Die Wahrheit über den „kleinen Albert“

Der untenstehende Artikel ist zwischenzeitig durch eine neue, besser begründete Arbeit in die Kritik geraten. Mittlerweile halte ich es aufgrund dieser Belege für sehr wahrscheinlich, dass Douglas Merritte nicht „Albert“ war, unter anderem dehalb, weil es zur gleichen Zeit am John-Hopkins-Hospital eine andere Amme mit einem Kind namens Albert B. (!) gab, auf den die Aussagen und anderern Dokumente zu Watsons „Albert“ deutlich besser zutreffen (dieser Albert war zudem „gesund und gut entwickelt“). Einen ausführlichen Blogbeitrag zu diesem Thema finden Sie hier.

Hier die alte, mittlerweile überholte „Skandal-Geschichte“:

Der „kleine Albert“ scheint wohl nicht „gesund und normal entwickelt“ gewesen zu sein. Zudem lief in Watsons klassischem Experiment so viel schief, dass es als Beleg für das klassische Konditionieren beim Menschen kaum taugt.

Zu Beginn einen durchaus kritischen Beitrag zur Geschichte des Behaviorismus. Obgleich er mit der Grundlage der Verhaltensanalyse, dem radikalen Behaviorismus, recht wenig zu tun hat, ist die Arbeit von John Watson dennoch sehr wichtig für die Geschichte der Verhaltenswissenschaft. Watson setzte die Arbeiten von Iwan Pawlow zum sog. klassischen Konditionieren fort und machten den Behaviorismus „als solchen“ (die Überzeugung, dass das Verhalten Gegenstand der Psychologie sein sollte) bekannt.

Berühmt-berüchtigt ist die Studie, die er mit seiner Mitarbeiterin und späteren Frau Rosalie Rayner mit einem gerade mal elf Monate alten Jungen, dem „kleinen Albert“ durchführte. Watson und Rayner konnten hier angeblich zeigen, dass sich emotionale Reaktionen (die Angstreaktion) klassisch konditionieren lassen und dass zudem das Prinzip der Reizgeneralisation (die Angstreaktion wird nicht nur vom ursprünglichen Objekt, sondern auch ähnlichen Objekten ausgelöst) auch für diesen Fall gilt. Watson und Rayner (1920) präsentierten dem ruhig dasitzenden Albert mehrere Objekte, gegenüber denen Albert keine besondere emotionale Reaktion zeigte. Auch gegenüber Ratten zeigte er anfangs nur ein spielerisches Interesse, aber keine Angst. Die Konditionierung sollte dann so vonstattengegangen sein: Jedes Mal, wenn sich Albert in der Gegenwart der Ratte befand, erzeugten Watson und Rayner ein lautes Geräusch. Dieses laute Geräusch hatte eine unkonditionierte Schreckreaktion zur Folge (Albert fiel um und weinte). Nachdem Ratte und lautes Geräusch mehrmals zusammen aufgetreten waren, zeigte Albert die Schreckreaktion auch dann, wenn er nur die Ratte sah. Bei späteren Terminen soll Albert diese Schreckreaktion dann auch bei anderen Objekten gezeigt haben, die der Ratte in bestimmter Hinsicht glichen (darunter einem Pelzmantel und einem Bart).

Viele Legenden rankten sich um die Person des kleinen Albert, der aus der Studie entlassen wurde, ohne dass seine Angst vor Ratten (und anderen „haarigen“ Objekten) wieder gelöscht (therapiert) worden wäre.

Mittlerweile weiß man, dass „der kleine Albert“ in Wirklichkeit ein gewisser Douglas Merritte (1919-1925) war, der Sohn von Arvilla Merritte, einer ledigen Mutter, die sich zurzeit von Watson und Rayners (1920) Untersuchung am John Hopkins Hospital als Amme verdingte (Beck, Levinson & Irons, 2009). Zudem scheint Douglas schon von Geburt an schwere neurologische Schäden gezeigt zu haben (Hydrocephalus – einen sog, Wasserkopf), was wohl erklärt, warum er so auffallend ruhig wirkte (vgl. Watson, 1923). Allem Anschein nach muss sich Watson über den Gesundheitszustand des Kindes im Klaren gewesen sein und hat ihn absichtlich und fälschlicherweise als „normal und gesund“ („…he was healthy from birth and one of the best developed youngsters ever brought to the hospital“, Watson & Rayner, 1920, S. 1), dargestellt („…Watson knowingly misrepresented Albert’s medical condition“, Fridlund et al., 2012, S. 24).

Alan Fridlund (Fridlund et al., 2012) bat den Kinderneurologen William Goldie, den Film, den Watson (1923) von den Experimenten mit Albert gedreht hatte, zu begutachten (Goldie wusste nicht, um wen es sich handelte). Demzufolge muss Albert schwere neurologische Schäden gehabt haben. Insbesondere dürfte er hochgradig sehbehindert gewesen sein. Kinder mit einem Plagiocephalus werden oft als „zu brav“ beschrieben. Der Neffe von Douglas Merritte, Gary Irons, erinnerte sich daran, wie in der Familie über Douglas gesprochen wurde. Er scheint demnach nie das Laufen und Sprechen gelernt zu haben. Auch die im Besitz der Familie befindlichen Papiere und weitere ärztliche Unterlagen, die die Autoren anforderten, weisen darauf hin, dass Douglas von Geburt an schwere neurologische Schäden hatte, an denen er letztlich auch verstarb. Dass aber Douglas mit Albert identisch ist, geht aus den zahlreichen Übereinstimmungen in ihren biographischen Details einher: Das Alter, die Zeit, in der sich Arvilla Merritte am John Hopkins Hospital aufhielt u. v. m. Auch das Aussehen von Albert und Douglas ist auffallend ähnlich, was sich durch Messungen der Schädelmaße auf den Bildern bestätigen lässt.

Die Experimente mit dem kleinen Albert werden als Beleg für klassisches Konditionieren beim Menschen im Allgemeinen und für die Reizgeneralisation im Speziellen betrachtet. Bei genauer Betrachtung taugen die Versuche nicht für einen solchen Nachweis. Zu viel lief schief und zu viel wurde getrickst, als dass sich die Resultate verwerten ließen (Gilovich, 1991; Harris, 1979). Insbesondere hat Watson selbst dazu beigetragen, dass sich die Ergebnisse des Experiments nie so recht replizieren ließen, indem er verschwieg, wie es wirklich um Alberts Gesundheitszustand bestellt war.

Bei aller berechtigter Empörung über Watsons ethisches Versagen sollte man auch den historischen Kontext betrachten. Behinderte Kinder in geschlossenen Einrichtungen mussten damals für alle möglichen Experimente herhalten, einfach deshalb, weil sie leicht verfügbar waren. Die ersten Impfstoffe gegen Syphilis, Tuberkulose und Diphtherie wurden an Heimkindern getestet, die die Keime anschließend injiziert bekamen, um die Wirkung zu testen (Lederer, 2003). Demgegenüber sind Watsons Konditionierungsversuche an einem behinderten Kind vergleichsweise harmlos (so Fridlund et al., 2012, S. 26). Watson war sich der forschungsethischen Dimension seiner Experimente mit Albert bewusst und versuchte sich immer wieder zu rechtfertigen (z. B. Watson, 1928, S. 54), dass er so eine Möglichkeit geschaffen habe, die Ängste von Millionen Menschen zu behandeln. Watson behielt ironischerweise recht: Es waren auch die (im Grunde wissenschaftlich wertlosen und ethisch nicht nur fragwürdigen, sondern abzulehnenden) Versuche mit dem „kleinen Albert“, die zu den erstaunlichen Fortschritten auf dem Gebiet der Verhaltenstherapie geführt haben.

Literatur

Beck, Hall P.; Levinson, Sharman & Irons, Gary. (2009). Finding Little Albert: A journey to John B. Watson’s infant laboratory. American Psychologist, 64(7), 605-614.

Fridlund, Alan J.; Beck, Hall P.; Goldie, William D. & Irons, Gary. (2012). Little Albert: A neurologically impaired child. History of Psychology, 15(4), 302-327.

Gilovich, Thomas. (1991). How we know what isn’t so: The fallibility of human reason in everyday life. New York: The Free Press.

Harris, Ben. (1979). Whatever happened to Little Albert? American Psychologist, 34(2), 151-160.

Lederer, S. E. (2003). Children as Guinea pigs: Historical perspectives. Accountability in Research, 10, 1-16.

Watson, J. B. (Writer/Director). (1923). Experimental investigation of babies [Motion picture]. United States: C. H. Stoelting Co.

Watson, J. B. (1928). Psychological care of the infant and child. New York, NY: Norton.

Watson, John B. & Rayner, Rosalie. (1920). Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte, Kritik, Psychologie, Verhaltensanalyse

4 Antworten zu “Die Wahrheit über den „kleinen Albert“

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