Schädliche Autismustherapien?

Schadet die verhaltensanalytische Therapie bei Autismus den betroffenen Kindern? – Wohl kaum. Im Gegenteil ist es unethisch, einem betroffenen Kind aus ideologischen Gründen eine wirksame Behandlung zu verweigern.

Die verhaltensanalytisch fundierte Therapie ist die derzeit wirksamste Behandlungsmethode bei frühkindlichem Autismus. Ich habe das auf verhalten.org vor einiger Zeit schon einmal dargelegt. Mittlerweile hat sich die Zahl der Studien, die die Wirkung der Therapie nachweisen, vervielfacht, einen Überblick gibt es auf der Seite des Cambridge Center for Behavioral Studies. Über einige Studien gab es Diskussionen, was deren angebliche methodische Schwächen angeht. Angesichts der Evidenzlage für alle anderen Methoden in diesem Bereich sind dies jedoch lediglich Scharmützel am Rand des Geschehens. Jeder, der die methodische Qualität von Studien beurteilen kann, kommt nicht umhin anzuerkennen, dass diese Form der Therapie sehr wirksam bei der Behandlung der Probleme ist, die im Zusammenhang mit frühkindlichem Autismus auftreten können. Zusätzlich zur rein wissenschaftlichen Betrachtung der Wirksamkeit empfehle ich auch, die Sichtweise einer Mutter zu erfahren, die die lange Suche nach einer wirksamen Hilfe für ihr autistisches Kind durchlitt und schließlich die Verhaltensanalyse fand. Cathrine Maurice hat das in ihrem Erfahrungsbericht geschildert. Für weitere Informationen verweise ich auch auf die Association for Behavior Analysis Deutschland – Deutsche Gesellschaft für Verhaltensanalyse e. V.

Mit Interesse vernahm ich jetzt, dass es gegen „ABA“ (das Kürzel wird zu Unrecht mit der verhaltensanalytischen Autismustherapie gleichgesetzt, in Wahrheit umfasst die „Applied Behavior Analysis“ wesentlich mehr) nicht nur die „üblichen“, m. E. erwartbaren Vorbehalte von Seiten der Anhänger alternativer Verfahren gibt. In vielen Ländern, auch in Deutschland, hat sich eine Szene von (angeblich) selbst Betroffenen gebildet, die sich gegen jede Form der „Therapie“ des Autismus verwehren. Kürzlich wurde sogar eine Online-Petition gestartet, deren Ziel es ist, „schädliche Autismustherapien“ zu verbieten. Interessanterweise betonen die Initiatoren dieser Petition in einer ergänzenden Stellungnahme, dass sie nicht missverstanden werden wollen: Die Petition richtet sich allein gegen die verhaltensanalytische Therapie. Die „tiergestützte Therapie“ und die gestützte Kommunikation werden explizit als positive Ansätze dargestellt. Anzumerken ist: Die Wirkung beider Verfahren ist, gelinde gesagt, umstritten. Die Delphintherapie ist m. E. größtenteils Esoterik und dient daneben als Existenzberechtigung für die oft als tierquälerisch gebrandmarkten Delphinarien. Informationen über die „gestützte Kommunikation“ finden Sie auf verhalten.org und auf den Seiten der GWUP.

An dieser Stelle muss man mal kurz innehalten und feststellen: Der frühkindliche Autismus, wie er mit „ABA“ behandelt wird, ist eine sehr tiefgreifende Kommunikationsstörung. Die betroffenen Kinder sind, wenn sie nicht behandelt werden, oft zu einem Leben in Einrichtungen für geistig behinderte Menschen bestimmt, unfähig zu sprechen oder sonst in Interaktion mit ihrer Umwelt zu treten. Die Herrschaften, die Internetseiten wie diese betreiben, können nicht diesem Personenkreis angehören.

Nichtsdestotrotz gerieren diese „Enthinderer“ sich als die Fürsprecher autistischer Kinder und meinen, diese davor bewahren zu müssen, durch eine ABA-Therapie misshandelt und geradegebogen zu werden. Gerne werden hier Vergleiche zu anderen Behinderungen gezogen. Einem Kind den Autismus „abzudressieren“ sei ähnlich wie und schlimmer als die früher übliche „Umerziehung“ von Linkshändern.

Nun bin ich selbst ein „umerzogener“ Linkshänder (was ich nicht meinen Eltern sondern den ältlichen Lehrerinnen verdanke, die ich in den frühen siebziger Jahren in der ersten und zweiten Klasse hatte). Ich kann hier aus Erfahrung sprechen. Ja, gezwungen zu werden, beim Schreiben die „schöne“ Hand zu benutzen, ist nicht gut. Ziemlich sicher schrieb ich deshalb mit einer rechten „Sauklaue“. Diese Sauklaue führte dazu, dass ich beinahe den Anschluss verpasst hätte, da die Lehrer meine Schrift oft nicht lesen konnten. Die Lehrerin, die ich in der dritten und vierten Klasse hatte, hatte das erkannt und mich in so weit gefördert, dass ich mit der rechten Hand wenigstens einigermaßen leserlich schreiben konnte (Danke, Frau Mohrbach, auch wenn Sie es nicht mehr lesen können…). Bei meinem Stiefsohn, der auch Linkshänder ist, haben meine Frau und ich deshalb sehr darauf geachtet, dass er mit Links schreiben darf und auch sonst alles mit der Hand machen darf, die ihm am besten liegt.

Die „Umerziehung“ bei Linkshändigkeit hatte bei mir zu einer objektiven Verschlechterung meiner Situation geführt: Ich kann z. B. noch immer viel schlechter schreiben als meine Schwester, deren modernere Lehrerin ihr gestattete, das Schreiben mit links zu lernen.

Der Vergleich der Umerziehung von Linkshändern mit der verhaltensanalytischen Therapie bei Autismus hinkt gewaltig: Autistische Kinder „autistisch“ sein zu lassen, verbessert ihre Situation nicht. Zudem gibt es keine Möglichkeit, die fehlende Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren, auszugleichen, so wie z. B. eine Linkshänderschere für mich eine Hilfe darstellt, um in der Welt der Rechtshänder zu bestehen. Der Vergleich würde nicht so sehr hinken, wenn viele, durch die ABA-Autismustherapie „umerzogene“ Kinder, später in ihrem Leben an dieser Umerziehung leiden würden und sich wünschen würden, sie wären nie „gezwungen“ worden, auf Ansprache zu reagieren, ihren Eltern in die Augen zu sehen und überhaupt das Sprechen zu lernen. Dies ist nicht der Fall.

Die Autisten-Enthinderer ziehen weitere Vergleiche: Man habe früher ja auch schwerhörige und taube Kinder gezwungen, von den Lippen zu lesen, heute lässt man sie die Zeichensprache erlernen. Das ist gut so und man sollte überhaupt schwerhörige und gehörlose Kinder alle Förderung und Zuwendung zuteilwerden lassen, die möglich ist. Nicht hören zu können, hat ohne weitere Hilfen zur Folge, dass man von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen bleibt.

Durch Cochlea-Implantate ist es in vielen Fällen möglich, eine Schwerhörigkeit mehr oder weniger zu heilen. Ein Kind mit „CI“ hört oft normal und benötigt weder das Lippenlesen noch die Zeichensprache. Eltern schwerhöriger Kinder und diese Kinder selbst, die mit einem Cochlea-Implantat versorgt sind, würden jeden, der das CI als „den Willen des Kindes brechen“ und „Geradebiegen“ bezeichnet, für verrückt erklären.

Ich gehe soweit und behaupte nun, die ABA-Autismustherapie ist das Cochlea-Implantat des frühkindlichen Autismus. Denn ABA ermöglicht Menschen, die dies ohne ABA nicht erreicht hätten, eine Teilhabe an der Gesellschaft und am Arbeitsleben.

Noch ein Veranstaltungshinweis: Auf der 22. Konferenz der Gesellschaft für die wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften, der GWUP e. V., die vom 9. bis 11. Mai 2013 in Köln stattfindet, geht es um „Pseudotherapien“. Ein Vortrag dort macht mich jetzt schon neugierig. Jan Oude-Aost wird über „Pseudomedizin bei Autismus“ referieren. Wer sich für die Konferenz interessiert, kann sich auf den Seiten der GWUP anmelden.

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14 Kommentare

Eingeordnet unter Autismus, Kritik, Verhaltensanalyse

14 Antworten zu “Schädliche Autismustherapien?

  1. Bohdan von Orlonsky

    Ich gehöre meit meinem Asperger-Syndrom zu den Autisten, jedenfalls nach jetziger Definition. Ich möchte weder „geheilt“ noch „thearpiert“ werden, d. h. ich möchte ich bleiben. Laßt uns doch einfach nur in Ruhe!
    (Böswillig könnte ich sagen: H. sapiens war ein Pilotprojekt. H. aspergensis wird ihn ablösen.)

    • B. v. Orlonsky

      Ich bin da mißverstanden worden. Natürlich muß man autistische Kinder therapieren, und natürlich mit dem erwähnten esoterischen Geschwurbel. Aber wir Aspies kommen auch so zurecht, jedenfalls die meisten von uns. Und in gewisser Weise gelingt vielen von uns auch eine Art Selbsttherapie.

      • B. v. Orlonsky

        Da fehlt ein „nicht“ bzgl. der Esoterik

      • „Autismus“ ein weites Feld und ob man wirklich jedes Kind, dass irgendwann mal eine Diagnose „Autismus“ verpasst bekommen hat, therapieren *muss*, wage ich zu bezweifeln. Mir ging es mit diesem Blogbeitrag nur darum:
        1. Die Initiatoren der Petition behaupten, ABA sei nicht wissenschaftlich belegt, stellen ABA auf eine Stufe mit der „Festhaltetherapie“ und ähnlichem Unfug und unterstellen zuletzt, das Prinzip von ABA bestände darin, die Kinder mehr oder weniger zu misshandeln. All das ist schlicht und einfach falsch.
        2. Darüberhinaus fordern die Initiatoren, dass ABA verboten werden soll. Das bedeutet, den Kinder wird die Möglichkeit genommen, diese Therapie in Anspruch zu nehmen. Dies halte ich in Anbetracht von 1. für inhuman.

  2. Bleiben Sie wie Sie sind, wenn Sie das wollen. Anscheinend können Sie zumindest einen Blogbeitrag lesen (haben Sie ihn gelesen?) und einen Kommentar schreiben. Anmaßend aber fände ich es, einem Kind, dass nicht in der Lage ist, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, eine wirksame Behandlung vorzuenthalten (die Initiatoren der Petition wollen ABA verbieten), nur weil man einer schrägen Ideologie anhängt.

  3. Hallo!
    Schöner Artikel! Mittlerweile wird ABA auch zunehmend von Eltern von Kindern mit DS mit gutem Erfolg ausprobiert (weil sie häufig auch autistische Züge aufweisen bzw in schweren Fällen auch als Autisten diagnostiziert werden). Ein Verbot dieser Therapie, in einem Bereich, wo es eh wenig gibt, was überhaupt hilft, wäre fatal.

    Leider sind die „Esos“ ja manchmal wortgewaltiger im Internet als die Stimme der „Aufklärung“

  4. Alexandra

    Ich muss mich schon wundern was sich da unter den selbsterannten Autisten auftut ganz ehrlich nicht ener einziger der sich selbst so bezeichnet hat eine chte Diagnose ich finde das umverschämt und bin nah dran diesen leuten eine anzeige an dem hals zu knallen, echte autisten brauchen hilfe …ohne diskussion …. Jeder der hier seinen blöden senf gegen ABA loslegt und behauptet er ist Autist soll seine Diagnose vorlegen. Grrrr da bekomme ich so eine wut, welche idioten sich hier im netz so rumtreiben …

  5. Lisa

    Alexandra den Eindruck habe ich auch. Was diese so genannten Enthinderer da so vertreten, ist viel zu offensiv, dass es von Autisten stammen könnte. Kennen tu ich jedenfalls keinen anderen Autisten, der so schreiben würde. Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen ABA. Das Zuviel macht das Gift. Und das richtige Maß ist bei jedem anders. Manche brauchen mehr, um nur ansatzweise zurecht zu kommen, andere wie ich relativ wenig. Besonders schlimm bei mir ist das Thema Behörden – wenn man da nur einen großen Bogen drum machen könnte. Die haben meistens nicht viel Ahnung (es sei denn ich war nicht die erste Autistin). Bei mir haben sie mit 14 oder 15 Asperger diagnostiziert.

  6. Pingback: Ich bin ein Pseudowissenschaftler | Verhalten usw.

  7. ralf plaßmann

    ABA ist die beste Thrapie die es für Autismus gibt und sehr erfolgreich ist,
    dieses haben auch Fachgutachten der Uni Münster erwiesen.
    Mein Sohn ist 20 jahre alt und hat den Kanner Autismus, er kann
    sich FC mitteilen. Schaut einfach mal auf seiner Internetseite
    (Maximilian Plaßmann) viel spaß.

    Ralf Plaßmann

  8. Pingback: Autismus-Therapien in den Medien | Verhalten usw.

  9. Sehr geehrter Herr Bördlein,
    die Enthinderungsselbsthilfe hat auf Ihren Beitrag geantwortet.
    http://autisten.enthinderung.de/verbot_autismustherapie
    In der Tat lässt sich unter diesem Link nachlesen, dass die Enthinderungsselbsthilfe sich gegen Tiertherapie und gestützte Kommunikation richtet und diese gerade nicht, wie sie behaupten, als positive Ansätze darstellt. Sie stellen hier also tatsächlich eine klare Falschbehauptung auf. Die Enthinderungsselbsthilfe stellt sich auf der verlinkten Seite sehr klar gegen pseudowissenschaftliche Autismustherapien aller Art.
    Aus meiner Anwaltspraxis sind mir Menschen bekannt, die eine Autismusdiagnose haben und ohne Applied Behavior Analysis in der Lage dazu sind, ähnlich anspruchsvolle Tätigkeiten zu schaffen, wie es das Betreiben von Internetseiten wie die der Enthinderungsselbsthilfe ist. Allein eine Autismusdiagnose bedeutet keineswegs, dass eine Person zu Derartigem nicht in der Lage ist.
    Nicht nachvollziehbar ist es für mich, warum Sie auf „angebliche methodische Mängel“ in Studien nicht eingehen, sondern nur darauf hinweisen, dass alle anderen Therapien die gegen Autismus angeboten werden auf einer noch schlechteren Evidenzlage beruhen. Mit methodisch mangelhaften Studien lässt sich ein Wirksamkeitsnachweis nicht erreichen, auch wenn das auch für alle anderen verfügbaren Methoden in noch höherem Maße gilt.
    Wenn die Studien, die sie zum Wirksamkeitsnachweis der Applied Behavior Analysis heranziehen, unter methodischen Mängeln leiden, so ist das selbstverständlich relevant.
    Es kommt doch darauf an, ob die Applied Behavior Analysis nachweislich über den Placeboeffekt hinausgehende positive Wirkungen hat, die die negativen Wirkungen soweit überwiegen, dass diese Therapie empfohlen werden kann oder eben nicht. Ein mit methodisch fragwürdigen Studien geführter Nachweis ist nur ein angeblicher Nachweis.
    Dass Sie dann noch persönliche Einzelerfahrungen ins Feld führen erinnert an die Berichte zahlreicher „Alternativmediziner“ im Sinne von „wer heilt hat Recht“.
    Sollte es stimmen, dass „diese Form der Therapie sehr wirksam bei der Behandlung der Probleme ist, die im Zusammenhang mit frühkindlichem Autismus auftreten können“, dann können Sie sicher auch schildern, wer das wann und wie nachgewiesen hat und warum diese angeblichen Nachweise eben nicht an schweren bedeutsamen methodischen Mängeln leiden, sondern allenfalls an solchen, die vernachlässigbar sind.

    Interessant wird es doch erst, wenn man hier konkret wird und sich die Studien genauer ansieht.
    Was sagen Sie zu den Aussagen hier:
    http://blog.realitaetsfilter.com/2015/05/06/die-wissenschaft-von-aba

    Das klingt alles nicht nach einer besonders guten Evidenzbasis für die Wirksamkeit der Applied Behavior Analysis…

    Darüber hinaus ist natürlich relevant, ob auch die negativen Nebenwirkungen wissenschaftlich untersucht wurden und zu welchen Ergebnissen etwaige Studien hier gekommen sind.
    Sollte die Applied Behavior Analysis für Autistinnen und Autisten negative Nebenwirkugen haben, die verglichen mit den etwaigen positiven Wirkungen nicht hinnehmbar sind, so sollte die Methode in der Tat verboten werden.

    Die Enthinderungsselbsthilfe jedenfalls trägt vor, dass es durch die Applied Behavior Analysis bei Menschen, die die Therapie erlebt haben zu schweren psychischen Schäden gekommen sei und nennt nachvollziehbare und logische Erklärungen, warum hier ein Kausalzusammenhang gegeben sein kann.

    Werden Sie hierzu noch Stellung nehmen?

    Mit freundlichen Grüßen,

    Luisa Milazzo
    Rechtsanwältin

  10. Danke für diesen guten Artikel.

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