Molarer und molekularer Behaviorismus

Die molekulare Sichtweise auf das Verhalten betrachtet momentane Ereignisse und die momentane Verursachung. Dies führt dazu, dass oft hypothetische momentane Ereignisse und Ursachen angenommen werden müssen, wenn sich keine anderen finden lassen. Die molare Sichtweise auf das Verhalten dagegen betrachtet eher den Verhaltensstrom und ausgedehnte Ereignisse. Die molare Sichtweise geht zurück auf Baum und Rachlin (1969, PDF 1,74 MB), ausgearbeitet von Baum (1973, PDF 2,71 MB). Baum (2003) erläutert die Unterschiede zwischen den beiden Sichtweisen.

Ein Beispiel für den Unterschied zwischen molekularer und molarer Sichtweise ist die Betrachtung von Münzwürfen. Die molekulare Sichtweise fragt, warum dieser eine Münzwurf „Kopf“ oder „Zahl“ ergeben hat und sucht nach Ursachen in der unmittelbaren Situation. Nur die molare Sichtweise kennt dagegen das Konzept der Wahrscheinlichkeit. Bei einem einzelnen Münzwurf ist es unsinnig, zu sagen, der Wurf ergebe mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,5 „Kopf“. Betrachtet man aber viele Münzwürfe über die Zeit hinweg, dann ist es sehr wohl sinnvoll, eine Wahrscheinlichkeit anzugeben.

WürfelDer Begriff der „Auftretenswahrscheinlichkeit“ eines Verhaltens ist nur dann sinnvoll, wenn man den Verhaltensstrom über die Zeit hinweg betrachtet. Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit, beim Würfeln eine „6“ zu bekommen nur dann ein Sechstel, wenn man viele Würfe hintereinander betrachtet.

Aus molekularer Sicht heraus ist jede einzelne Verhaltensweise ein einzelnes Vorkommnis, die Häufigkeit des Verhaltens ist eine abgeleitete Größe. Aus molarer Sicht ist es genau umgekehrt: Das Verhaltensmuster (die Verhaltenshäufigkeit) ist die konkrete Größe, die momentane Handlung ist das Abstrakte. Die Verhaltenshäufigkeit existiert als ein Muster des Verhaltens über die Zeit hinweg. Da jedes Verhalten Zeit braucht, ist die Idee einer Verhaltensweise zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Abstraktion, eine abgeleitete Vorstellung nach dem Ereignis. Zum Beispiel ist das Picken einer Taube auf eine Scheibe ein Verhaltensmuster über die Zeit hinweg, das den Bruchteil einer Sekunde dauert. Wie klein man den Zeitraum fasst und wie weit man das Picken in Unter-Handlungen aufteilt, ist eine Frage des Forschungsinteresses und nichts, was von Natur aus gegeben wäre.

Die molekulare Betrachtungsweise bedingt, dass Verstärker immer unmittelbar auf das Verhalten folgen müssen. Aus molarer Sicht sollten Verstärker mit den Verhaltensmustern, die sie verstärken, kovariieren. Die molekulare Sichtweise ist verbreiteter, denn ihr hilft das Vorurteil, dass Ursachen den Wirkungen immer unmittelbar vorausgehen müssen.

Um etwa Vermeidungsverhalten zu erklären, muss der molekulare Behaviorist auf eine Zwei-Faktoren-Theorie zurückgreifen. Es muss eine Vermeidungshandlung geben, auf die ein Verstärker folgt. Wenn es keinen Verstärker gibt, muss man einen erfinden, z. B. die Reduzierung der Angst vor dem vermiedenen Reizereignis. Angst ist jedoch ein Verhalten, sie kann nicht anderes (offenes) Verhalten (negativ) verstärken. Oft ist auch kein angstauslösender Reiz vorhanden, der durch das Vermeidungsverhalten beendet oder vermieden wird. Der molekulare Behaviorist muss nun auch diesen Reiz erfinden, etwa indem er ihn „im Geiste“ der Person vorhanden sein lässt.

Die molare Sichtweise auf das Vermeidungsverhalten ist eine andere. Vermeidungsverhalten tritt auf, weil während des Vermeidungsverhaltens die Häufigkeit des schädlichen Ereignisses geringer ist, als wenn das Vermeidungsverhalten nicht gezeigt wird. Menschen vermeiden z. B. sensible Themen in Gesprächen, um die Wahrscheinlichkeit, dass es zu peinlichen Situationen kommt, zu verringern. Menschen schließen Versicherungen ab, um die Wahrscheinlichkeit, dass sie finanzielle Härten erleiden müssen, zu verringern.

Ein anderes Beispiel, das den Unterschied zwischen der molekularen und der molaren Sichtweise auf das Verhalten verdeutlicht, ist das regelgeleitete Verhalten. Regelgeleitetes Verhalten ist ein Problem für den molekularen Behavioristen, weil es wegen der langfristigen Konsequenzen auftritt (z. B. jetzt lernen, um später die Prüfung zu bestehen). Aus Sicht des molekularen Behavioristen muss es also eine unmittelbar wirksame Konsequenz geben, die das Verhalten aufrechterhält. Mallott (2001, PDF 2,53 MB)

) z. B. nimmt an, dass Gedanken und Selbstbestrafungen das regelgeleitete Verhalten aufrechterhalten. Wir verhalten uns regelgeleitet, weil wir die unangenehmen Gedanken (z. B. das „schlechte Gewissen“), vermeiden oder beenden wollen, die mit dem Verzicht auf dieses Verhalten verbunden wären. Auch hier wird eine hypothetische unmittelbare Ursache erfunden, um das unmittelbare Verhalten zu erklären.

Aus molarer Sicht dagegen ist eine Regel ein diskriminativer Stimulus, der von einer Person erzeugt wird, die das Verhalten einer anderen Person kurzfristig verstärkt, wenn sie sich nach dieser Regel verhält (ich lerne und werde gelobt). Langfristig wird das Verhalten aufgrund der Wirkung der Regel an sich verstärkt (ich lerne und bestehe die Prüfung). Die Regel muss dafür nicht „internalisiert“ werden.

Verhalten beinhaltet immer eine Entscheidung, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt so und nicht anders zu verhalten. Aus molarer Sicht ist dieses Muster die interessierende Größe. Aus molekularer Sicht dagegen hat jedes Verhalten eine bestimmte Reaktionsstärke, die im Moment nicht beobachtbar ist. Gegenstand der molekularen Sicht ist das einzelne Verhalten. Die molare Sicht beschäftigt sich mit dem Verhaltensmuster. Eine nicht-beobachtbare Reaktionsstärke muss nicht angenommen werden.

Auch in praktischer Hinsicht ist die molare Sicht von Vorteil. Sie ermöglicht mehr Flexibilität in Hinsicht auf die Ziele und Behandlungsoptionen. Statt nach der Verhaltenshäufigkeit fragt man eher nach der Zeit, die auf bestimmte Verhaltensweisen verwendet wird. Man zählt also nicht Häufigkeiten sondern man misst die Zeit.

Literatur

Baum, William M. (2003). The molar view of behavior and its usefulness in behavior analysis. The Behavior Analyst Today, 4(1), 78-81.

PDF der Zeitschrift 1,42 MB

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Eingeordnet unter Philosopie, radikaler Behaviorismus, Verhaltensanalyse

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