine jährliche Rente
  4. Mein Idealgewicht durch Diät und Sport erreichen
  5. Eine medizinische Behandlung für eine schwere Erkrankung erhalten.

Die Versuchspersonen sollten jeweils angeben, wie viel Prozent vom Ganzen (z. B. vom ganzen Geld, vom idealen Körpergewicht, von einer 100 % erfolgreichen Behandlung) sie bereit waren zu akzeptieren, wenn sie es sofort erhielten anstatt in

  • 6 Monaten
  • 1 Jahr
  • 3 Jahren
  • 5 Jahren oder
  • 10 Jahren.

Somit mussten die Versuchspersonen insgesamt 25 Fragen zur Verstärkerabwertung beantworten.

Der Gesamtwert des SPQ korrelierte nicht mit der Verstärkerabwertung, in keinem der fünf Bereiche. Einzelne Subskalen des SPQ korrelierten mit einigen der Fragen zur Verstärkerabwertung, jedoch in keiner systematischen Weise.

Die Antworten zur Verstärkerabwertung entsprachen ansonsten den Erwartungen. So war z. B. die Verstärkerabwertung bei dem kleineren Geldbetrag ($ 1.000) größer als beim größeren Geldbetrag ($ 100.000), so wie dies auch in anderen Studien bereits festgestellt wurde.

Anscheinend, so Weatherly (2012) ist der Zusammenhang zwischen Schizophrenie und größerer Verstärkerabwertung eine Folge und nicht eine Ursache der Erkrankung. Vorausgesetzt werden muss, dass Personen, die beim SPQ hohe Werte erreichen, mit größerer Wahrscheinlichkeit später schizophren werden als solche, die niedrige Werte erzielen. Ob dies tatsächlicher Fall ist, scheint noch nicht hinreichend geklärt. Einschränkend muss zudem festgehalten werden, dass die Stichprobe von Weatherly (2012) im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eher unterdurchschnittliche Werte im SPQ erreichte, die Gruppe der tatsächlich von einer drohenden Schizophrenie Gefährdeten also unterrepräsentiert sein dürfte.

Literatur

Heerey, Erin A.; Matveeva, Tatyana M. & Gold, James M. (2011). Imagining the future: Degraded representations of future rewards and events in schizophrenia. Journal of Abnormal Psychology, 120(2), 483-489.

Heerey, Erin A.; Robinson, Benjamin M.; McMahon, Robert P. & Gold, James M. (2007). Delay discounting in schizophrenia. Cognitive Neuropsychiatry, 12(3), 213-221.

Raine, A. (1991). The SPQ: A scale for the assessment of schizotypal personality based on DSM-III-R criteria. Schizophrenia Bulletin, 17, 555-564.

Salzinger, K. (1984). The immediacy hypothesis in a theory of schizophrenia. In W. D: Spaulding & J. K. Cole (Eds.), Nebraska symposium on motivation: Theories of schizophrenia and psychosis (pp. 98-128). Lincoln: University of Nebraska Press.

Weatherly, Jeffrey N. (2012). The association between delay discounting and schizotypal personality characteristics in a nonclinical sample. The Psychological Record, 62(3), 529-540.

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Eingeordnet unter Psychologie, Verhaltensanalyse, Verstärkung

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