Wie trainiert man Beobachter?

Beobachtertraining per Video ist genauso effektiv wie das Training in der realen Situation. Das Beobachten an Videoaufnahmen zu üben, ist aber effizienter, das Training kürzer.

Das Beobachten von Verhalten ist eine der Grundtechniken verhaltensanalytischen Arbeitens. Verhaltensanalytiker beobachten tatsächliches Verhalten, sie fragen nicht nur die betreffende Person oder eine dritte Person, was sie meint, wie oft wohl ein Verhalten auftritt. Besonders bei der Methode der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS) ist es unabdingbar, dass tatsächliches – sicheres und riskantes Arbeitsverhalten beobachtet wird. Oft beobachten sich die Mitarbeiter gegenseitig, so dass jeder Mitarbeiter seine Kollegen von Zeit zu Zeit beim Arbeiten beobachtet und den Kollegen dann Feedback gibt. Die Wirkung auf das sichere Verhalten der Mitarbeiter ist desto größer, je akkurater die Beobachtung ist.

Wie aber trainiert man Beobachter? Die Herausgeber des Journal of Applied Behavior Analysis meinen (nach Dempsey et al., 2012), zumindest sei eine mündliche oder schriftliche Instruktion des Beobachters erforderlich. Zudem sei Übung nötig: Entweder das angeleitete Beobachten im realen Umfeld oder das Beobachten von Verhalten auf Video. Aus der Forschung ist bekannt, dass der Transfer in die Praxis (die Generalisation auf neue Situationen) dem Beobachter leichter gelingt, wenn er im Training Verhalten beobachtet hat, das nicht vorhersagbar war (Mash & McElwee, 1974). Das spricht für ein Beobachtertraining „in vivo“, d. h. in realen Situationen, also z. B. das Beobachten der Kollegen am Arbeitsplatz, unter Anleitung eines Trainers oder alleine. Andererseits benötigt man länger, wenn man viele verschiedene (zum Teil irrelevante) Verhaltensweisen beobachtet (Bass, 1987). In der Praxis tun nun mal die Kollegen, die der Beobachter beobachten soll, viele verschiedene relevante (sicheres und riskantes Verhalten) und irrelevante Dinge (alles andere Verhalten, z. B. sich unterhalten, warten usw.). Wenn der Beobachter in der Praxis, „in vivo“ trainiert wird, dauert es einfach länger, bis er genügend relevantes Verhalten beobachtet hat, um gut beobachten zu können. Beim Beobachtertraining anhand von Videoaufnahmen kann man diese vorab so erstellen, dass der angehende Beobachter möglichst viel relevantes Verhalten sehen kann. Wenn er beim Beobachten von einem Trainer oder erfahrenen Beobachter angeleitet wird, lernt er schneller (Wildman et al., 1975). Der Trainer oder erfahrene Beobachter sieht einfach mehr relevantes Verhalten, er hat bereits den „Blick“ dafür.

Dempsey et al. (2012) untersuchten, ob sich ein Beobachtertraining „in vivo“ und eines anhand von Videoaufnahmen in ihrer Wirkung auf die spätere Qualität der Beobachtungen unterscheiden. 59 Studenten wurden zunächst in der Durchführung von Beobachtungen mittels einer Checkliste eine halbe Stunde lang unterrichtet. Anschließend übten 26 von ihnen das Beobachten von Verhalten (in diesem Fall das Verhalten eines Sprachtherapeuten und eines Klienten, mit dem dieser arbeitete) in der Praxis. Die anderen 33 Studenten sahen vorab angefertigte Videoaufzeichnungen der gleichen Situation. Das Training zog sich jeweils über mehrere Termine hin (das Durchführen von Beobachtungen war ohnehin Bestandteil des Lehrplans der Studenten). Sobald die Studenten ihre Beobachtungen bei mindestens sechs Terminen zu 90 % korrekt durchführten, war das Training beendet. Als korrekt galt eine Beobachtung, wenn sie mit den Beobachtungen von zwei geschulten Beobachtern übereinstimmte. Anschließend wurden alle Studenten getestet. Sie sollten drei Mal jeweils eine dreiminütige Videoaufzeichnung einer Therapiesitzung beobachten. Dabei wurde die Übereinstimmung ihrer Beobachtungen mit denen von zwei erfahrenen Beobachtern überprüft. Ein Teil der Studenten sollte zudem einen Monat nach Abschluss des Trainings das Verhalten von Therapeuten und Klienten in der Praxis beobachten.

Insgesamt ergaben sich in der Qualität der Beobachtungen zwischen der Gruppe, die „in vivo“ und der, die anhand von Videoaufzeichnungen trainiert wurde, keine Unterschiede. Im Schnitt betrug die Beobachterübereinstimmung in den Post-Tests sowohl bei der Videogruppe als auch bei der Gruppe, die „in vivo“ trainiert hatte, 86 %. Unterschiede gab es aber in der Effizienz des Trainings. Die Videogruppe hatte im Schnitt acht Trainingstermine benötigt, um als Beobachter kompetent zu werden, die „in vivo“ Gruppe benötigte dagegen durchschnittlich 22 Termine.

Der Vorteil eines Trainings „in vivo“ ist, dass man kaum etwas vorbereiten muss. Will man nur wenige Beobachter für einen speziellen Zweck trainieren, ist das Training „in vivo“ wohl das richtige. Trainiert man dagegen eine größere Gruppe von Beobachter für eine ähnliche Beobachtungsaufgabe, lohnt sich der Aufwand, Übungsvideos zu erstellen. Auf die Qualität der Beobachtungen hat es jedenfalls keine Auswirkungen.

Literatur

Bass, Roger F. (1987). Computer-assisted observer training. Journal of Applied Behavior Analysis, 20(1), 83-88. PDF 554 KB

Dempsey, Carrie M.; Iwata, Brian A.; Fritz, Jennifer N. & Rolider, Natalie U. (2012). Observer training revisited: A comparison of in vivo and video instruction. Journal of Applied Behavior Analysis, 45(4), 827-832. PDF 372 KB

Mash, E. J.,& McElwee, J. D. (1974). Situational effects on observer accuracy: Behavioral predictability, prior experience, and complexity of coding categories. Child Development, 45, 367-377.

Wildman, B. G.; Erickson, M. T. & Kent, R. N. (1975). The effect of two training procedures on observer agreement and variability of behavior ratings. Child Development, 46, 520-524.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter BBS, Verhaltensanalyse

2 Antworten zu “Wie trainiert man Beobachter?

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