Brailleschrift lernen in 25 Minuten!

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Die „Blindenschrift“ in weniger als einer halben Stunde lernen? Geht das? Nun ja, nicht ganz. Aber man kann damit anfangen.

Die Brailleschrift zu erlernen, ist aufwändig und für die Menschen, die sie lernen müssen, oft frustrierend. Dennoch ist diese „Blindenschrift“ (oder Punktschrift) für viele Menschen mit hochgradiger Sehbehinderung oder Blindheit ein unverzichtbarer Zugang zur Welt. Zwar gibt es mittlerweile am Computer recht gute Möglichkeiten zur Sprachein- und –ausgabe. Doch ein vollwertiges, blindheitsgemäßes Arbeiten erfordert noch immer die Beherrschung der Brailleschrift. Studien (z. B. Ryles, 1996) zeigen, dass hochgradig sehbehinderte und blinde Menschen, die die Brailleschrift beherrschen öfter in Arbeit sind, höhere Bildungsabschlüsse erreichen und finanziell besser dastehen als diejenigen, die die Brailleschrift nicht beherrschen. Natürlich gibt es hier auch einen Selektionsfehler: In der Gruppe derjenigen Blinden und Sehbehinderten, die die Brailleschrift nicht gelernt haben, befinden sich auch die, die sie aus verschiedensten (auch gesundheitlichen und intellektuellen) Gründen nicht erlernen können. Vereinfacht ausgedrückt: Ein blinder Mensch, der zu krank ist, um die Brailleschrift zu erlernen, erreicht im Schnitt kein so hohes Einkommen wie ein gesunder Blinder, der die Brailleschrift beherrscht. Aber auch wenn man die solcherart „verzerrte“ Stichprobe in Rechnung stellt, zeigt sich, dass die Brailleschrift im Großen und Ganzen eine sehr wichtige Technik für die Teilhabe am Arbeits- und Gesellschaftsleben ist.

Vor diesem Hintergrund ist es bedenklich, dass der Anteil der hochgradig sehbehinderten und blinden Schüler, die die Brailleschrift erlernen, von 40 % im Jahr 1968 mittlerweile auf 9 % bis 22 % gesunken ist (in den USA; Braille Institut, 2010; Department of Field Services, 2009; National Federation of the Blind, 2009). Mehrfach wurde die Vermutung geäußert, dass dies an einem Mangel an qualifizierten Brailleschriftlehrern liegen könnte (Bell, 2010).

Es ist Konsens und m. E. auch selbstverständlich, dass ein Brailleschriftlehrer selbst die Brailleschrift lesen können sollte. Dabei muss der Lehrer die Brailleschrift nicht unbedingt mit den Fingern (taktil) lesen können, es reicht in den meisten Fällen aus, wenn er sie mit den Augen lesen kann.

Um überhaupt einen Anfang zu machen, ist es erforderlich, das Braillealphabet zu erlernen. Für jemanden, der bereits die „normale“ Schrift lesen kann, handelt es sich dabei  in der Sprache der Verhaltensanalyse um eine Äquivalenzaufgabe. Die Person lernt, in Anwesenheit von Stimulus A (z. B. dem Brailleschriftzeichen) den Stimulus B (den gedruckten Buchstaben) zu wählen (AB-Relation) und in Anwesenheit von Stimulus B den Stimulus C (den gesprochenen Laut) zu wählen (BS-Relation). Die Person zeigt eine Stimulusäquivalenz, wenn

  • sie in der Lage ist, gleiche Reize einander zuzuordnen (AA, BB, CC; reflexive Relation).
  • sie in Anwesenheit von B auch A und in Anwesenheit von C auch B wählt (symmetrische Relation).
  • sie in Anwesenheit von A auch C und in Anwesenheit von C auch A wählt (transitive Relation).

Toissaint und Tiger (2010) brachten vier hochgradig sehbehinderten Kindern (die zuvor schon die gedruckte Schrift gelernt hatten, deren Sehvermögen sich aber verschlechterte) bei, den entsprechenden gedruckten Buchstaben (B) zu wählen, wenn sie einen Braillebuchstaben (A) erstasteten und diesen dann auch beim Namen zu nennen (C).

Scheithauer und Tiger (2012) brachten vier normalsichtigen Studenten bei, die Braillebuchstaben (A) mit den Augen zu erkennen und sie ihren gedruckten Entsprechungen (B) zuzuordnen. Das Training bestand aus mehreren kurzen Einheiten, die die Versuchspersonen am Computer absolvierten. Insgesamt benötigten die Versuchspersonen für das ganze Training im Schnitt nur 24,4 Minuten. Zudem erfassten Sie, ob und in wie weit die Versuchspersonen nach diesem Training in der Lage waren, einen Brailletext vorzulesen, obwohl sie dies zuvor nicht geübt hatten.

In einem Vortest sollten die Versuchspersonen zunächst einen Text aus einer verbreiteten Testbatterie für Lesefähigkeit in gedruckter Schrift vorlesen (was allen mühelos und flüssig gelang). Ein anderer Text aus einem Lesefähigkeitstest wurde ihnen in Brailleschrift vorgelegt. Die Versuchspersonen konnten den Text nicht entziffern. Das eigentliche Training bestand in einem Computerlernprogramm, bei dem die Versuchsperson einen Braillebuchstaben einem von fünf möglichen gedruckten Buchstaben zuordnen sollten (in einer Art Multiple-Choice-Verfahren). Im Vortest erreichten die Versuchspersonen hier nur eine „Trefferquote“ von rund 20 % (was bei einer Zufallswahl zu erwarten war). Anschließend erhielten die Versuchspersonen Feedback. Wenn sie die richtige Antwort anklickten, erschien die Nachricht „Sehr gut! Das ist richtig“ auf dem Monitor. Wenn die Antwort falsch war, erschien „Nein. Die richtige Antwort lautet [z. B.] K“. Nach dem gesamten Training wurden die Versuchspersonen erneut getestet. Drei der Versuchspersonen erreichten nun beim Multiple-Choice-Test 100%, die vierte Versuchsperson erreichte 88 %. Zusätzlich wurde getestet, wie viele Wörter die Versuchspersonen nun in Brailleschrift lesen konnten (vor dem Training konnten sie ja kein einziges Wort lesen). Unmittelbar anschließend ans Training konnten die vier Versuchspersonen in fünf Minuten 2, 19, 21 und 38 Wörter lesen. Sieben bis 24 Tage später wurden die Versuchspersonen erneut getestet. Im Multiple-Choice-Test erreichten zwei der Versuchspersonen noch immer 100 %, eine erreichte 81 %, die vierte Versuchsperson 61 %. Eine Versuchsperson konnte kein Wort mehr in Brailleschrift lesen. Die anderen drei Versuchspersonen konnten 7, 10 und 23 Wörter lesen.

Das alles mag nicht sehr beeindruckend klingen, insbesondere für jemanden, der die Brailleschrift mit erheblich höherer Geschwindigkeit taktil lesen kann. Man sollte aber bedenken, mit wie geringem Aufwand die Leistung der Versuchspersonen erzielt worden war. Die Studie von Scheithauer und Tiger (2012) demonstriert die Effizienz verhaltensanalytischer Lehrmethoden. Deren Kernelemente sind:

  • Der Lernende muss aktiv sein (hier: nicht nur lesen, sondern vor allem die Fragen beantworten).
  • Er erhält unmittelbar Feedback.
  • Der Lernfortschritt geschieht in kleinen Schritten, sodass der Lernende so viele Erfolgserlebnisse wie möglich hat.
  • Es wird über-lernt,  d. h. der Lernende lernt so lange, bis er die geforderte Leistung flüssig zeigen kann. Wenn man eine Leistung (wie Lesen) flüssig beherrscht, kann man sie in der Regel auch im Alltag so anwenden, dass man damit Erfolgserlebnisse hat.

Mehr zu den verhaltensanalytischen Lehrmethoden auf verhalten.org.

Scheithauer und Tiger (2012) entwickeln das Programm zurzeit weiter. Das Training soll über das Internet verfügbar gemacht werden. Zudem sollen Einheiten entwickelt werden, mit denen man u. a. auch die Zeichensetzung und die Braille-Kurzschrift erlernen kann.

Literatur

Bell, E. (2010). U.S. national certification in literary braille: History and current administration. Journal of Visual Impairment & Blindness, 104, 489-498.

Braille Institute. (2010). Facts about sight loss and definitions of blindness. Retrieved from http://www.brailleinstitute.org/facts_about_sight_loss#5

Department of Field Services of the American Printing House for the Blind. (2009). Distribution of eligible students: Based on the federal quota census of January 01, 2007 (fiscal year 2008). Retrieved from http://www.aph.org/fedquotpgm/dist08.html

National Federation of the Blind. (2009). The braille literacy crisis in America: Facing the truth, reversing the trend, empowering the blind. Baltimore: Author. Retrieved from http://www.nfb.org/images/nfb/documents/word/The_Braille_Literacy_Crisis In America.doc

Ryles, R. (1996). The impact of braille reading skills on employment, income, education, and reading habits. Journal of Visual Impairment & Blindness, 90, 219-226.

Scheithauer, Mindy C. & Tiger, Jefrey H. (2012). A computer-based program to teach Braille reading to sighted individuals. Journal of Applied Behavior Analysis, 45(2), 315-327.

PDF 978 KB

Toussaint, Karen A. &Tiger, Jeffrey H. (2010). Teaching early braille literacy skills within a stimulus equivalence paradigm to children with degenerative visual impairments. Journal of Applied Behavior Analysis, 43(2), 181-194.

PDF 253 KB

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Pädagogik, Verhaltensanalyse

Eine Antwort zu “Brailleschrift lernen in 25 Minuten!

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