Wie belohnt man Hunde? Futter und menschliche Zuwendung im Vergleich

Wie kann man das Verhalten eines Hundes besser konditionieren? Durch Futter oder durch Lob und Streicheln? – Die Antwort ist für Hundehalter ernüchternd…

Die Hündin des Autors

Hunde zeigen erstaunliche Anpassungen an das Verhalten von Menschen (vgl. Udell & Wynne, 2008). Sie können menschlichen Gesten folgen (Udell et al. 2008) und sehen Menschen häufig an (Bentosela et al., 2008). Warum aber geben sich Hunde überhaupt mit Menschen ab? Feuerbacher und Wynne (2012) untersuchten die Frage, ob der Kontakt mit Menschen für Hunde ein primärer, ein konditionierter oder gar kein Verstärker ist. Ein primärer Verstärker ist ein solcher, der gewissermaßen „von sich aus“ wirkt (wie etwa Futter und Wasser). Ein konditionierter Verstärker muss dagegen erst dadurch zu einem Verstärker gemacht werden, indem er häufig mit einem primären Verstärker zusammen auftritt. Für Menschen ist z. B. Geld ein konditionierter Verstärker. Geld kann nur dann Verhalten verstärken, wenn es etwas wert ist – d. h. wenn man es gegen andere konditionierte und primäre Verstärker eintauschen kann.

Es gibt bereits einige Hinweise, dass Menschen für Hunde eine Art Verstärker sein können. So laufen Welpen schneller durch ein Labyrinth, wenn sich am Ende des Labyrinthes ein (passiver) Mensch befindet als wenn die letzte Kammer einfach nur leer ist (Stanley et al., 1965). Die Geschwindigkeit, mit der die Welpen das Labyrinth durchquerten, nahm aber über mehrere Versuche hinweg ab. Ein Mensch, der einfach nur dasitzt, scheint für Welpen keinen besonderen Anreizcharakter zu besitzen.

McIntire und Colley (1967) maßen die Zeit (Latenz), die Hunde benötigten, bis sie einem Kommando (Sitz, Platz, Komm, Bleib und Bei Fuß) folgten. Diese Latenzzeit wurde geringer (der Hund hörte schneller), wenn er gelobt wurde („Guter Hund!“) und für fünf bis zehn Sekunden gestreichelt wurde, nachdem er dem Kommando folgte. Wenn der Hund dagegen nur gelobt wurde, stieg die Latenzzeit über mehrere Versuche hinweg an. Demnach scheint das Streicheln ein positiver Verstärker zu sein. Das Experiment ist jedoch methodisch fragwürdig. Wenn der Hund dem Kommando innerhalb von 15 Sekunden nicht nachkam, wurde er nämlich vom Versuchsleiter in die gewünschte Position gezwungen. Dieses Zwingen dürfte ein Strafreiz für den Hund sein.

Physiologische Studien (Odendaal & Meintjes, 2003) zeigen, dass Hunde die im Schnitt 15 Minuten lang gestreichelt und gelobt wurden, danach erhöhte Anteile an Hormonen und Neurotransmitter aufweisen, die auf Wohlbefinden (Beta-Endorphin), Bindungsgefühle (Oxytocin und Prolactin), Hingezogensein (Beta-Phenylethylamin) und freudige Erregung (Dopamin) hindeuten.

Feuerbacher und Wynne (2012) untersuchten drei verschiedene Stichproben:

  • Hunde, die bei ihren Besitzern lebten.
  • Hunde, die sich seit mindestens 8 Monaten in einem Tierheim befanden.
  • Wölfe, die von Menschen großgezogen worden waren.

Sie verglichen die Wirkung von drei verschiedenen Verhaltenskonsequenzen:

  • Kleinen Futterstücken
  • Beidhändigem Nackenkraulen und Loben (soziale Verstärkung)
  • Extinktion (keine Reaktion auf das Verhalten)

Das Verhalten, das sie verstärken wollten, war das Anstupsen der Hand mit der Schnauze, ein relativ einfaches Verhalten. Gemessen wurden die Häufigkeit des Anstupsens und die Latenz, d. h. die Zeitspanne zwischen der letzten Verstärkung und dem nächsten Anstupsen. Die Forscher achteten darauf, dass das Futter immer nur mit der anderen Hand gegeben wurde. Wenn die Hunde Futter als Verstärker erhielten, war der Futterbeutel offen seitlich am Gürtel des Versuchsleiters, wenn sie soziale Verstärkung bekamen, war der Beutel verschlossen auf dem Rücken, unter der Extinktionsbedingung hatte der Versuchsleiter keinen Beutel bei sich. Die Versuchsleiter waren bei den Hunden, die zuhause lebten, ihre Besitzer, bei den Tierheimhunden die Autoren selbst und bei den Wölfen ein Mitarbeiter der Einrichtung (des Wolfsgeheges).

Man könnte vermuten:

  • Wenn die Zuwendung von Menschen bei Hunden ein primärer Verstärker ist, dann sollte sich das Verhalten von Hunden generell besser mit Nackenkraulen und Loben verstärken lassen als das Verhalten von Wölfen. Das Verhalten von Hunden aus dem Tierheim sollte besser mit Zuwendung verstärkt werden können als das von Hunden, die bei ihren Besitzern lebten. Tierheimhunde werden seltener gekrault und gelobt, was einer Deprivation von diesem Verstärker gleichkommt. Deprivation macht primäre Verstärker deutlich „wirksamer“ (wenn ein Tier hungrig ist, kann sein Verhalten mit Futter sehr gut verstärkt werden). Aber auch konditionierte Verstärker werden durch Deprivation wirksamer (wenn wir selten oder nie gelobt werden, freut uns auch ein kleines Lob schon sehr).
  • Wenn Zuwendung ein konditionierter Verstärker ist, dann sollte es keine großen Unterschiede zwischen Hunden und Wölfen geben. Das Verhalten von Hunden, die bei ihren Besitzern leben, sollte besser verstärkt werden können als das von Tierheimhunden, da erstere mehr Lernerfahrungen (Paarungen von primären Verstärkern und dem konditionierten Verstärker „Kraulen und Loben“) machen konnten.

Die Ergebnisse ließen sich v. a. vor dem Hintergrund der Verstärkung mit Futter, einem eindeutig primären Verstärker, interpretieren. Wenn menschliche Zuwendung ein primärer Verstärker wäre, müsste der Unterschied in der Verstärkerwirkung von Loben und Kraulen und Futter geringer ausfallen als wenn die Zuwendung ein konditionierter Verstärker ist.

Generell gelang bei allen Stichproben die Verstärkung mit Futter um ein Vielfaches besser als die Verstärkung mit Kraulen und Loben. Das Verhalten der von Menschen großgezogenen Wölfe konnte generell fast nur mit Futter verstärkt werden. Aber auch bei den Hunden gab es kaum einen Unterschied zwischen der Häufigkeit des Anstupsens, wenn dieses nur sozial verstärkt wurde und der Häufigkeit des Anstupsens, wenn der Versuchsleiter gar nicht reagierte (Extinktion). Die Tierheimhunde zeigten sich tendenziell etwas empfänglicher für das Loben und Kraulen (sie zeigten weniger Varianz in den Latenzzeiten, wenn sie gekrault und gelobt wurden als wenn der Versuchsleiter keine Reaktion zeigte).

Hunde scheinen von Natur aus nicht besonders empfänglich für menschliche Zuwendung zu sein. Man hatte dies vermutet, weil Hunde menschlichen Gesten folgen können, wenn sie Futter oder ähnliche Dinge suchen; Wölfe können das nicht (Hare et al., 2010). Diese Fähigkeit tritt sehr früh im Leben von Hunden zutage, dennoch scheint sie wohl erlernt zu sein.

Feuerbacher und Wynne (2012) geben vier mögliche Erklärungen für ihren Befund:

  1. Kurze menschliche Zuwendung ist generell kein Verstärker. Dagegen spricht, dass wenigstens die Tierheimhunde etwas mehr Verhalten zeigten, wenn sie gekrault und gelobt wurden, als in der Extinktionsphase.
  2. Menschliche Zuwendung ist ein konditionierter Verstärker, aber sie verliert schnell ihre Verstärkerwirkung, wenn sie nicht immer wieder mit primärer Verstärkung verknüpft wird.
  3. Menschliche Zuwendung ist für Hunde ein wirksamer Verstärker, es tritt aber schnell Sättigung auf. Oder aber, Zuwendung ist ein Verstärker, aber er ist so schwach, dass er nur wirken kann, wenn keine anderen Verstärker in der Nähe sind. Dieser Vermutung dürften wohl viele Hundebesitzer zustimmen: Lob wirkt schon, aber nicht, wenn irgendwo Futter zu riechen ist.
  4. Der große Unterschied zwischen Futter und menschlicher Zuwendung in dieser Studie ist eine Folge des Verhaltenskontrasts: Der zeitnahe Wechsel zwischen einem eher schwachen und einem eher starken Verstärker erhöht den Unterschied. Für sich allein genommen ist Zuwendung vermutlich doch kein so gänzlich schwacher Verstärker.

Innerhalb von Arten scheint soziale Verstärkung generell besser zu wirken als über die Artgrenzen hinweg. Haugan und McIntire (1972) konnten z. B. zeigen, dass die sprachlichen Laute von Babys durch Nahrung kaum verstärkt werden können. Imitierten die Forscher dagegen das sprachliche Verhalten der Kinder, wirkte dies sehr gut als Verstärker.

Die Ergebnisse von Feuerbacher und Wynne (2012) unterstützen den Einsatz von Futter im Tiertraining. Diese Informationen sind sicher auch für Tiertrainer von Belang, die ihren Klienten erklären müssen, warum Lob alleine nicht genügt, wenn man einem Hund etwas beibringen möchte.

Literatur

Bentosela, Mariana; Barrera, Gabriela; Jakovcevic, Adriana; Elgier, Angel M. & Mustaca, Alba E. (2008). Effect of reinforcement, reinforcer omission and extinction on a communicative response in domestic dogs (Canis familiaris). Behavioural Processes, 78(3), 464-469.

doi:10.1016/j.beproc.2008.03.004

Feuerbacher, Erica N. & Wynne, Clive D. L. (2012). Relative efficacy of human social interaction and food as reinforcers for domestic dogs and hand-reared wolves. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 98(1), 105-129. PDF 2,08 MB

Hare, B., Brown, M.; Williamson, C. & Tomasello, M. (2010). The domestication of social cognition in dogs. Science, 298, 1634-1636.

doi: 10.1126/science.1072702

Haugan, Gertrude M. & McIntire, Roger W. (1972). Comparisons of vocal imitation, tactile stimulation, and food as reinforcers for infant vocalizations. Developmental Psychology, 6(2), 201-209.

McIntire, Roger W. & Colley, Thomas A. (1967). Social reinforcement in the dog. Psychological Reports, 20(3), 843-846. PDF 130 KB

Odendaal, J. S. J. & Meintjes, R. A. (2003). Neurophysiological correlates of affiliative behavior between humans and dogs. Veterinary Journal, 165(3), 296-301.

doi:10.1016/S1090-0233(02)00237-X

Stanley, W. C.; Morris, D. D & Trattner, A. (1965). Conditioning with a passive person reinforcer and extinction in Shetland sheep dog puppies. Psychonomic Science, 2, 19-20.

Udell, Monique A. R.; Giglio, Robson F. & Wynne, Clive D. L. (2008). Domestic dogs (Canis familiaris) use human gestures but not nonhuman tokens to find human food. Journal of Comparative Psychology, 122(1), 84-93.

doi:10.1037/0735–7036.122.1.84

Udell, Monique A. R. & Wynne, Clive D. L. (2008). A review of domestic dogs’ (canis familiaris) human-like behavior : Or why behavior analysts should stop worrying and love their dogs. Journal of the Experimental Analysis of Behavior, 89(2), 247-261. PDF, 168 KB

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Tiere, Verhaltensanalyse, Verstärkung

2 Antworten zu “Wie belohnt man Hunde? Futter und menschliche Zuwendung im Vergleich

  1. Pingback: Anonymous

  2. Pingback: Hunde ziehen Futter dem Gestreichelt-Werden vor – Fast immer | Verhalten usw.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s