Talentförderung im Jugendfußball durch Verhaltensanalyse

Die Spieltechnik von Schülern ließ sich durch individuelle Verstärker, die Anstrengungsbereitschaft durch eine Belohnung für die ganze Gruppe steigern.

BildIm Fußball wie in den meisten Sportarten werden die Kinder bestimmten Altersklassen zugeordnet, die entweder mit dem Schuljahr (September bis September) oder mit dem Kalenderjahr übereinstimmen. Zwei Kinder einer Altersklasse können daher bis zu 12 Monate im tatsächlichen Alter trennen. Gerade in jüngeren Jahren kann ein Kind innerhalb von 12 Monaten in der körperlichen Entwicklung enorme Fortschritte machen. Die älteren Kinder einer Altersklasse sind daher gegenüber den jüngeren Kindern derselben Altersklasse im Vorteil. Dies führt u. a. dazu, dass signifikant mehr ältere Kinder einer Altersklasse in Förderprogramme für besonders begabte Sportler aufgenommen und letztlich auch zu Profis werden (Helsen et al. 2005). Bei den 9 bis 16 Jahre alten Jungen, die bei der Britischen Fußballakademie gemeldet sind, waren 44 % im ersten Vierteljahr und 79 % im ersten Halbjahr der Altersklasse geboren. Nur 8 % waren im letzten Vierteljahr des Altersjahrgangs geboren. Diese Zahlen deuten darauf hin, dass den Vereinen sehr viele talentierte Spieler „durch die Lappen gehen“, einfach, weil sie in ihrem Jahrgang die Jüngsten sind.

Das Trainieren von Fußballnachwuchs ist, entgegen mancher Vorstellungen, tatsächlich noch immer eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Tradition und Intuition sind in der Praxis wichtiger als Forschungsergebnisse. Die Verhaltensanalyse hilft erfolgreich den weniger talentierten Menschen. Für besonders Begabte gibt es leider nur wenige erfolgreiche Anwendungen der Verhaltensanalyse. Holt et al. (2012) brachten den Eltern von neun 7 bis 8 Jahre alten Jungen bei, wie sie bestimmte, für den Trainingserfolg wichtige Verhaltensweisen der Kinder zählen konnten (u. a. das „Jonglieren“ mit dem Ball und die Zahl der Ballkontakte im Spiel). Sie versuchten, die Spieltechnik und die Anstrengungsbereitschaft der Kinder durch mehrere Maßnahmen, die sie nacheinander ergriffen, zu steigern. Zunächst wurden nur Ziele vereinbart, wie die Kinder ihre Leistung steigern konnten. Dies hatte auf die Leistung der Jungen keinen spürbaren Einfluss. Als wirksamer erwiesen sich individuelle Verstärker. Die Kinder erhielten die Autogrammkarte eines Profi-Spielers, wenn sie das Ziel erreichten. Diese Maßnahme führte zu Verbesserungen der Spieltechnik. Anschließend wurde auch die Leistung der Gruppe als Ganzes honoriert. Wenn die Kinder gemeinsam ein bestimmtes Ziel erreichten, konnten sie sich zusätzliche Spielzeit im Training verdienen. Dies führte dazu, dass die Anstrengungsbereitschaft der Kinder deutlich anstieg.

Die Studie ist auch aus dem Grund interessant, weil es den Forschern zuverlässig gelang, die Eltern als Beobachter für das Verhalten der Kinder einzusetzen. Wie jeder weiß, der schon einmal während eines Jungendtrainings an einem Fußballfeld vorbeigelaufen ist, stehen die Eltern (meist nur die Mütter) der kleinen Fußballspieler oft die ganze Zeit während des Trainings am Spielfeldrand und beobachten die Leistung ihrer Kinder ohnehin. Die fundierte Beobachtung des Spielerverhaltens erfordert somit keinen besonderen zusätzlichen Aufwand, wenn die Spielereltern als Beobachter geschult werden.

Literatur

Helsen, W. F.; Van Winckel, J. & Williams, A. M. (2005). The relative age effect in youth soccer across Europe. Journal of Sports Sciences, 23, 629-636.

Holt, Josh E.; Kinchin, Gary & Clarke, Gill. (2012). Effects of goal setting, individual and group contingencies on learning and effort by talented youth soccer players. European Journal of Behavior Analysis, 13(1), 5-24.

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