Monatsarchiv: Januar 2013

Wider die Neuro-Blender

Felix Hasler (2012) hat mit „Neuromythologie“ ein dringend notwendiges Buch vorgelegt, das sich an all jene wendet, die der Überzeugungskraft der bunten Bildchen der Neurowissenschaften erlegen sind. Die Neurowissenschaften gelten als die neuen Leitwissenschaften: Jede noch so banale These wird mit den Ergebnissen von Hirnscans belegt. Bei genauerer Betrachtung aber ist der Kaiser nackt.

Eine Frage an die Skeptiker: Wie nennt man eine Wissenschaft, deren Ergebnisse sich nicht reproduzieren lassen und deren Behauptungen oft unwiderlegbar (im Sinne Poppers) formuliert sind? Die sich unzuverlässiger Forschungsmethoden bedient, ihre Ergebnisse erst nach umfangreicher, extrem leicht manipulierbarer statistischer Aufbereitung gewinnt, zumeist ohne eine Ausgangshypothese gehabt zu haben, also nach der Methode des texanischen Scharfschützen? – So eine „Wissenschaft“ nennt man eine Pseudowissenschaft.

Hasler geht zwar nicht so weit, die Neurowissenschaften zu Pseudowissenschaften zu erklären, aber nach der Lektüre seines Buches ist dies die für mich angemessene Schlussfolgerung (zumindest für den Großteil der Neurowissenschaften). Er nennt sein Buch eine „Streitschrift“, dennoch ist es kein Pamphlet, sondern eine akribische Bestandsaufnahme, hundertfach mit Belegen untermauert. Er legt dar, dass man mit den Methoden der Hirnforscher (v. a. fMRT und PET) durchaus nicht „das Gehirn bei der Arbeit“ beobachten kann. Das, was die Scans zeigen, muss nicht nur interpretiert werden. Der Vorgang der Datengewinnung ist schon ausgesprochen fehleranfällig, ganz zu schweigen von der statistischen Auswertung (meine Meinung: Wo Statistik drin ist, kommt oft Humbug raus). Die Befunde, die produziert werden, sind entweder banal oder nicht replizierbar.

Ein noch größeres Problem als die Forschungsmethoden sind jedoch die Konzepte der Neurowissenschaften. Es scheint, als habe es über 100 Jahre Psychologie und vor allem die Verhaltensanalyse nie gegeben. Munter werden alltagspsychologische oder die mit ihnen korrelierenden „kognitiven“ Begriffe und Vorstellungen untersucht, ohne sich auch nur Gedanken zu machen, ob „Liebe“ und „Hass“ oder „soziale Wahrnehmung“ wirklich die angemessenen Untersuchungseinheiten für die bildgebenden Verfahren ist. Man sucht drauflos, in der Annahme, schon irgendwas im Hirn zu finden, dass „Liebe“ anzeigt.

Ich habe auf verhalten.org schon vor einigen Jahren die ebenfalls kritische Sicht der Verhaltensanalyse auf die kognitiven Neurowissenschaften wiedergegeben:

  • Eines der Hauptprobleme der kognitiven Neurowissenschaften liegt in der Übernahme ungeprüfter und unbeobachtbarer mentalistischer Konzepte (wie „mentales Vorstellen“). Die kognitiven Neurowissenschaften setzen gewissermaßen voraus, dass die „kognitiven Atome“ bereits entdeckt wurden. Aber es scheint in diesen PET-Experimenten unmöglich zu sein, eine Experimentalbedingung zu schaffen, die von der Kontrollbedingung durch nur eine Aktion des Gehirns unterschieden ist. Die kognitiven Neurowissenschaftler setzen aber voraus, dass es so eine Art Periodensystem der kognitiven Elemente gibt. Das Problem ist, dass man jeden der von den Kognitionswissenschaftlern angenommenen basalen Prozesse ohne weiteres in weitere Subprozesse aufspalten kann (wobei man sich fragen muss, welcher Sinn darin zu sehen ist, ein vages Konstrukt durch drei andere vage Konstrukte zu ersetzen). Bei weitem herrscht hier keine Einigkeit.

Seit etwa 30 Jahren neigt man im öffentlichen Diskurs immer mehr dazu, das Erleben und Verhalten des Menschen auf eine vermeintliche „biologische“ Grundlage zurückzuführen. Insbesondere hat die pharmazeutische Industrie ein großes Interesse daran, dass psychische Krankheiten als „Störungen des Neurotransmitterhaushaltes“ angesehen werden. Als solche können sie dann mit deren Produkten behandelt werden. Doch, wie auch Hasler aufzeigt, die Belege für die biologische Verursachung psychischer Erkrankungen (jenseits der schon lange offenkundig organisch bedingten Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson) sind null. Hasler – von Haus aus ein Dr. pharm. – widmet diesem Aspekt des Neuro-Hypes den weitaus größten Raum.

Die üble Verquickung von Genforschung, Neurowissenschaften und pharmazeutischer Industrie wurde 2006 in einem Themenheft der Zeitschrift Behavior and Social Issues diskutiert. Auf verhalten.org habe ich das zusammengefasst:

  • Die „biologische Psychiatrie“ geht davon aus, dass neurochemische Dysbalancen, genetische Defekte und andere biologische Phänomene Störungen wie die Schizophrenie, Depressionen, Angststörungen, Drogenmissbrauch und Aufmerksamkeitsdefizit verursachen. Obschon sie die öffentliche Meinung und die Fachöffentlichkeit beherrscht, ist die empirische Grundlage für diese Auffassung dünner als man annehmen möchte. Dasselbe gilt für die Form der Psychiatrie, die vor allem bis ausschließlich auf den Einsatz von Medikamenten setzt: Auch die spezifische Wirksamkeit vieler Psychopharmaka ist zweifelhaft.

Auf nur acht Seiten schneidet Hasler das Problem des „Neuro-Essenzialismus“ an („Bin ich mein Gehirn?“). Die philosophischen Aspekte des Neuro-Hypes, die Frage nach dem Bewusstsein und der Willensfreiheit, sind gerade aus dem Blickwinkel des radikalen Behaviorismus sehr spannend. Hier hätte ich mir mehr „Futter“ erhofft. Ich werde dieses Thema in einem späteren Blogbeitrag aufgreifen.

Alles in allem: Ein Buch, dem ich viele Leser wünsche.

Hasler, Felix. (2012). Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Bielefeld: transcript Verlag.

ISBN 978-3-8376-1580-7

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik, Psychologie, radikaler Behaviorismus, Skepsis, Verhaltensanalyse

Einige kritische Anmerkungen zur Wissenschaftlichkeit in der Psychologie

Murray Goddard (2009) zeigt an etlichen Beispielen auf, wie schwer es gute Forschung in der Psychologie hat, wenn ihre Ergebnisse dem „gesunden Menschenverstand“ widersprechen und wie leicht plausibler Unfug Verbreitung findet. Im besonderen Maße leidet die Verhaltensanalyse unter diesen Umständen: Der radikale Behaviorismus widerspricht oft dem, was Laien für selbstverständlich halten. Die kognitive Psychologie tut sich leichter: Viele ihrer Konzepte sind lediglich die in eine wissenschaftlich klingende Sprache übersetzten Begriffe der Vernacular, der Alltagssprache.

Peters und Ceci (1982) reichten zwölf Artikel, die in den letzten 18 bis 32 Monaten in psychologischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden waren, erneut bei diesen Zeitschriften ein, jedoch unter einem anderen, unbekannten Namen (z. B. „Dr. Wade M. Johnston vom Tri-Valley Center for Human Potential“). Nur bei drei Artikeln wurde der Umstand, dass derselbe Artikel schon mal erschienen war, überhaupt bemerkt. Bei den anderen neun Artikeln sprachen sich 16 der 18 Gutachter gegen die Veröffentlichung aus. Zumeist wurden „schwere methodische Fehler“ als Grund für die Ablehnung genannt. Der Anteil der abgelehnten Artikel ist in der Psychologie mit rund 75 % höher als in den meisten anderen Disziplinen (in der Physik liegt diese Quote bei etwa 25 %, so Cole, 2000). Goddard (2009) vermutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein eingereichter Artikel veröffentlicht wird, in der Psychologie mehr davon abhängt, ob und wo der Autor bislang veröffentlicht hatte und weniger davon, wie gut oder schlecht der Artikel tatsächlich ist. Doch selbst wenn Artikel anonym eingereicht werden müssen, schützt dies nicht vor Verzerrungen. Goddard (2009) nennt etliche Beispiele:

Ein plausibles Studienergebnis wird mit höherer Wahrscheinlichkeit veröffentlicht als ein kontraintuitives. So wurde etwa Milgrams (1963) berühmtes Gehorsamsexperiment zunächst von zwei Fachzeitschriften abgelehnt, ehe es veröffentlicht werden konnte. Auch die Versuche von Garcia und Kollegen (Garcia & Koelling, 1966; Garcia, Ervin & Koelling, 1966) wurden erst abgelehnt. Die Versuche belegen, dass sich Abneigungen gegen Geräusche eher durch elektrische Schocks und Abneigungen gegen Speisen eher durch Geschmacksreize konditionieren lassen und dass sich letztere auch bei zeitliche Abständen von einer Stunde zwischen dem Geschmacksreiz und dem Auftreten von Übelkeit konditionieren lassen. Zudem werden Geschmacksaversionen auch dann klassisch konditioniert, wenn sich die Person darüber im Klaren ist, dass die entsprechende Speise nicht die Ursache der Übelkeit ist. Dies ist z. B. bei der Chemotherapie der Fall. Nahrungsmittel, die die Person vor der Chemotherapie gegessen hat (z. B. Speiseeis), werden danach als ekelerregend wahrgenommen, auch wenn der Patient weiß, dass die Übelkeit durch die Chemotherapie und nicht durch das Nahrungsmittel ausgelöst wurde (Carey & Burish, 1988).

In einer Studie von Rind, Tromovitch und Bauserman (1998) konnte gezeigt werden, dass nur wenige Menschen, die nach ihren Angaben als Kind sexuell missbraucht worden waren, als Erwachsene psychisch krank werden (die Korrelationen lagen deutlich unter 0,14). Die Studie belegt überzeugend, dass sexueller Missbrauch nicht notwendigerweise schädlich ist. Dennoch rief die Studie heftige Kritik hervor. In der in den USA populären Radiosendung „Dr. Laura“ wurde der Artikel als pseudowissenschaftlich (junk science) diffamiert. Dr. Laura zweifelte die Motive der Autoren an und schlug vor, dass Studienergebnisse, die dem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufen, als falsch angesehen werden sollten. Eine solche Aussage, der nach Goddards Ansicht (2009) die meisten Menschen zustimmen würden, macht jegliche Bemühungen um gute Forschungsmethoden (z. B. den Einsatz von Kontrollgruppen, die experimentelle Verblindung usw.) obsolet. Ähnlich argumentieren auch die Anhänger der Paramedizin: Homöopathie und andere Verfahren „wirkten“ doch augenscheinlich. Wenn in wissenschaftlichen Studien herauskäme, dass diese Wirkung nur auf einem Placeboeffekt beruhe, dann seien diese Forschungen irrelevant. Auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens verschafft sich der „Erfahrungsfundamentalismus“ („ich habe erlebt, dass es wirkt, also müssen die Forschungsergebnisse falsch sein“) immer breitere Geltung. So wird gerade von konservativen Politikern gerne behauptet, es sei doch selbstverständlich, dass härtere Strafen ein wirksames Mittel gegen kriminelles Verhalten seien. Diese Einschätzung ist vielleicht plausibel, sie lässt sich jedoch empirisch nicht belegen (Genderau, Smith & French, 2006). Sogenannte Boot Camps zeigen wenig Wirkung, aber sie entziehen den empirisch geprüften Methoden die notwendigen Ressourcen (Genderau, Goggin, Cullen & Andrews, 2000).

Auch die klinischen Praktiker (Therapeuten und Ärzte) kümmern  sich oft wenig um wissenschaftliche Erkenntnisse. So ist die kognitiv-verhaltenstherapeutische Therapie mehrfach als die am besten empirisch geprüfte und effizienteste Methode zur Behandlung von Bulimie bei Erwachsenen empfohlen worden (Wilson, Grilo & Vitousek, 2007), dennoch wird sie in der Praxis kaum eingesetzt. Vielen Therapeuten ist es schlicht egal, was die Wissenschaft sagt.

In besonderem Maße ist die Verhaltensanalyse von dieser Bevorzugung „plausibler“ Forschungsergebnisse betroffen. Viele Erkenntnisse der Verhaltensanalyse sind kontraintuitiv. Auch hier nennt Goddard (2009) einige Beispiele:

Hildum und Brown (1956) konnten in Telefoninterviews die Aussagen der Angerufenen dadurch beeinflussen, dass sie auf bestimmte Äußerungen (in denen die Angerufenen Ausgaben für die Bildung entweder befürworteten oder ablehnten) mit dem Wort „gut“ reagierten, auf andere aber nicht. Mit der Zeit häuften sich die Aussagen, auf die der Interviewer mit „gut“ reagierte, d. h. die Angerufene äußerte sich häufiger positiv (oder negativ) bezüglich der Ausgaben für die Bildung. Die Angerufenen waren sich dessen nicht bewusst und bestritten, durch die Reaktionen des Interviewers in ihren „Meinungen“ beeinflusst worden zu sein.

Wilson und Nisbett (1978) ließen ihre Versuchspersonen Wortpaare lernen (z. B. „Beeren – lila“ oder „Ozean – Mond“). Diese Lernerfahrung hatte Einfluss darauf, welche Antworten die Probanden anschließend in einem Test gaben. Probanden, die „Beeren – lila“ gelernt hatten, gaben z. B. auf die Frage welche Frucht ihnen als erstes einfällt, doppelt so häufig wie die anderen Versuchspersonen die Antwort „Trauben“. Das Gleiche galt für Probanden, die u. a. „Ozean – Mond“ gelernt hatten. Sie antworteten auf die Frage, welches Waschmittel ihnen als erstes einfällt, meist mit „Tide“ (englisch für „Flut“ – eine in den USA verbreitete Marke).

Auch im Bereich des Lernens am Modell (Imitationslernen) gibt es unerwartete Befunde. Phillips (1983) fand etwa, dass die Mordrate in den USA im Anschluss an Boxkämpfe um 10 % anstieg. Zudem scheint nicht nur die Art, wie sich Menschen umbringen, sondern auch die absolute Zahl an Suiziden, mit den in den Medien publizierten Fällen zu korrelieren (sog. Werther-Effekt), was man bedenken sollte wenn wieder mal über den Suizid eines Prominenten berichtet wird (Phillips, 1980).

Literatur

Carey, M. P. & Burish, T. G. (1988). Etiology and treatment of the psychological side effects associated with cancer chemotherapy: A critical review and discussion. Psychological Bulletin, 104(3), 307-325.

Cole, S. (2000). The role of journals in the growth of scientific knowledge. In B. Cronin & H. Barsky Atkins (Eds.), The web of knowledge: A festschrift in honor of Eugene Garfield (pp. 109-142). Medford, NJ: Information Today.

Garcia, J.; Ervin, F. R. & Koelling, R. A. (1966). Learning with prolonged delay of reinforcement. Psychonomic Science, 5, 121-122.

Garcia, J. & Koelling, R. A. (1966). The relation of cue to consequence in avoidance learning. Psychonomic Science, 5, 123-124.

Gendreau, P.; Goggin, C.; Cullen, F. T. & Andrews, D. A. (2000). Does “getting tough” with offenders work? The effects of community sanction and incarceration. Forum on Correctional Research, 12, 10-13.

Gendreau, P.; Smith, P. & French, S. A. (2006). The theory of effective correctional intervention: Empirical status and future directions. In F. T. Cullen, J. P. Wright, & K. R. Blevins (Eds.), Taking stock: The status of criminological theory (pp. 419-446). Piscataway, NJ: Transaction Publishers.

Goddard, Murray J. (2009). The impact of human intuition in psychology. Review of General Psychology, 13(2), 167-174.

Hildum, Donald C. & Brown, Roger W. (1956). Verbal reinforcement and interviewer bias. Journal of Abnormal and Social Psychology, 53(1), 108-111.

Milgram, S. (1963). Behavioral study of obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67, 371-378.

Peters, Douglas & Ceci, Stephen J. (1982). Peer-review practices of psychological journals: The fate of published articles, submitted again. Behavioral and Brain Sciences, 5(2), 187-255.

Phillips, D. P. (1980). Airplane accidents, murder, and the mass media: Towards a theory of imitation and suggestion. Social forces, 58, 1001-1024.

Phillips, D. P. (1983). The impact of mass media violence in U.S. homicides. American Sociological Review, 48, 560-568.

Wilson, G. T., Grilo, C. M., & Vitousek, K. M. (2007). Psychological treatment of eating disorders. American Psychologist, 62, 199-216.

Wilson, T. D., & Nisbett, R. E. (1978). The accuracy of verbal reports about the effects of stimuli on evaluations and behavior. Social Psychology,41, 118-131.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Psychologie, Skepsis, Verhaltensanalyse

Albert und Peter

Beim Bericht über die „Wahrheit über den kleinen Albert“ erwähnte ich, dass das Experiment von Watson und Rayner (1920) trotz seiner vielen Fehler zu den späteren Erfolgen der Verhaltenstherapie beitrug. Die wichtigsten Anwendungen der Verhaltenswissenschaften basieren auf dem operanten Konditionieren. Aber auch die Forschung zur klassischen  Konditionierung, die unter anderem Pawlow und Watson betrieben,  war der Ausgangspunkt für therapeutische Anwendungen.

Die Vorgänge beim klassischen Konditionieren spielen eine große Rolle in der Therapie von Phobien. Watson und Rayner (1920) induzierten mittels der klassischen Konditionierung eine phobische Reaktion auf Ratten bei einem 11 Monate alten Jungen („Albert“), indem sie jedes Mal, wenn sich eine Ratte in der Nähe befand, durch ein lautes Geräusch eine Schreckreaktion bei Albert auslösten. Binnen kurzen zeigte Albert, der zuvor mit den Ratten gespielt hatte, alle Anzeichen der Angst, sobald sich eine Ratte zeigte.

Mary Cover Jones (1924a; 1924b) wiederum konnte durch Techniken auf der Grundlage des klassischen Konditionierens die Angst vor Kaninchen bei einem dreijährigen Jungen („Peter“) therapieren. Jedes Mal, wenn sich ein Kaninchen in Peters Sichtfeld befand, erhielt das Kind Kekse und Milch. Nach und nach wurde der Abstand zwischen Peter und dem Kaninchen verkleinert, sodass das Kind zuletzt dasaß, Kekse aß, Milch trank und dabei das Kaninchen streichelte. Man bezeichnet diese Form der Therapie von Phobien als Gegenkonditionierung.

Literatur

Jones, M. C. (1924a). The elemination of children’s fears. Journal of Experimental Psychology, 7, 382-390.

Jones, M. C. (1924b). A laboratory study of fear: The case of Peter. Pedagogical seminary, 31, 308-315.

Watson, J. B. & Rayner, R. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-4.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte, Psychologie

Die Wahrheit über den „kleinen Albert“

Der untenstehende Artikel ist zwischenzeitig durch eine neue, besser begründete Arbeit in die Kritik geraten. Mittlerweile halte ich es aufgrund dieser Belege für sehr wahrscheinlich, dass Douglas Merritte nicht „Albert“ war, unter anderem dehalb, weil es zur gleichen Zeit am John-Hopkins-Hospital eine andere Amme mit einem Kind namens Albert B. (!) gab, auf den die Aussagen und anderern Dokumente zu Watsons „Albert“ deutlich besser zutreffen (dieser Albert war zudem „gesund und gut entwickelt“). Einen ausführlichen Blogbeitrag zu diesem Thema finden Sie hier.

Hier die alte, mittlerweile überholte „Skandal-Geschichte“:

Der „kleine Albert“ scheint wohl nicht „gesund und normal entwickelt“ gewesen zu sein. Zudem lief in Watsons klassischem Experiment so viel schief, dass es als Beleg für das klassische Konditionieren beim Menschen kaum taugt.

Zu Beginn einen durchaus kritischen Beitrag zur Geschichte des Behaviorismus. Obgleich er mit der Grundlage der Verhaltensanalyse, dem radikalen Behaviorismus, recht wenig zu tun hat, ist die Arbeit von John Watson dennoch sehr wichtig für die Geschichte der Verhaltenswissenschaft. Watson setzte die Arbeiten von Iwan Pawlow zum sog. klassischen Konditionieren fort und machten den Behaviorismus „als solchen“ (die Überzeugung, dass das Verhalten Gegenstand der Psychologie sein sollte) bekannt.

Berühmt-berüchtigt ist die Studie, die er mit seiner Mitarbeiterin und späteren Frau Rosalie Rayner mit einem gerade mal elf Monate alten Jungen, dem „kleinen Albert“ durchführte. Watson und Rayner konnten hier angeblich zeigen, dass sich emotionale Reaktionen (die Angstreaktion) klassisch konditionieren lassen und dass zudem das Prinzip der Reizgeneralisation (die Angstreaktion wird nicht nur vom ursprünglichen Objekt, sondern auch ähnlichen Objekten ausgelöst) auch für diesen Fall gilt. Watson und Rayner (1920) präsentierten dem ruhig dasitzenden Albert mehrere Objekte, gegenüber denen Albert keine besondere emotionale Reaktion zeigte. Auch gegenüber Ratten zeigte er anfangs nur ein spielerisches Interesse, aber keine Angst. Die Konditionierung sollte dann so vonstattengegangen sein: Jedes Mal, wenn sich Albert in der Gegenwart der Ratte befand, erzeugten Watson und Rayner ein lautes Geräusch. Dieses laute Geräusch hatte eine unkonditionierte Schreckreaktion zur Folge (Albert fiel um und weinte). Nachdem Ratte und lautes Geräusch mehrmals zusammen aufgetreten waren, zeigte Albert die Schreckreaktion auch dann, wenn er nur die Ratte sah. Bei späteren Terminen soll Albert diese Schreckreaktion dann auch bei anderen Objekten gezeigt haben, die der Ratte in bestimmter Hinsicht glichen (darunter einem Pelzmantel und einem Bart).

Viele Legenden rankten sich um die Person des kleinen Albert, der aus der Studie entlassen wurde, ohne dass seine Angst vor Ratten (und anderen „haarigen“ Objekten) wieder gelöscht (therapiert) worden wäre.

Mittlerweile weiß man, dass „der kleine Albert“ in Wirklichkeit ein gewisser Douglas Merritte (1919-1925) war, der Sohn von Arvilla Merritte, einer ledigen Mutter, die sich zurzeit von Watson und Rayners (1920) Untersuchung am John Hopkins Hospital als Amme verdingte (Beck, Levinson & Irons, 2009). Zudem scheint Douglas schon von Geburt an schwere neurologische Schäden gezeigt zu haben (Hydrocephalus – einen sog, Wasserkopf), was wohl erklärt, warum er so auffallend ruhig wirkte (vgl. Watson, 1923). Allem Anschein nach muss sich Watson über den Gesundheitszustand des Kindes im Klaren gewesen sein und hat ihn absichtlich und fälschlicherweise als „normal und gesund“ („…he was healthy from birth and one of the best developed youngsters ever brought to the hospital“, Watson & Rayner, 1920, S. 1), dargestellt („…Watson knowingly misrepresented Albert’s medical condition“, Fridlund et al., 2012, S. 24).

Alan Fridlund (Fridlund et al., 2012) bat den Kinderneurologen William Goldie, den Film, den Watson (1923) von den Experimenten mit Albert gedreht hatte, zu begutachten (Goldie wusste nicht, um wen es sich handelte). Demzufolge muss Albert schwere neurologische Schäden gehabt haben. Insbesondere dürfte er hochgradig sehbehindert gewesen sein. Kinder mit einem Plagiocephalus werden oft als „zu brav“ beschrieben. Der Neffe von Douglas Merritte, Gary Irons, erinnerte sich daran, wie in der Familie über Douglas gesprochen wurde. Er scheint demnach nie das Laufen und Sprechen gelernt zu haben. Auch die im Besitz der Familie befindlichen Papiere und weitere ärztliche Unterlagen, die die Autoren anforderten, weisen darauf hin, dass Douglas von Geburt an schwere neurologische Schäden hatte, an denen er letztlich auch verstarb. Dass aber Douglas mit Albert identisch ist, geht aus den zahlreichen Übereinstimmungen in ihren biographischen Details einher: Das Alter, die Zeit, in der sich Arvilla Merritte am John Hopkins Hospital aufhielt u. v. m. Auch das Aussehen von Albert und Douglas ist auffallend ähnlich, was sich durch Messungen der Schädelmaße auf den Bildern bestätigen lässt.

Die Experimente mit dem kleinen Albert werden als Beleg für klassisches Konditionieren beim Menschen im Allgemeinen und für die Reizgeneralisation im Speziellen betrachtet. Bei genauer Betrachtung taugen die Versuche nicht für einen solchen Nachweis. Zu viel lief schief und zu viel wurde getrickst, als dass sich die Resultate verwerten ließen (Gilovich, 1991; Harris, 1979). Insbesondere hat Watson selbst dazu beigetragen, dass sich die Ergebnisse des Experiments nie so recht replizieren ließen, indem er verschwieg, wie es wirklich um Alberts Gesundheitszustand bestellt war.

Bei aller berechtigter Empörung über Watsons ethisches Versagen sollte man auch den historischen Kontext betrachten. Behinderte Kinder in geschlossenen Einrichtungen mussten damals für alle möglichen Experimente herhalten, einfach deshalb, weil sie leicht verfügbar waren. Die ersten Impfstoffe gegen Syphilis, Tuberkulose und Diphtherie wurden an Heimkindern getestet, die die Keime anschließend injiziert bekamen, um die Wirkung zu testen (Lederer, 2003). Demgegenüber sind Watsons Konditionierungsversuche an einem behinderten Kind vergleichsweise harmlos (so Fridlund et al., 2012, S. 26). Watson war sich der forschungsethischen Dimension seiner Experimente mit Albert bewusst und versuchte sich immer wieder zu rechtfertigen (z. B. Watson, 1928, S. 54), dass er so eine Möglichkeit geschaffen habe, die Ängste von Millionen Menschen zu behandeln. Watson behielt ironischerweise recht: Es waren auch die (im Grunde wissenschaftlich wertlosen und ethisch nicht nur fragwürdigen, sondern abzulehnenden) Versuche mit dem „kleinen Albert“, die zu den erstaunlichen Fortschritten auf dem Gebiet der Verhaltenstherapie geführt haben.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2), 151-160.

Lederer, S. E. (2003). Children as Guinea pigs: Historical perspectives. Accountability in Research, 10, 1-16.

Watson, J. B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, J. B. (1928). Psychological care of the infant and child. New York, NY: Norton.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte, Kritik, Psychologie, Verhaltensanalyse

Willkommen

Willkommen zu „Verhalten usw.“, dem Blog, das Sie über Neuigkeiten aus der Welt der Verhaltensanalyse informiert. Die Verhaltensanalyse ist die (Natur-)Wissenschaft vom Verhalten (engl.: experimental / applied behavior analysis). Ich habe bereits seit einigen Jahren Informationen über die Verhaltensanalyse auf der Internetseite www.verhalten.org und in einer Xing-Gruppe zum Thema bereit gestellt, bin nun aber zu dem Schluss gekommen, dass ein Blog womöglich die beste Methode ist, die (in Deutschland leider kaum bekannte, in den USA und anderen Ländern verbreitete) Wissenschaft der Verhaltensanalyse bekannter zu machen. Ab jetzt finden Sie hier das, was ich so finde, wenn ich mich durch die Fachliteratur kämpfe, in (hoffentlich) allgemeinverständlicher Form aufbereitet und wenn nötig auch von mir kommentiert. Sie sind alle eingeladen, zu lesen, zu fragen und auch zu diskutieren.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Administratives, Verhaltensanalyse