Wider den Mentalismus 1

Unsere Sprache fördert den Mentalismus, die Annahme, dass es in unseren Köpfen ein „Bewusstsein“ oder ein „Gedächtnis“ gibt, das aus uns heraus handelt. Tatsächlich aber handeln wir und wir erinnern uns dabei oder wir denken dabei nach. Der Denkfehler, der dem Mentalismus zugrunde liegt, ist die Reifikation, die Verdinglichung von Handlungen.

Die meisten Verhaltensanalytiker finden die kognitive Terminologie für eine wissenschaftliche Untersuchung des Verhaltens untauglich. Samuel Deitz (1986) vertritt den Standpunkt, dass kognitive Ausdrücke tatsächlich nur Verhalten in einem bestimmten Kontext beschreiben.

Die meisten kognitiven Ausdrücke sind sogenannte Idiome. Ein Idiom ist ein Ausdruck, der entweder grammatikalisch auffällig ist oder aber inhaltlich eine eigene Bedeutung hat, die sich nicht aus seinen Bestandteilen ableitet.

Besser nicht rauchen: KochschinkenSo ist etwa der Ausdruck „I stoped smoking cold turkey“ („ich habe das Rauchen ohne Hilfe komplett aufgehört“) ein inhaltliches Idiom, das man nicht mit der Frage „What do you smoke now, warm ham?“ beantworten sollte.

Kognitive Ausdrücke sind insofern grammatikalische Idiome, als sie überwiegend Substantive oder aus Substantiven abgeleitete Wörter anderer Wortarten sind. Substantive bezeichnen ursprünglich Personen, Orte oder Dinge. Kognitive Ausdrücke tun dies nicht. Die „Dinge“, die mit ihnen bezeichnet werden, sind in der Regel Handlungen. So ist der Satz „Ich habe meine Absichten geändert“ („I changed my mind“) nicht vergleichbar mit dem Satz „Ich habe meine Kleider geändert“ („I changed my shirt“). „Ich habe meine Absichten geändert“ bedeutet so viel wie „Ich werde nicht das tun, was ich ursprünglich im Begriff war zu tun (oder sagte, dass ich es tun werde)“. Sie beschreiben als Idiome nicht einen inneren Zustand (meine „Absichten“), sondern ein bestimmtes Verhalten (eine Verhaltensänderung) in einem bestimmten Umfeld.

Ein weiteres Problem mit kognitiven Ausdrücken ist, dass sie scheinbar Ursachen des Handelns benennen, in Wirklichkeit aber nur Gründe angeben. Deitz (1986) berichtet, dass er seinen 2,5-jähigen Sohn beobachtete, wie er seine 6 Monate alte Schwester, die gerade sitzen konnte, mehrmals anstupste, so dass diese umfiel. Er fragte seinen Sohn, warum er dies tue und dieser antwortet, er wisse es nicht. Dieser Fall ist typisch und er wirft ein Licht darauf, wie man Kindern beibringt, Gründe für ihr Handeln anzugeben. Die genannten Gründe sind aber nicht notwendigerweise die Ursache des Verhaltens. Hätte der Sohn angegeben, er stoße seine Schwester, weil er wütend auf diese sei, wäre dies eine Antwort, die als hinreichend akzeptiert worden wäre (im Gegensatz zu der wahren Aussage, dass er es schlicht nicht weiß – evtl. hat er die Schwester nur deshalb umgestoßen, weil diese Verhalten durch seinen Effekt automatisch verstärkt wurde; dies kann der 2,5-jährige aber nicht wissen, die wenigsten Erwachsenen wissen es). Natürlich hätten die Eltern nachgefragt, warum er wütend sei usw. – Dies soll aber hier außer Acht gelassen werden. Entscheidend ist: Der Grund, den der Sohn angibt, klingt wie eine Ursache. Ebenso klingt es wie eine Ursache, wenn man sagt, der Sohn habe die Schwester wegen der Geschwisterrivalität umgestoßen. Tatsächlich aber wäre das „wegen“ durch ein „ist“ zu ersetzen: Wenn Kinder u. a. ihre Geschwister umstoßen, nennt man das Geschwisterrivalität. Das eine ist aber nicht die Ursache des anderen.

Deitz (1986) legt mitnichten nahe, kognitive Ausdrücke generell in die Sprache der Verhaltensanalyse aufzunehmen. So sollte man nicht den Begriff „positiver Verstärker“ durch „Belohnung“ ersetzen. Dies wäre ein Schritt zurück. Jedoch kann man kognitive Ausdrücke sehr wohl in der Beschreibung abhängiger Variablen (in der Regel: des Verhaltens) benutzen, wenn man mit Laien kommuniziert. So kann man mehrere Fälle von Umstoßen usw. der Schwester als „Geschwisterrivalität“ zusammenfassen, so lange klar ist, dass man damit nicht die Ursache des Verhaltens benannt hat, sondern nur das Verhalten in seinem Kontext beschrieben hat.

Literatur

Deitz, Samuel M. (1986). Understanding cognitive language: The mental idioms in children’s talk. The Behavior Analyst, 9(2), 161-166. PDF 937 KB

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Eingeordnet unter Sprache, Verhaltensanalyse

2 Antworten zu “Wider den Mentalismus 1

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