Verhaltensprobleme bei einem Schimpansen

Tiere in Gefangenschaft, z. B. im Zoo, zeigen gelegentlich sehr problematische Verhaltensweisen, die z. T. dazu führen, dass sie bestraft oder gar eingeschläfert werden. Verhaltensanalytiker kennen Methoden, die ohne den Einsatz von Strafen dazu führen, dass die Tiere das schwierige Verhalten ablegen.

SchimpanseMartin et al. (2011) berichten: Ein in Gefangenschaft lebender, 27 Jahre alter männlicher Schimpanse musste aufgrund seines Gesundheitszustandes einzeln, getrennt von den anderen Schimpansen gehalten werden. Hier hatte er Zugang zu Wasser und Futter. Sein Käfig war zudem mit Unterhaltungsmöglichkeiten (environmental enrichment) versehen. Dennoch zeigte der Affe zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten: Er warf mit Fäkalien und Objekten, er spukte, schrie und rüttelte am Käfig. Martin et al. (2011) vermuteten, dass dieses Verhalten durch die ihn betreuenden Menschen unbeabsichtigt gefördert wurde. Entweder geschah dies durch positive Verstärkung des unerwünschten Verhaltens, etwa indem die Betreuer dem Schimpansen Aufmerksamkeit schenkten (und sei es, indem sie ihn schimpften) oder aber indem sie ihm Futter oder Spielzeug gaben, um ihn zu beruhigen. Eine andere Möglichkeit war die negative Verstärkung des Problemverhaltens, z. B. weil die Menschen aus der Nähe des Käfigs flohen, sobald der Affe die o. g. Verhaltensweisen zeigte.

Dorey et al. (2009) hatten bereits bei einem Pavian zeigen können, dass die Aufmerksamkeit der Menschen das selbstverletzende Verhalten des Tieres verstärkte. Durch eine Kombination aus Extinktion (Ignorieren des unerwünschten Verhaltens) und der differentiellen Verstärkung eines anderen Verhaltens (Schmatzen mit Lippen) konnte das selbstverletzende Verhalten reduziert werden. Martin et al. (2011) verwendeten einen ähnlichen Ansatz, um die Ursachen für das Problemverhalten des Schimpansen zu analysieren und sodann das Verhalten zu verändern.

Analyse des Verhaltens

Zunächst wurde der funktionale Charakter des Verhaltens analysiert. „Funktional“ ist ein Verhalten dann, wenn es eine Funktion erfüllt, d. h. wenn das Tier durch das Verhalten eine bestimmte Konsequenz erreicht. Um dies zu prüfen, wurde die Häufigkeit der Problemverhaltensweisen unter drei verschiedenen Bedingungen beobachtet.

  1. Kontrollbedingung: Hier sprach der Betreuer fortlaufend mit dem Affen und gab ihm in regelmäßigen Abständen von einem zuckerfreien Fruchtsaft zu trinken.
  2. Positive Verstärkung: Hier wurde der Schimpanse jedes Mal, wenn er eine der genannten Verhaltensweisen zeigte, 20 Sekunden lang ermahnt und gelockt, zudem erhielt er 20 Sekunden lang Zugang zu einem Spender mit Fruchtsaft.
  3. Negative Verstärkung: Der Betreuer trug hier einen weißen Overall und hielt eine Spritze (mit aufgesetzter Kappe) alle 20 Sekunden für zwei Sekunden gegen den Körper des Schimpansen. Das Tier hatte gelernt, sich auf ein Zeichen hin an das Gitter zu begeben, sodass es eine Spritze bekommen konnte. Die Situation des Spritzens war für den Affen wohl nichts desto trotz unangenehm. Wenn der Schimpanse sich ruhig verhielt, wurde er gelobt. Wenn das Tier dagegen die erwähnten Verhaltensweisen zeigte, nahm der Betreuer sofort die Spritze weg und verließ den Bereich des Käfigs für 20 Sekunden. Der Affe konnte so durch sein Problemverhalten die Situation, „gespritzt“ zu werden, beenden.

Während der Kontrollbedingung (1) zeigte der Schimpanse im Schnitt 0,1 Problemverhaltensweisen je Minute, bei positiver Verstärkung (2) waren es 0,7 und bei negativer Verstärkung (3) 0,4. Dies legt nahe, dass das Problemverhalten des Affen funktionalen Charakter hatte und dass es vorrangig von positiver Verstärkung und zum Teil auch durch negative Verstärkung aufrechterhalten wurde. Dies gab den Forschern wichtige Hinweise, wie sie die Behandlung der Verhaltensprobleme angehen sollten.

Modifikation des Verhaltens

Die Forscher wählten die Kombination der Extinktion des Problemverhaltens (das Problemverhalten wurde ignoriert; andererseits führte es auch nicht dazu, dass eine evtl. für den Affen unangenehme Situation beendet wurde) und der differentiellen Verstärkung anderen Verhaltens (DRO). Letzteres bedeutete, dass während der Behandlung ein Plastikring (von 17 cm Durchmesser und 2,5 cm Stärke) am Käfiggitter hing. Das „andere Verhalten“ bestand darin, dass der Schimpanse diesen Plastikring mit mindestens zwei Fingern für mindestens zwei Sekunden festhalten sollte.

Auch die Wirkung der Behandlung wurde unter verschiedenen Bedingungen erprobt:

  1. Die Basisratenbedingung war gleich der Bedingung mit positiver Verstärkung (2) während der Analyse des Verhaltens.
  2. In der Extinktionsphase stand der Betreuer direkt vor dem Käfig und blickte vom Käfig weg, sobald der Affe die Problemverhaltensweisen zeigte. Auch wenn der Affe nach dem Ring griff, wurde dies ignoriert.

Unmittelbar vor der nächsten Phase wurde das Verhalten, den Ring zu greifen, durch die Verstärkung von sukzessiven Annäherungen an das Zielverhalten geformt (shaping) – sodass das Tier das Verhalten, nach dem Ring zu greifen, zuverlässig beherrschte.

  1. In der Phase „DRO und Extinktion“ ignorierte der Betreuer das Problemverhalten (wie in Phase 2), zusätzlich aber bekam der Schimpanse immer dann, wenn er das andere Verhalten (nach dem Ring greifen) zeigte, für 20 Sekunden Zugang zu einem Spender mit Fruchtsaft.
  2. Die Forscher erprobten auch, ob die Verhaltensänderung auf andere Situationen generalisierte. In dieser Phase stand neben dem Betreuer ein dem Affen unbekannter Mensch vor dem Käfig. Der Betreuer und der Fremde unterhielten sich. In Phase 4.1 wurde die Basisratenbedingung (1.) widerholt, in Phase 4.2 verhielt sich der Betreuer wie in Phase 3 (DRO und Extinktion) beschrieben.

In der Basisratenbedingung (1) zeigte der Schimpanse im Schnitt 1,4 Problemverhaltensweisen je Minute. Während der Extinktion (2) betrug dieser Wert immerhin noch 0,8. Diese relative hohe Zahl an Problemverhaltensweisen in der Extinktionsphase könnte ein Hinweis auf einen sogenannten Extinktionsausbruch sein. Das bedeutet, ein Verhalten, das auf einmal nicht mehr positiv verstärkt wird, tritt zunächst häufiger auf. Beim Extinktionsausbruch versucht das Tier gewissermaßen, die positive Verstärkung, die zuvor immer auf das Verhalten folgte, zu erzwingen. Wenn das nicht funktioniert, ebbt das Verhalten dann wieder über einen längeren Zeitraum hinweg ab. Sieht man sich die Grafik mit dem zeitlichen Verlauf der Häufigkeiten der Verhaltensweisen an, bestätigt sich dieser Verdacht (vgl. Fig. 1, untere Grafik in der Originalarbeit).

Einen durchschlagenden Erfolg brachte Phase 3: Wenn das Problemverhalten ignoriert und zugleich das alternative Verhalten, nach dem Ring zu greifen, positiv verstärkt wurde, zeigte der Affe nur noch 0,2 problematische Verhaltensweisen je Minute, ein Rückgang um 90 %.

Die Maßnahme funktionierte auch in Anwesenheit eines anderen Menschen (Phase 4). Zunächst, in der Wiederholung der Basisratenbedingung (4.1), betrug die Rate des Problemverhaltens 0,9 je Minute. In der Phase 4.2, als der Schimpanse in der Anwesenheit des Betreuers und des anderen Menschen bei Problemverhalten ignoriert wurde und immer dann, wenn er nach dem Ring griff, Fruchtsaft bekam, zeigte das Tier im Schnitt nur 0,2 Problemverhaltensweisen je Minute.

Martin et al. (2011) bestätigen die Wirkung von Extinktion und differentieller Verstärkung eines alternativen Verhaltens in der Behandlung von Verhaltensproblemen bei Zootieren. Solche Maßnahmen führen dazu, dass die Lebensqualität der Tiere sich verbessert. Ein Schimpanse, der nicht mit Kot wirft und schreit, sobald er einen Menschen sieht, wird öfter von den Pflegern angesprochen, die Menschen beschäftigen sich lieber mit ihm, er hat mehr Abwechslung. Wenn man schon meint, Primaten in Gefangenschaft halten zu müssen, sollte man ihnen wenigstens ein Umfeld bieten, das ihr Leben so angenehm als möglich macht. Verhaltensanalytische Methoden sind hier fast die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen.

Anmerkung: Ich frage mich ja, wie man in der Extinktionsbedingung ruhig dastehen kann, während der Affe mit Fäkalien wirft oder spuckt. Respekt für so viel Einsatz…!

Literatur

Dorey, Nicole R.; Rosales-Ruiz, Jesús; Smith, Richard & Lovelace, Bryan. (2009). Functional analysis and treatment of selfinury in a captive olive baboon. Journal of Applied Behavior Analysis, 42(4), 785-794.

PDF 313 KB

Martin, Allison L.; Bloomsmith, Mollie A.; Kelley, Michael E.; Marr, M. Jackson & Maple, Terry L. (2011). Functional analysis and treatment of human-directed undesirable behavior exhibited by a captive chimpanzee. Journal of Applied Behavior Analysis, 44(1), 139-143. PDF 156 KB

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Eingeordnet unter Tiere, Verhaltensanalyse, Verstärkung

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