Schläfst Du schon?

Menschen, die an Schlafstörungen leiden, überschätzen oft das Ausmaß ihrer tatsächlichen Schlaflosigkeit: Sie meinen, wach zu sein, obwohl sie in Wahrheit schlafen. Warum ist das so? Allison Harvey und Nicole Tang (2012) suchten nach einer Erklärung.

Fritzi_schlafend_130318Etwa 6 % aller Erwachsenen leiden an Schlafstörungen. Unter Schlafstörungen versteht man überdauernde Schwierigkeiten einzuschlafen, durchzuschlafen, zu frühes Aufwachen oder dauerhaft nicht-erholsamen Schlaf, obwohl die Möglichkeit zum Schlafen bestand. Faktoren, die zu Schlafstörungen beitragen, sind:

  • zu viel Zeit im Bett verbringen, um zu versuchen zu schlafen.
  • unregelmäßige Schlaf-Wach-Rhythmen.
  • Lebensstilfaktoren wie Koffein- und Alkoholkonsum.
  • unrealistische Vorstellungen darüber, wie Schlaf sein muss
  • Sorgen und Grübelei
  • selektive Aufmerksamkeit gegenüber Bedrohungen
  • Auffälligkeiten im EEG
  • Störungen des Hormonhaushalts
  • Störungen im Hirnstoffwechsel
  • anormale Gehirnaktivität

Als erfolgreiche psychotherapeutische Behandlung hat sich die kognitive Verhaltenstherapie erwiesen.

Hinzu kommt aber auch, dass viele Patienten das Ausmaß ihrer Schlafstörungen überschätzen. Bei einer gleichzeitigen EEG-Kontrolle zeigt sich etwa, dass der Zeitraum, den die Person im Schlaf verbrachte, oft deutlich größer ist, als von ihr selbst geschätzt. Viele Patienten überschätzen zudem die Zeitdauer, bis sie eingeschlafen sind. In bestimmten Schlafphasen meinen einige Patienten, sie seien wach gewesen, obwohl sie in Wirklichkeit geschlafen haben. Nur sehr wenige Patienten meinen umgekehrt, sie haben geschlafen, wenn sie tatsächlich wach gewesen sind. Zu dieser Fehlinterpretation scheinen auch die Umstände des Schlafes beizutragen. Wer häufig auf die Uhr sieht, neigt eher dazu, seine Schlafdauer zu unterschätzen. Menschen die an Schlafstörungen leiden, scheinen erst mit Eintritt des Tiefschlafs davon überzeugt zu sein, dass sie schlafen; „gesunde“ Menschen empfinden gerade beim Einschlafen schon die ersten Schlafstadien als Schlaf. Eine weitere Erklärung besteht darin, dass Menschen mit Schlafstörungen dazu neigen könnten, ihr Problem zu übertreiben. Allerdings sind die Patienten wohl tatsächlich überzeugt, nicht genug Schlaf zu bekommen, ein bewusstes Übertreiben scheidet wohl aus. Menschen mit Schlafstörungen können Zeitverläufe genauso gut einschätzen wie andere; auch diese Erklärung scheidet aus. Sich Sorgen zu machen, scheint tatsächlich das subjektive Zeitempfinden zu verändern. Wer grübelt, meint, dass mehr Zeit vergangen ist als jemand, der in derselben Zeitspanne keine grüblerischen Gedanken hatte. Dies trifft ebenso auf Menschen zu, die sehr auf ihren körperlichen Zustand achten oder auf Merkmale der Umgebung (wie etwa die Uhr). Eine Bestätigungstendenz scheint auch für die Überzeugung, dass man zu wenig schlafe zu wirken. Bei der Erinnerung an die letzte Nacht spielt der gegenwärtige emotionale Zustand eine Rolle. Wenn ich meine, dass ich kaum Schlaf gefunden habe, erinnere ich mich vornehmlich an die Wachphasen. Auch der Rückschaufehler macht sich bemerkbar. Die Erinnerung an die letzte Nacht wird von der schlimmsten Nacht (mit dem wenigsten Schlaf) verzerrt. Eine erhöhte physiologische Aktivierung ist häufig bei Schlafstörungen. Bei erhöhter Aktivierung scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Auch normale Schläfer erwachen mehrmals in der Nacht für kurze Zeit, ohne sich daran zu erinnern. Menschen mit Schlafstörungen scheinen sich eher an diese kurzen Wachphasen zu erinnern.

Menschen mit Schlafstörungen reagieren unterschiedlich auf Placebos und echte Schlafmittel. Wenn sie ein Placebo nahmen, berichteten nur 30 % der Patienten mit Schlafstörungen, sie hätten geschlafen, wenn man sie nachts aus dem Schlaf weckte. Wenn sie ein Schlafmittel nahmen, lag dieser Prozentsatz bei bis zu 97 %. Der Unterschied zwischen Placebo und Verum war bei den Menschen ohne Schlafstörungen deutlich geringer. Harvey und Tang (2012) meinen, dass Schlafmittel womöglich nicht so sehr den Schlaf, sondern vielmehr die Wahrnehmung, ob man schlafe oder nicht, beeinflussen.

Literatur

Harvey, Allison G. & Tang, Nicole K. Y. (2012). (Mis)perception of sleep in insomnia: A puzzle and a resolution. Psychological Bulletin, 138(1), 77-101.

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