Persönlichkeitsdimensionen sind nicht universell

Die angeblich empirisch gut bestätigten fünf grundlegenden Dimensionen der Persönlichkeit – Neurotizismus, Introversion – Extraversion usw. – sind mehr ein Produkt der Lebensumstände als eine angeborene Konstante.

Das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitspsychologie gilt als universell. Jeder Mensch lässt sich demnach anhand von fünf Dimensionen beschreiben, die auch als die „großen Fünf“ (Big Five) bezeichnet werden. Für diese fünf Persönlichkeitsdimensionen gibt es mittlerweile etablierte Testverfahren. Die Dimensionen werden folgendermaßen bezeichnet:

  1. Neurotizismus: Damit wird das Ausmaß emotionaler Instabilität bezeichnet.
  2. Inroversion-Extraversion: Manche Menschen sind lieber für sich (introvertiert), andere sind geselliger.
  3. Offenheit für Erfahrungen: Diese Dimension bildet ab, wie sehr sich eine Person für neue Erfahrungen interessiert, wie experimentierfreudig sie ist usw.
  4. Verträglichkeit: Menschen mit hoher Verträglichkeit kommen gut mit anderen zurecht, Menschen mit geringer Verträglichkeit sind eher egozentrisch.
  5. Rigidität: Diese Dimension steht u. a. für das Ausmaß an Gewissenhaftigkeit einer Person.

Allgemein wird immer wieder hervorgehoben, wie allgemeingültig die „Big Five“ wären. Selbst bei Schimpansen will man diese fünf Persönlichkeitsfaktoren gefunden haben (King & Figueredo, 1997). Selbstverständlich soll auch die individuelle Ausprägung der fünf Dimensionen bei Menschen zu 50 % erblich sein (Bouchard & McGue, 2003).

Gruven et al. (2013 kritisieren, dass die meisten Stichproben, an denen die Gültigkeit des Fünf-Faktoren-Modells getestet wurde, aus den städtischen, eher gebildeten Schichten der Bevölkerung stammen. Diese WEIRD-Populationen (WEIRD steht für western, educated, industrialized, rich, democratic) sind nicht gerade repräsentativ für die meisten Menschen in der meisten Zeit der menschlichen Entwicklung. Sie prüfen daher das Modell an insgesamt 1060 Angehörigen einer bolivianischen Volksgruppe, den Tsimane. Die Tsimane betreiben überwiegend Ackerbau, zum Teil jagen sie auch und sammeln Nahrung in den Amazonasurwäldern. Nur wenige Tsiname können lesen und schreiben. Gruven et al. (2013) verwendeten eine in die Sprache der Tsimane übersetzte spanische Version des Big Five Inventory (Benet-Matínez & John, 1998).

Die Autoren konnten das Fünf-Faktoren-Modell bei den Tsimane nicht bestätigen. Dies gelang weder für den Fall der Selbstbeschreibung (die Probanden sollten die Testfragen für ihre eigene Person beantworten) noch für die Fremdbeschreibung (die Fragen sollten für den Ehepartner beantwortet werden). Die Fünf Faktoren fanden sich auch nicht bei Tsiname, die Spanisch sprachen oder solchen, die lesen und schreiben konnten. Auch verschiedene Methoden der Datenaufbereitung förderten die Fünf Faktoren nicht zutage. Dies lag nicht an der Qualität des Messintrumentes. Einige Tsimane wurden zweimal befragt. Hierbei fanden die Autoren eine Retest-Reliabilität (ein Maß für die Übereinstimmung der Antworten bei der ersten und der zweiten Befragung) von 0,415. Das ist zwar niedriger als der gemeinhin in westlichen Populationen gefundene Wert von 0,65, aber bei weitem nicht bodenlos.

Schlicht und einfach scheint es die fünf angeblich universellen Dimensionen der Persönlichkeit bei diesem Volk nicht zu geben.

Auch von anderen Stichproben aus Entwicklungsländern wird berichtet, dass das Fünf-Faktoren-Modell dort nicht oder nur schwer repliziert werden konnte (McCrae et al., 2005).

Gurven et al. (2013) diskutieren kurz die möglichen Erklärungen dieses Ergebnisses. Die Ausprägung von Persönlichkeitseigenschaften scheint weit stärker von den Lebensumständen abzuhängen als man bislang annahm. Dies deckt sich auch mit der Haltung der Verhaltensanalyse zum Thema „Persönlichkeit“. „Persönlichkeit“ ist die Summe der Tendenzen, sich auf eine bestimmte Art verhalten. Diese Tendenzen werden durch die Lernerfahrungen, die eine Person im Lauf ihres Lebens macht, geformt. Zwei Personen, die unter sehr unterschiedlichen Bedingungen aufgewachsen sind und leben, werden andere Verhaltenstendenzen entwickeln.

Die relative hohe Erblichkeit der fünf Faktoren lässt sich auch durch andere Faktoren erklären, die nichts mit einer Vererbung von Vermutlich auch extravertiert: Starke MännerPersönlichkeitsmerkmalen im engeren Sinne zu tun haben. So weiß man, dass Männer, die stärker und attraktiver als der Durchschnitt der Bevölkerung sind, im Allgemeinen auch extravertierter sind (Lukaszewski & Roney, 2011). Wer stark und attaktiv ist, hat einfach größere Chancen, mit „extravertiertem“ Verhalten erfolgreich zu sein (z. B. von der menschlichen Umwelt so akzeptiert zu werden). Die „Erblichkeit“ der Persönlichkeitseigenschaften ist in diesem Fall nur ein Nebenprodukt der Erblichkeit von Körpermerkmalen. Im Übrigen gilt diese Erklärung der „Erblichkeit“ mentalistischer Konstrukte (wie „Persönlichkeitseigenschaften“ es sind) auch für die „Intelligenz“ und für zahlreiche psychische Erkrankungen, die ebenfalls hochgradig erblich sein sollen. Man vergleiche hier meine Ausführungen auf verhalten.org: Wer z. B. besonders hässlich ist, hat öfter psychische Probleme als normal aussehende Menschen; Mädchen, die besonders früh reif werden, machen (im Schnitt) früher sexuelle Erfahrungen und werden auch deshalb (im Schnitt) später häufiger psychisch krank . Das Aussehen und der Zeitpunkt der sexuellen Reife werden vor allem von den Genen bestimmt. Auch dies erzeugt die hohe „Erblichkeit“ psychischer Störungen (ein rein statistisches Maß). Ein eigenes „Gen für“ Depressionen oder „sexuelle Devianz“ braucht es dafür nicht.

Literatur

Bouchard, Thomas J. & McGue, Matt. (2003). Genetic and environmental influences on human psychological differences. Journal of Neurobiology, 54(1), 4-45. PDF 493 KB

Benet-Martínez, V. & John, O. P. (1998). Los Cinco Grandes across cultures and ethnic groups: Multitrait-multimethod analyses of the Big Five in Spanish and English. Journal of Personality and Social Psychology, 75, 729-750.

Gurven, Michael; von Rueden, Christopher; Massenkoff, Maxim; Kaplan, Hillard; Vie, Marino Lero. (2013). How universal is the Big Five? Testing the five-factor model of personality variation among forager-farmers in the Bolivian amazon. Journal of Personality and Social Psychology, 104(2), 354-370.

King, J. E. & Figueredo, A. J. (1997). The five-factor model plus Dominance in chimpanzee personality. Journal of Research in Personality, 31, 257-271.

Lukaszewski, A. W. & Roney, J. R. (2011). The origins of extraversion: Joint effects of facultative calibration and genetic polymorphism. Personality and Social Psychology Bulletin, 37, 409-421.

McCrae, R. R.; Terracciano, A. & 78 Members of the Personality Profiles of Cultures Project. (2005). Universal features of personality traits from the observer’s perspective: Data from 50 cultures. Journal of Personality and Social Psychology, 88, 547-561.

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