Für wissenschaftlich fundierte Pädagogik, gegen Esoterik

Gibt’s das eigentlich, „wissenschaftlich fundierte Pädagogik“? – Das Lehren scheint noch immer mehr als eine Kunst betrachtet zu werden. Anthroposophen dagegen machen die Pädagogik zur Esoterik. Gegen den Versuch, das staatliche Bildungssystem zu unterwandern, wendet sich eine Petition der Skeptiker.

Pädagogik wird in Deutschland noch meistenteils wie eine Geisteswissenschaft betrieben. Man kann aber auch mit den Methoden der Erfahrungswissenschaften erforschen, ob eine bestimmte Lehrmethode erfolgreich ist oder nicht. Verhaltensanalytisch fundierte Lehrmethoden sind vielfach empirisch auf ihre Wirksamkeit geprüft worden, d. h.

  • Ob sie dazu führen, dass die Schüler schneller und besser lernen,
  • ob die Kinder auch sonst – emotional, in Hinsicht auf ihre Persönlichkeitsentwicklung usw. – profitieren und
  • ob die Schüler und deren Eltern mit diesen Lehrmethoden zufrieden sind.

In allen Bereichen schnitten die verhaltensanalytischen Methoden besser ab als die anderen getesteten Lehrmethoden. In den siebziger Jahren fand eine große Studie zum Thema statt, bei der auch die verhaltensanalytisch fundierte Methode der direct instruction mit anderen Methoden verglichen wurde.

  • In den Vereinigten Staaten wurde 1967 eine groß angelegte Studie gestartet, deren Zweck es war, geeignete Methoden zu finden, um diese Lücke zu schließen: Project Follow Through. Es handelt sich um die größte, je durchgeführte Studie zum Vergleich der Effektivität verschiedener Unterrichtskonzepte. 700 000 Schüler in 170 Gemeinden der USA nahmen daran teil. Es handelte sich um eine experimentelle Studie: Die Eltern der Schüler an den verschiedenen Schulen konnten entscheiden, welches von 22 zur Wahl stehenden Modellen an ihrer Schule umgesetzt werden sollte. Die Schule wurde dann mit einer anderen Schule verglichen, in der das Modell nicht eingeführt wurde, die aber ansonsten in allen denkbaren Parametern der Experimentalschule entsprach. Letztlich wurden so 12 verschiedene Modelle getestet, darunter vier kind-zentrierte Pädagogik-Konzepte und die direkte Instruktion (Direct instruction), welche von vielen Eltern bevorzugt wurde und allein in 18 Schuldistrikten getestet wurde. 1977 wurden die Ergebnisse verglichen. Zum Einsatz kamen dabei neben verschiedenen Schulleistungs- und Intelligenztests auch Erhebungsverfahren für die emotionale Reife und die soziale Kompetenz der Schüler. Dabei zeigte sich, dass die direkte Instruktion in allen Bereichen (auch den emotionalen und sozialen) den anderen Konzepten und natürlich auch dem traditionellen Unterricht deutlich überlegen war. (Verhalten.org)

Die Entscheidung, mit welchen Methoden unsere Kinder unterrichtet werden, hängt jedoch (leider, möchte man sagen) nicht nur von Forschungsergebnissen, sondern auch und vor allem von politischen und weltanschaulichen Vorstellungen ab.

  • Dies führte nun aber nicht dazu, dass die direkte Instruktion in vielen Schulen begeistert aufgenommen wurde. Noch bevor die Ergebnisse der Studie offiziell veröffentlicht wurden, meldete sich ein Sponsor der Studie, die Ford Foundation, mit einer Kritik zu Wort, die dazu führte, dass das Erziehungsministerium eine Blanko-Empfehlung für alle getesteten Verfahren herausgab (Watkins, 1995). Ein Kritiker (Glass, 1993) von Project Follow Through gab gar an, dass Lehrer keine statistischen Ergebnisse von Experimenten bräuchten, um entscheiden zu können, wie sie Kinder am besten unterrichten sollen: Eine Absage an wissenschaftliches Vorgehensweisen.

In Hamburg versucht man zurzeit, einer empirisch nicht fundierten, esoterischen Form der Pädagogik besondere Förderung zu verschaffen. Geplant ist, die erste staatliche Waldorfschule zu gründen. Bisher waren Waldorfschulen „freie“, d. h. private Schulen. Durch die staatliche Finanzierung und Verwaltung soll nun der Waldorfpädagogik (vgl. Jacob & Drewes, 2004; Wagner, 2012)  die höhere Weihe und Anerkennung verschafft werden, die ihr bisher noch fehlt. Und all das soll mit Steuergeldern finanziert werden.

Dagegen protestiert die Skeptikervereinigung GWUP:

  • Wir wünschen uns eine Schulbildung, in der man die Vielfalt der wissenschaftlichen Erkenntnis vermittelt wird, anstatt sich mit der Wiedergabe alter Mythen und Märchen zufriedenzugeben. Wir wünschen uns eine Schulbildung, die Kindern Freude und Staunen über eine Welt lehrt, die man untersuchen, erforschen und verstehen kann. Wir wünschen uns eine Schulbildung, in der Kinder ermutigt werden, sich selbst, ihre Lehrer und das bisher Erforschte zu hinterfragen, zu testen und zu korrigieren. Mit der Waldorfpädagogik sind diese Wünsche nicht vereinbar. Wir fordern daher eindringlich, vom geplanten Schulversuch Abstand zu nehmen und statt esoterischer Lehren ein aufgeklärtes, modernes, wissenschaftliches Weltbild ins Zentrum der Schulbildung zu stellen.

Mehr Informationen zur Waldorfpädagogik und die Möglichkeit zur Zeichnung der Petition finden Sie hier.

Literatur

Jacob, Sybille Christin & Drewes, Detlef. (2004). Aus der Waldorf-Schule geplaudert. Warum die Steiner-Pädagogik keine Alternative ist. Aschaffenburg: Alibri.

ISBN 3-932710-84-3

€ 14,50

Wagner, Irene. (2012). Rudolf Steiners langer Schatten. Aschaffenburg: Alibri.

ISBN 978-3-86569-069-2

€ 24,00

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Pädagogik, Skepsis, Verhaltensanalyse

Eine Antwort zu “Für wissenschaftlich fundierte Pädagogik, gegen Esoterik

  1. Pingback: Zeitgenossen über Rudolf Steiner | Verhalten usw.

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